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Kino

E-Kinos verschwinden aus dem Frankfurter Straßenbild

Als ich im Januar 2024 las, dass die E-Kinos an der Hauptwache (offizielle Anschrift: Zeil 125) ihre Pforten schließen, dachte ich mit Wehmut daran, das damit ein Stück Frankfurter Kinogeschichte zu Ende geht. Der Europapalast, Kernstück des Komplexes, war eines der vier großen Erstaufführungstheater in der Innenstadt, zu denen noch Filmpalast, Turmpalast und Metro im Schwan zählten. 

Das Lichtspielhaus war am 30. August 1952 eröffnet worden, verfügte über 1150 bequeme Sessel, die auf olivfarbenem Untergrund einen Goldton zeigten – genau wie der Vorhang, der damit in Kontrast zur roten Wand stand. Klimaanlage und Entlüftung sorgten für angenehmen Aufenthalt auch an heißen Sommertagen. Die damals modernsten Projektoren (Bauer B 12) sorgten für stimmig-klare Bilder auf der Leinwand. Als Premierenfilm war die Operette Der Fürst von Pappenheim mit Victor de Kowa, Hannelore Schroth, Grethe Weiser und Georg Thomalla zu sehen.

Oft genug führte mich mein Weg in den Europapalast. Ich erinnere mich an glanzvolle Aufführungen, an Großereignisse, bei denen die Polizei die umliegenden Straßen absperrte, besonders wenn Prominente zur Premiere kamen. Im eigens eingerichteten Künstlerzimmer versammelten sich Stars wie Liselotte Pulver, Sophia Loren, Hildegard Knef, Romy Schneider, Yul Brynner,  O. W. Fischer, Curd Jürgens, Maria Adorf, ehe sie sich vor dem Publikum verneigten. 

Das gepflegte Ambiente des alten Europapalastes war beeindruckend. Vom Foyer führte eine große Treppe in den Saal und eine zweite zum Balkon,  der sich freitragend über das halbe Parkett erstreckte. Wenn der Vorhang sich lautlos öffnete, waren auf der Leinwand Filme verschiedenster Genres zu sehen. Manche Titel fallen mir spontan ein: Moulin Rouge, Zur Sache Schätzchen, Große Freiheit Nr. 7, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, und noch nicht allzu lange her: Die Comedien Harmonists oder Kirschblüten (Doris Dörrie), What a Man (Mathias Schweighöfer).Wer nennt die Namen, wer kennt die Titel?

Eden-Anfang im Ostend

Die Geschichte des Kinos reicht weit zurück. Der Eierhändler Ludwig Reichard war 1926  – also vor fast 100 Jahren – mit dem Eden im Frankfurter Ostend ins Kinogeschäft eingestiegen. Dieses Lichtspielhaus war ein Kino für die „kleinen Leute“. Handwerker, Angestellte, Arbeiter, die auch preislich günstigere Billetts als anderswo bekamen, waren Stammkunden – und sie durften sogar hin und wieder anschreiben lassen, wenn das Geld nicht für eine Eintrittskarte reichte: – so jedenfalls die Legende. 

Das Eden war 1944 bei den verheerenden Bombenangriffen auf Frankfurt zerstört worden. Reichard baute es mit 640 Plätzen am Allerheiligentor (Lange Strasse) wieder auf und eröffnete es mit dem französischen Film Und es ward Licht… Außerdem erwarb er ein Trümmergrundstück neben der Katharinen-Kirche an der Hauptwache und errichtete dort den Europapalast. Nach seinem Tod führten erst seine Frau Luise, danach Tochter Liselotte (Jaeger) und später Enkel Klaus (mit Frau Gabriele Jaeger) die Geschäfte weiter – verbunden mit Höhen und Tiefen. 

Das Ende kam nach knapp 72 Jahren. (Hintergrund-Foto: Pixabay/Altmann)

Als sich die Kinolandschaft aufgrund der Fernseh-Konkurrenz dramatisch veränderte, wurde – als Zugeständnis an neue Gegebenheiten – der Europapalast zerstückelt und es entstanden mehrere „Schuhkarton“-Abspielräume. Vor allem der Balkon fiel den Umbauten zum Opfer. Neben dem Kerntheater Europa gab es dann im gleichen Etablissement noch die Kinos Esprit 1 und 2, Eden, Elysee 1 und 2, Elite und Esplanade. Alle Kinos begannen mit dem Buchstaben E, eine nostalgische Erinnerung an das alte Eden. Meine Besuche aber wurden seltener, die knisternde Atmosphäre der großen Theater fehlte, und ja: Fernsehen machte auch bequem. 

Familien und Kinder

Die Kleinkinos verhinderten nicht, dass es aus wirtschaftlichen Gründen zu vielen Schließungen kam. Plötzlich traten Konzerne mit Multiplex-Kinos ins Rampenlicht. Dagegen behaupteten sich die E-Kinos viele Jahre mit gezielter Hinwendung zu Familien- und Kinderprogrammen; auf Horrorfilme und harte Thriller wurde fast gänzlich verzichtet. Doch die Corona-Pandemie und zurückgehendes Publikumsinteresse schlugen Wunden. Die Betreiberfamilie Jaeger entschloss sich zur Schließung des Kino-Komplexes: 

Pressemitteilung der Inhaber-Familie, Januar 2024

Nach knapp 72 Jahren ist eine Kinolegende in Frankfurt zu Ende gegangen. Es bleibt die Erinnerung an Frohsinn und Heiterkeit, aber auch  an dramatische Leinwandgeschichten oder pikant-umstrittene Filme wie Das Mädchen Rosemarie, eine Geschichte über die Edelprostituierte Nitribitt, die nur wenige hundert Meter vom Europapalast entfernt Ende der Fünfziger Jahre ermordet worden war und im Europapalast durch Nadja Tiller verkörpert wurde.