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Drei Kameraden im fiebrigen Berlin der Zwanziger Jahre

Erich Maria Remarque hat weltberühmte Bücher geschrieben. Doch mein Lieblingsbuch ist Drei Kameraden, in dem von einer verlorenen Generation erzählt wird, verbunden mit einer zartbitteren Liebesgeschichte. Vordergründig geht es um die Männerfreundschaft zwischen den ehemaligen Soldaten Otto Köster, Gottfried Lenz und Robert (Robby) Lohkamp in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, verbunden mit der eigenartigen Atmosphäre Berlins der „Golden Twenties“. Remarque beschreibt das hektische Leben in der Hauptstadt und lässt mit dichterischer Kraft gesellschaftliche und politische Ereignisse in die persönlichen Dramen der Protagonisten einfließen.

Tagsüber werkelt der Junggeselle Robert (Robby) Lohkamp in der Autowerkstatt, die er zusammen mit Köster und Lenz betreibt, manchmal fährt er das ihnen gehörende Taxi, abends klimpert er auf dem Klavier im Café International, unterhält die dort arbeitenden freundlichen Damen oder er macht sich satt in der Eckkneipe von Alfons, ehe er am Tresen in Freds Bar mit goldbraunem Rum die Zeit totschlägt, danach endet der Tag in der schäbigen Pension der Witwe Zalewski. Nach ein paar Stunden Schlaf beginnt der Trott von neuem; kein Geld in der Tasche, scharfe Getränke, Inflation, spektakuläre Autofahren mit dem von Köster aufgemotzten Rennauto „Karlchen“; Betriebsamkeit, aber auch Langeweile ohne Perspektive. Am Horizont sind unterdessen politische Veränderungen erkennbar, Nazis erheben ihre Häupter, Straßenkämpfe und Schießereien gehören zum Alltag. 

In dieser schwierigen Zeit beginnt die Liebesromanze zwischen Robby und der jungen, schmalgliedrigen Patrice (Pat) Hollmann; sie begegnen sich bei einer sonntäglichen Ausflugsfahrt, nur zögerlich nimmt Robby weiteren Kontakt mit ihr auf, weil er sich selbst für minderwertig hält. Doch Pat verändert alles, ihre Zartheit und ihr Charme geben seinem bisher stumpfen, trostlosen Leben neuen Sinn. Eine bittersüße Liebe, die von Pats unheilbarer Lungenkrankheit überschattet wird. Der Kampf ums Überleben beginnt; die persönliche Tragödie der Liebenden vermischt sich mit den gesellschaftlichen Ereignissen jener Zeit. Der links engagierte Gottfried wird in den politischen Wirren auf der Straße erschossen, Köster verkauft ohne Zögern sein geliebtes „Karlchen“, um Pats Klinikaufenthalt im Schweizer Sanatorium zu finanzieren. 

Die Liebe zwischen Robby und Pat dauert bis zum tragischen Ende, ehe sie durch die Erbarmungslosigkeit der tödlichen Krankheit zerstört wird. Robby sitzt stundenlang an Pats Krankenbett, sie stirbt in seinen Armen, er bleibt noch lange bei ihr. Der letzten Sätze des Romans: 

„Ich habe gesehen, wie ihr Gesicht anders wurde. Ich konnte nichts tun, als leer dazusitzen und sie anzusehen. Dann kam der Morgen, und sie war es nicht mehr.“

Die ursprünglich optimistische Liebesgeschichte hat ein tragisches Ende genommen, auch die Drei Kameraden sind auseinandergerissen. Ein Spiegelbild der Zeit, in der am Horizont dunkle Wolken heraufziehen, von Remarque 1936 im Exil eindrucksvoll beschrieben. Faszinierend und bewegend zugleich.

Was mich beeindruckt, ist das Wiederfinden eigener Erlebnisse aus der Nachkriegszeit nach 1945. Auch in dieser Zeit ist das Schicksal einer ganzen Generation von Trostlosigkeit, Hunger und Elend geprägt worden: ganz ähnlich wie in den Zwanziger Jahren. Vielleicht berührt mich der Roman deshalb besonders.


PINNWAND: Berühmte Bücher von Erich Maria Remarque sind Im Westen nichts Neues, Der Funke Leben, Zeit zu leben und Zeit zu sterben, Der schwarze Obelisk, Liebe deinen Nächsten, Arc de Triomphe, Die Nacht von Lissabon, Der Himmel kennt keine Günstlinge, Der Weg zurück, Schatten im Paradies.