Die dunkle Seite des Reschensees

Viele Einwohner der alten Dörfer zwangsenteignet und vertrieben

E. S. | Alle Wege führen einer alten Redewendung zufolge nach Rom. So weit wollen wir allerdings nicht, sondern nur von Frankfurt nach Südtirol. Einige Berge der Alpen müssen wir trotzdem passieren, um unser Ziel Meran zu erreichen. Bei unserer Reise wählen wir diesmal nicht den schnelleren und bequemeren Weg via Autobahn über München, Kufstein, Innsbruck und Brenner, sondern fahren über den Reschenpaß, wobei wir auch noch die Autobahn-Maut einsparen. Über die A 7 rollen wir von Ulm aus bis nach Füssen, passieren auf Landstraßen den Fernpaß sowie die Städtchen Landeck, Pfunds und Nauders, queren dann – fast ohne es zu bemerken – die Staatsgrenze zwischen Österreich und Italien und erreichen zuerst die kleine Gemeinde Reschen und gleich darauf das etwas größere Graun.

Der Glockenturm der uralten Kirche St. Katharina ragt heutzutage als beliebtes Fotomotiv aus dem Reschensee (Foto: Clipdealer)
Der Glockenturm der uralten Kirche St. Katharina ragt heutzutage als beliebtes Fotomotiv aus dem blaugrünen Reschensee (Foto: Clipdealer)

Auf der rechten Seite schimmert an diesem Tag tiefblau der Reschensee, der Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre angelegte, etwa sechs Kilometer langer Stausee, welcher vor allem der Stromversorgung des Vinschgaus dient. Aus dem Wasser ragt einsam ein Kirchturm, unzählige Male von den zahlreichen Touristen abgelichtet. Das wunderschöne Objekt für die Fotografen wirkt wie aus einem Bilderbuch, hat allerdings auch Flecken, denn kaum jemanden der Vorbeireisenden ist sich der Tatsache bewußt, dass diese hübsche Idylle einen dunklen Hintergrund hat. „Die dunkle Seite des Reschensees“ weiterlesen

„Filmpalast“ als Kino-Schmuckstück

Nostalgischer Blick auf ein pompöses Lichtspielhaus mit 1500 Plätzen

E. S. | In Zeiten der großen Multiplex-Kinos mit ihren unterschiedlich großen Sälen, werden oft Erinnerungen wach an die palastartigen Lichtspielhäuser, die Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre das Bild in den Großstädten prägten. Bedingt durch die Entbehrungen und Leiden des Zweiten Weltkrieges gab es in den Westzonen und der späteren Bundesrepublik Deutschland einen Kinoboom ohnegleichen, denn die Menschen suchten Ablenkung und Unterhaltung. Die Lichtspielhäuser schossen damals wie Pilze aus dem Boden. Alteingessene Kinobetreiber und Neueinsteiger balgten sich um den (vermeintlich) großen Kuchen. In dieser „Goldgräber”-Atmosphäre entstand in Frankfurt am Main mit dem Filmpalast in der Großen Friedberger Straße 26-28, nur wenige Meter von der traditionsreichen Konstablerwache entfernt, das bis dahin größte Kino der Stadt: – mit sage und schreibe 1500 Plätzen.

Klappern gehört zum Handwerk: Mit der Besucherzahl von über einer Million wurden neue Zuschauer angelockt (Foto: Clipdealer)
Klappern gehört zum Handwerk: Mit der Zahl von über einer Million Besuchern im ersten Jahr wurde kräftig geworben (Foto: Clipdealer)

Zur festlichen Eröffnung wurde am 27. September 1949 der französische Film „Von Mensch zu Mensch” gezeigt, in dem das Leben von Henri Dunant, dem Begründer des Roten Kreuzes, nachgezeichnet wird. Für die Premiere hatte sich Besitzer August Reichard etwas Besonderes einfallen lassen. Die Einnahmen wurden dem Deutschen Roten Kreuz gestiftet, so dass die Wahl dieses Streifens als karitative Botschaft auch dem Image des Theaters zugute kam. Allerdings war zahlendes Publikum gar nicht so reichlich anwesend. Prominente aus Kultur, Politik sowie Journalisten und viele Filmschaffende gaben sich die Ehre… Immerhin wurde ein prächtiges Rahmenprogramm inszeniert: Das Symphonie-Orchester Bad Homburg spielte Werke von Beethoven, Wagner, Mozart und Tschaikowsky; Tanz- und Gesangseinlagen wurden vom Ensemble der Städtischen Bühnen Frankfurt und vom Volkschor Offenbach vorgetragen. „„Filmpalast“ als Kino-Schmuckstück“ weiterlesen

Alter Wasserturm an der B 44

Interessantes Bauwerk mit langer Geschichte und besonderem Charakter

E. S. | Der Wasserturm in Mörfelden hat eine lange Geschichte. Er wurde 1929 erbaut und diente der Versorgung der Bevölkerung bis in die 60er Jahre. Oft erlebte der Turm Führungen interessierter Bürger. Neuerdings haben sich zwei Frauen zum Ziel gesetzt, das Gebäude wieder kulturell zu nutzen. Den Turm sieht sogleich, wer mit dem Automobil oder Fahrrad über die Bundesstraße 44 von Frankfurt am Main in Richtung Groß-Gerau fährt und sich Mörfelden nähert – einem der beiden Ortsteile der Stadt Mörfelden-Walldorf. Es ist ein 35 Meter hohes Bauwerk und war lange Zeit Hingucker der besonderen Art. Denn das Gebäude war mit einem Transparent geschmückt. „Kein Flughafenausbau” wurde auf dem oberen Teil gefordert, „Nachflugverbot” auf dem unteren. Es ist unschwer zu erkennen, dass man sich hier in der Nähe des Frankfurter Flughafens befindet und in einer Gemeinde, in der seit Jahrzehnten der Kampf gegen Fluglärm und Flughafenerweiterung geführt wurde und wird. 

Der alte Wasserturm von Mörfelden, versehen mit einigen Protest-Transparenten (Foto: Erich Stör)
Die Protest-Transparente am Wasserturm in Mörfelden sind den flughafenfreundlichen Parlamentariern ein Dorn im Auge (Foto: Erich Stör)

Bedauerlicherweise hat das Stadtparlament mit den Stimmen von SPD, Freien Wählern, FDP und CDU (gegen Grüne und DKP/Linke Liste) im Juli 2016 mit einem Kotau vor Flughafenbetreiber „Fraport“ beschlossen, die Transparente zu beseitigen, weil sie angeblich dem Ansehen der Stadt und der Wirtschaftsansiedlung schaden. Für die Kritiker dieses Beschlusses aber wird die über Jahrzehnte gewachsene Identität der Menschen im Hinblick auf Kampf gegen Fluglärm und der permanenten Erweiterung des Flughafens zerstört.

Zur Geschichte des Bauwerks: Der ehemalige Wasserturm von Mörfelden wurde im Jahr 1929 erbaut, um die Einwohner der damals kleinen Gemeinde mit fließendem Wasser zu versorgen. Immerhin mussten sich bis dahin die meisten Mörfeldener – auch als „Merfeller“ bekannt – das kostbare Nass aus eigenen Brunnen schöpfen. Unter diesen Umständen war der Wasserturm eine große Errungenschaft, floss doch nun nach und nach Wasser aus neu zu installierenden Leitungen in die Wohnungen und auch die Toilettenspülungen eroberten nach und nach die Wohnhäuser. „Alter Wasserturm an der B 44“ weiterlesen

Die Sache mit dem Gerstensaft

Das Reinheitsgebot für deutsches Bier wird 2016 fünfhundert Jahre alt

E. S. | Gehört die einst von zwei bayerischen Herzögen erlassene Vorschrift – immerhin die älteste Lebensmittelverordnung der Welt – bald zum Weltkulturerbe? Oder verhindert die bekannt gewordene Pestiziden-Verunreinigung so manchen Bieres diesen Schritt? Eine interessante Frage…

Wer heutzutage durch die Getränkeabteilung eines Supermarkts schlendert, wird förmlich erschlagen von der Vielzahl der dort feilgebotenen Biere. Doch in Wahrheit umfasst das Angebot nur einen Bruchteil der tatsächlich vorhandenen Sorten, denn insgesamt wird die Zahl allein der deutschen Biere auf rund 5000 veranschlagt. Weil in Deutschland gebrautes Bier nur drei Zutaten plus Hefe enthalten darf, nämlich Wasser, Malz (Gerste/Weizen) sowie Hopfen, ist diese Vielfalt sehr beachtenswert.

Goldgelb leuchtet der schmackhafte Gerstenstaft. Das Reinheitsgebot feiert Geburtstag (Foto: © Swift Publisher)
Goldgelb leuchtet der schmackhafte Gerstensaft in Krug und Flasche. Das Reinheitsgebot feiert den 500. Geburtstag (Foto: © Swift Publisher)

Sie kommt vor allem zustande, weil neben der fachlichen Kompetenz des Braumeisters die Qualität des Wassers und die verwendeten Hopfensorten eine entscheidende Rolle spielen. Heutzutage reift aus den vier vorgegebenen Ingredienzen sauberes Bier von hoher Qualität. Das war freilich nicht immer so.

Vor 500 Jahren, am 23. April 1516, sahen sich die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. in Ingolstadt jedenfalls veranlasst, dem Wildwuchs beim Brauen mit einem Reinheitsgebot Einhalt zu gebieten. Weil allenthalben kräftig gepantscht wurde, schwebte so mancher passionierte Biertrinker in Lebensgefahr, ohne es auch nur zu ahnen. „Die Sache mit dem Gerstensaft“ weiterlesen

Darmstadt im Wandel der Zeit

Ein kurzer Besuch in der südhessischen „Wissenschaftsstadt“

E. S. | Darmstadt, etwas 30 Kilometer südlich von Frankfurt am Main und 50 Kilometer nördlich von Heidelberg gelegen, ist eine bunte und vielfältige Stadt an den Toren zu Odenwald und Bergstraße. Wer als gebürtiger Frankfurter südlich von „Mainhatten” wohnt, hat die Qual der Wahl, wenn es um’s großstädtische Einkaufen oder unterhaltsames Verweilen geht. Weil der Weg nicht allzu weit ist, wird mehr und mehr Darmstadt – und immer weniger Frankfurt – als Ziel für einen Bummel zum Shoppen oder Schauen gewählt, denn von Mörfelden-Wallorf aus führt die Straße an Gräfenhausen vorbei direkt in das nördliche Darmstadt, nicht mehr als zehn Kilometer Wegstrecke.

Der Fünffinger- oder Hochzeitsturm inmitten der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe (Foto: Clipdealer)Hochzeitsturm
Der Fünffinger- oder Hochzeitsturm inmitten der Darmstädter Künstlerkolonie auf der bekannten Mathildenhöhe (Foto: Clipdealer)

Einige breite Verkehrsadern durchschneiden die Stadt; das Leben pulsiert. Parkplätze sind wie überall rar, zumal die Stadt mit ihren Hochschulen rund 40 000 Studierende in ihren Mauern hat. In Darmstadt mischt sich deshalb auf eigenartige Weise modernes, technisch angehauchtes Leben mit der kulturell befruchteten Vergangenheit der adligen Herrscher von einst. So bietet Darmstadt das Bild einer Stadt im Wandel der Zeiten…

Auf Initiative von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen war 1899 die berühmte Künstlerkolonie an der Mathildenhöhe ins Leben gerufen worden. Das Motto des Herzogs war schlicht: „Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“. Allerdings – manchmal sind die Dinge recht profan – erwartete Ernst Ludwig aus der angestrebten Verbindung von Kunst und Handwerk nichts anderes als eine wirtschaftliche Belebung seines Herrschaftsgebietes, was auch persönliche Mehreinnahmen versprach. Gleichwohl prägen die geförderten Künste bis auf den heutigen Tag das Bild der viertgrößten hessischen Stadt nach Frankfurt, Kassel und Wiesbaden. „Darmstadt im Wandel der Zeit“ weiterlesen

Als die Vespa die Straßen eroberte…

Italienische Motorroller-Legende wird 2016 siebzig Jahre alt

E. S. | Als die junge Schauspielerin Audrey Hepburn 1953 in der Filmromanze „Ein Herz und eine Krone” mit Gregory Peck auf einer Vespa durch die nächtlichen Straßen Roms kurvte, war dies der weltweite Durchbruch des schnuckeligen Motorrollers, der 2016 runde siebzig Jahre alt wird. Die Vespa war im Sommer 1946 von der Firma Piaggio erstmals gebaut und zur Motorroller-Legende gemacht worden. Die damals in der Öffentlichkeit eher unbekannte Fabrik zwischen Pisa und Florenz hatte eine lange Vorgeschichte. 1884 hatte ein gewisser Rinaldo Piaggio im zarten Alter von nur 20 Jahren in der Toscana mit Hilfe seines Vaters ein kleines Sägewerk gegründet; das Geschäft florierte so gut, dass der junge Piaggio seine Angebotspalette bald erweiterte. Die Firma aus Pontedera baute bald Einrichtungen für Fahrgastschiffe, Karosserieteile und dann sogar Eisenbahnwaggons. Ohne besondere Skrupel stieg das Werk im Ersten Weltkrieg in das Rüstungsgeschäft ein und spezialisierte sich vor allem auf Flugzeug-Ersatzteile.

Eine Fahrt in's Glück? Ein junges Paar voller Lebenslust auf dem Motorroller – Schutzhelme wären freilich angebracht (Foto: Clipdealer)
Eine Fahrt in’s Glück? Ein junges Paar voller Lebenslust auf dem Motorroller – Schutzhelme wären freilich angebracht (Foto: Clipdealer)

Auch im Zweiten Weltkrieg betätigte sich das Unternehmen intensiv im militärischen Bereich, was zur Folge hatte, dass die alliierten Siegermächte nach Kriegsende der Firma die Herstellung von Kriegsmaterial untersagten. So beschränkte sich Piaggio zunächst auf die Herstellung von Kochtöpfen, Bratpfannen und ähnlichen Produkten.

Weil jedoch in Italien nach dem Krieg – wie in ganz Europa – Fahrzeuge jeder Art dringend gebraucht wurden, um das Alltagsleben wieder in Gang zu bringen, schlug Enrico Piaggio – Sohn des Firmengründers – dem Flugzeugkonstrukteur Corradino D’Ascanio vor, ein Vehikel zu konstruieren, das den Bedürfnissen der Menschen nach Mobilität bei bezahlbarem Preis entsprechen sollte. Da sich der Ingenieur bis dahin niemals mit Motorrädern befasst hatte, entwickelte er unbefangen einige höchst originelle Ideen, was sich im Nachhinein als wahrer Glücksfall erwies. Dabei soll er auch Restbestände von Flugzeugteilen aus den Lagerhallen verwendet haben. „Als die Vespa die Straßen eroberte…“ weiterlesen

Ironman auf Hawaii und anderswo

Der legendäre Wettkampf entstand aus einer Bier- und Schnapslaune

E. S. | In Frankfurt am Main und Umgebung geht alljährlich Anfang Juli ein international beachteter Wettkampf über die Bühne, der aus 3,8 Kilometer Schwimmen im Langener Waldsee, 180 km Radfahren in der Wetterau und einem abschließenden Marathonlauf an den beiden Uferseiten des Mains in der Stadt besteht: Es handelt sich um einen so genannten „Ironman”, ein brutal hartes Duell der „Eisenmänner” und „Eisenfrauen”. Die moderne Quälerei soll aus einer Bier- und Schnapslaune heraus entstanden sein und wird – obwohl es schon in den Zwanziger Jahren kleinere Vorgänger in Frankreich gab – einigen alkoholseligen Offizieren zugeschrieben. Ein gewisser John Collins geriet der Legende nach 1977 mit einigen Kollegen darüber in Streit, welcher der auf Hawaii ausgetragene Wettbewerbe wohl der anstrengendste sei: das 3,8 km lange Waikiki-Schwimmen, das Radrennen in Oahu über 180 km oder der Honolulu-Marathon über die klassische 42,195-km-Distanz.

Mit dem Schwimmen über die Distanz von 3,8 Kilometern beginnt der klassische Ironman-Wettkampf (Foto: Clipdealer)
Aufgewühltes Wasser: Mit dem Schwimmspektakel über die Distanz von 3,8 km beginnt der klassische Ironman-Wettkampf (Foto: Clipdealer)

Nach einigen zungenlösenden Getränkerunden verständigten sich die Streithähne schließlich darauf, alle drei Disziplinen innerhalb von 24 Stunden und ohne Pause nacheinander absolvieren zu lassen.
Im Februar 1978 standen dann tatsächlich 15 Männer am Start, immerhin zwölf von ihnen erreichten das Ziel. Sieger wurde der Amerikaner Gordon Haller, der sich fortan „Eisenmann” nennen durfte. 12 Stunden, 20 Minuten und 27 Sekunden lang war er unterwegs, heutzutage würde er mit dieser Zeit weit abgeschlagen ankommen, denn sie sportlichen Ergebnisse sind immer besser geworden. „Ironman auf Hawaii und anderswo“ weiterlesen

Goethe trifft Marianne Willemer

Begegnungen am Sachsenhäuser Mühlberg und in der Gerbermühle

E. S. | Johann Wolfgang Goethe hielt sich 1815 mehrere Monate in Frankfurt-Sachsenhausen auf. Dabei entwickelte sich zwischen dem Dichterfürsten und der Bankiersgattin Marianne Willemer eine lange geheim gehaltete, tiefe Zuneigung. Frankfurter Mädchen und Buben erfuhren in den Schulen über den Dichter aus dem Großen Hirschgraben und Frau Willemer nicht viel, gewiss aber mehr als etwa gleichaltrige Münchener. Denn Johann Wolfgang war in der Stadt überall präsent. Dabei hatte Goethe nur die ersten 26 Jahre seines Lebens in Frankfurt am Main verbracht. Von Kurzbesuchen abgesehen war sein Lebensmittelpunkt Weimar.

Die Goethe-Gedenkstätte „Willemer-Häuschen". Das ein klassizistische Gebäude wurde nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg restauriert und wieder aufgebaut (Foto: Stör)
Das klassizistische „Willemer-Häuschen“ wurde nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg restauriert und wieder aufgebaut (Foto: Stör)

Wer außerdem aus dem südlichen Stadtteil Sachsenhausen kam, wurde (und wird) allerdings noch häufiger als andere mit Goethe konfrontiert, denn am gleichnamigen Berg gibt es den hölzernen Goetheturm, der allerdings erst 1931 errichtet wurde, den kleinen Hügel Goetheruh’ – ob der Dichter hier wirklich verweilte, ist nicht belegt – , und natürlich am Mühlberg das Willemer-Häuschen, in dem sich der Herr Geheimrat auch mit der Bankiersfamilie Willemer getroffen hat. Die Zeit in diesem klassizistischen Gartenhaus behielt Goethe immer in guter Erinnerung, sprach sogar von den „schönsten Stunden seines Lebens”.

Am Abend des 18. Oktober 1814 gab es ein großes Freudenfest, beobachtete Goethe doch im Häuschen am Sachsenhäuser Berg mit Jakob und Marianne Willemer das Feuerwerk anlässlich des 1. Jahrestages der Befreiungsschlacht von Leipzig. Von der beginnenden Romanze zwischen Goethe und Marianne Willemer, die ein Jahr später (zwischen 12. August und 17. September 1815) vertieft wurde, erfuhren wir Schüler freilich wenig, weil es sich damals nicht recht schickte, über diese Liason mit Vierzehnjährigen zu reden – zumal der Dichter 1815 bereits 66 Lenze zählte und Frau Willemer gerade erst 31 Jahre alt geworden war. „Goethe trifft Marianne Willemer“ weiterlesen

Spaziergang auf der „La Rambla“

Barcelonas berühmte Flaniermeile hat fünf verschiedene Gesichter

E. S. | Eine der bekanntesten Stadtstraßen der Welt ist die La Rambla in der katalanischen Metropole Barcelona. Sie führt vom Hafen zum Plaça de Catalunya oder umgekehrt. Der besondere Charakter dieses Boulevards besteht in seiner einmaligen Vielfältigkeit. Bei einem beruflichen Informationsbesuch in Barcelona steht eine gedrängte Besichtigungstour auf dem Programm, wobei uns unser Dolmetscher Ramon „sein” Barcelona näher bringt. Erst blicken wir vom Mont Juic, dem Hausberg Barcelonas, auf die Dächer der Stadt; wir schlendern später durch das Gotische Viertel im alten Zentrum; besuchen den Hafen und das Tortre Agbar, ein modernes, 142 Meter hohes Bürogebäude an der Avinguda Diagonal. Im Fußballstadion des FC Barcelona lassen wir – obwohl an diesem Tag kein Fußballspiel im Camp Nou über die Bühne geht –, die Künste von Lionel Messi und Co. bei einer grandiosen Multimedia-Show vor unseren Augen Revue passieren. Und man muss nicht dem christlichen Glauben huldigen, um die berühmte römisch-katholische „Sühnekirche der Heiligen Familie” (Sagrada) als Augenweide zu empfinden.

Beginn (oder Ende) der berühmten „La Rambla" am Hafen von Barcelona -im Hintergrund die Columbus-Säule (Foto: Clipdealer)
Lebhaftes Treiben auf der „La Rambla“. Die Straße beginnt (oder endet) an der Columbus-Säule am Hafen von Barcelona. (Foto: Clipdealer)

Dieses pompöse Monument wurde vom berühmten Architekten Antoni Gaudi entworfen – und obwohl die Arbeiten bereits 1882 begonnen wurden, ist die Kirche bis auf den heutigen Tag unvollendet. Mächtige Kräne umrahmen das prachtvolle Gebäude und irritieren die vielen Hobby-Fotografen, die gerne ein „reines” Bild der Kirche – ohne diese störenden Elemente – aufnehmen möchten. Ramon erklärt uns, dass nach gegenwärtigem Stand der Dinge der Bau im Jahr 2026 – zum 100. Todestag von Gaudí – fertiggestellt sein soll.

Ramon fährt mit uns zum Hafen, denn wir wollen die faszinierende La Rambla zu Fuß erobern. Berühmte Straßen gibt es in aller Welt und auch in Deutschland. Wer kennt nicht ihre Namen? Fifth Avenue in New York, die Oxford Street in London, Champ Élysées in Paris, Ku-Damm in Berlin, Königsallee in Düsseldorf, die Zeil in Frankfurt. Die La Rambla gehört jedoch zu jenen großen Flaniermeilen, die unvergleichlichen Charme ausstrahlen. „Spaziergang auf der „La Rambla““ weiterlesen

Kleines Plädoyer für RB Leipzig

Aufstieg des Retorten-Klubs hat einen durchaus nützlichen Effekt

E. S. | Auch 26 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung bleibt Fußball-Deutschland stärker geteilt, als in anderen Bereichen. In den drei Profiligen spielen in der Saison 2016/17 nur zehn Vereine. Mit dem Aufstieg von RB Leipzig ist nun endlich wieder ein Klub in der Bundesliga vertreten, während in der Zweiten Liga Union Berlin, Dynamo Dresden und Erzgebirge Aue kicken. Auch nicht gerade viel. In der Dritten Liga sieht es mit den Vereinen FC Magdeburg, Chemitzer FC, Hallescher FC, Rot-Weiß Erfurt, FSV Zwickau und Hansa Rostock etwas versöhnlicher aus, gleichwohl stellen diese sechs Klubs (von immerhin 20) ebenfalls nur eine Minderheit dar. Insgesamt betrachtet kommen von den 56 Klubs des deutschen Profifußballs nur zehn aus den neuen Bundesländern…

Die Roten Bullen aus Leipzig könnten durchaus eine Bereicherung für die deutsche Fußballlandschaft sein (Foto: Swift Publisher)
Die Roten Bullen aus Leipzig können durchaus eine Bereicherung für die deutsche Fußballlandschaft sein (Foto: Swift Publisher)

Leipzigs Aufstieg war (und ist) freilich nicht nach dem Geschmack traditioneller Fußballfans, weil dem Verein zu Recht das Idiom des von einem österreichischen Brause-Konzerns alimentierten Marketing-Klubs anhängt. Doch es gibt einen guten Grund, den Aufstieg des Retorten-Klubs gleichwohl zu bejahen. Der Osten war seit 2009 ein weißer Fleck auf der Bundesliga-Landkarte. Die ungesunde Westlastigkeit im Profi-Fußball wird durch den RB Leipzig jetzt abgemildert, was auch die Fans berücksichtigen sollten, denn bei aller Ehren- und Ernsthaftigkeit ihrer kritischen Haltung gegenüber den Leipzigern wird die weitere Kommerzialisierung des Fußballs (in welchem Gewand auch immer) nicht aufzuhalten sein, spiegelt sie doch nur die neoliberale Wirtschaftspolitik auf dem Gebiet des Sports wider.

Die Einflußnahme von Industrie und Wirtschaft auf den Spitzenfußball ist in den vergangenen Jahren so intensiv geworden, dass RB Leipzig zwischen den bereits vorhandenen „Sonderfällen” der Werks- oder „Privat”-Klubs Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim nur ein normales Bild abgibt.