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Späte Anerkennung für das Drama „Schwarzer Kies“

Schade, dass Filmregisseur Helmut Käutner das nicht mehr erlebt hat. Sein Film Schwarzer Kies, der bei seinem Erscheinen 1961 bei Kritik und Publikum wenig Anklang gefunden hatte, erfährt nach Jahrzehnten eine späte Würdigung. Erst nach Bearbeitung, Digitalisierung und TV-Ausstrahlungen 2018 und 2021 wurde der zuvor geschmähte Film als realistisches Dokument der Zeitgeschichte bewertet. Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek:

Ungeschminkt

Käutners ungeschminkte Bestandsaufnahme über Geschäftemacherei, Gier und Moralverfall in Adenauers Wirtschaftswunderland war also in den Medien „zerrissen“ worden. Nicht nur künstlerische Aspekte dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Den deutschen Feuilletonisten erschien ein Kratzen am wirtschaftliche Erfolg des Landes und einer damit postulierten Wohlanständigkeit seiner Bürger wohl unangemessen. Das Publikum selbst reagierte wahrscheinlich ablehnend, weil man sich ungern einen Spiegel vorhalten lassen mochte. So verschwand der Film schnell aus den Kinos, abgetan als Fehlgriff des Regisseurs. 

Um was aber geht es in Käutners Drama? Schwarzer Kies erzählt die Geschichte des kleinen (fiktiven) Hunsrück-Dorfes Sohnen in der Nähe einer US-Airbase mit 6000 Soldaten und 3000 Zivilangestellten (gemeint: Lautzenhausen beim Airport Hahn). Viele Einwohner machen mit den unbeliebten GIs legale oder illegale Geschäfte — auch der LKW-Fahrer Robert Neidhardt (Helmut Wildt), der lastwagenweise den für den Flughafenbau angelieferten Kies beiseite schafft und an deutsche Bauunternehmer verscherbelt. Bei einer nächtlichen LKW-Fahrt mit seiner Ex-Geliebten Inge Gaines (Ingmar Zeisberg), die inzwischen mit einem US-Offizier verheiratet ist, überrollt der abgelenkte Neidhardt ein deutsch-amerikanisches Liebespaar: und entsorgt die Opfer unter „schwarzem Kies“. Unmenschliches Sinnbild von Rücksichtslosigkeit und Profitgier rund um die Errichtung der Militärbasis.

Ausgabe der „„Illustrierten Filmbühne“. (©: Filmverlag Christian Unucka)

Mit radikalen Schwarz-Weiß-Bildern machte der Regisseur Auswüchse des Wunderlandes sichtbar. Manche Szenen erinnern eher an einen Dokumentar- als an einen Spielfilm. Helmut Wildt gibt dem LKW-Fahrer ein prägnantes Gesicht, Hans Cossy (US-Offizier), Wolfgang Büttner (Schwarzhändler) und Anita Höfer (Elli) sind passend besetzt, Ingmar Zeisberg entspricht dagegen mehr dem Klischee einer Frau, die wir aus Unterhaltungsfilmen der Fünfziger Jahre kennen. Zu glatt, um der Zerrissenheit einer Frau zwischen zwei rivalisierenden Männern Schärfe zu geben. Diese Schwäche mindert nicht den positiven Gesamteindruck. Und natürlich ist nicht jede Szene ein Volltreffer. Aber in welchem Film ist das der Fall?

Gekürzte Fassung

Wegen einer Szene, in der ein KZ-Häftling als Bordellwirt dargestellt und als „Saujud“ tituliert wird, erstattete der damalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Hendrik van Dam, Strafanzeige gegen die Verantwortlichen des Film. Käutner bezeichnete Van Dams Antisemitismus-Vorwürfe als Missverständnis, der Sinn sei gewesen, durch diese Szene vor dem aufflackernden Antisemitismus zu warnen. Obwohl andere jüdische Organisationen Van Dams Vorgehen kritisierten und keine Ermittlungen aufgenommen wurden, entfernte die UFA die Szene. In den Kinos wurde Schwarzer Kies in einer leicht gekürzten Fassung gezeigt, erst seit 2009 ist die Ur-Version wieder zu sehen und auch als DVD erhältlich. 


PINNWAND: Zu den bekannteren Filmen von Helmut Käutner zählen neben Schwarzer Kies (1961): Kitty und die Weltkonferenz (1939), Romanze in Moll (1943), Große Freiheit Nr. 7 (1944), Unter den Brücken (1944, Eigener Bericht auf Stör-Signale), In jenen Tagen (1947, Eigener Bericht auf Stör-Signale), Epilog – das Geheimnis der Orplid ( 1950), Des Teufels General (1955), Himmel ohne Sterne (1955), Der Hauptmann von Köpenick (1956), Die Zürcher Verlobung (1957), Montpi (1957), Der Schinderhannes (1958), Das Glas Wasser (1960), Das Haus in Montevideo (1963)