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Stadterlebnis

Straßburger Altstadt-Charme im Schatten des Münsters

Die Europa-Hauptstadt Straßburg hat viele Gesichter, eine gewaltige Kirche, in deren Schatten Charme und Charakter gedeihen sowie viele gemütliche Lokalitäten. (Foto: Imago)

Manchmal ist es irritierend, wie selbst die interessanten Städte, die über ausreichend Renommee verfügen, in Misskredit geraten, weil ein Unheil der besonderen Art über sie hereingebrochen ist. So erging es zuletzt der elsässischen Stadt Straßburg, als sie  – offensichtlich im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und zu warmen Wintern – von einer Rattenplage heimgesucht wurde. Doch die Stadt hat neben den auf offener Straße herumlaufendem Ungetier schöne Sehenswürdigkeiten, Charakter und Charme zu bieten, wie ich bei meinen drei Besuchen seit 1978 erleben durfte.

Zuallererst das Straßburger Münster (Cathédrale Notre Dame,  Liebfrauenkirche). Herr von Goethe äusserte sich als 21-jähriger Student zunächst kritisch über das mächtige Bauwerk, ihm „graute vorm Anblick eines missgeformten krausborstigen Ungeheuers“, fand es bei genauerer Betrachtung dann aber doch passabel: „Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davor trat!. Ein großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil ich wohl schmecken und geniessen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte.“ 

Lebhaftes Treiben rund um das Straßburger Münster. (Foto: Clipdealer)

Der Turm ist 142 Meter hoch und aus rosafarbenem Sandstein der Vogesen errichtet. 263 Jahre (1176-1439) wurde an der Kirche gewerkelt; der Dichter Victor Hugo bezeichnete deutlicher als Goethe das Meisterwerk gotisch-romanischer Baukunst als „Wunder, unermesslich und zierlich zugleich.“ Beeindruckend neben dem Münster auch die malerischen mit Kopfsteinpflaster bestückten schmalen Gassen im Altstadtviertel „Petit France“ und neuerdings das Europaviertel mit dem Parlamentsgebäude und anderen architektonisch interessanten Bauten.

Straßburg ist einzigartig und bietet dem Besucher ein vielfältiges Gesicht. Nicht nur kulturell, sondern auch in politischer Hinsicht. Noch heute machen sich aufgrund der Geschichtsabläufe deutsche und französische Einflüsse bemerkbar und prägen den Charakter der Stadt. Seit Jahrhunderten zerrissen im Kampf um Elsass-Lothringen (mal deutsch, mal französisch), ist nach dem Zweiten Weltkrieg Ruhe eingekehrt in Straßburg, kein Zankapfel mehr zwischen Frankreich und Deutschland. Verbindend eher, und vom Europa-Parlament, Europarat und Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte geprägt, sind nun deutliche Spuren der Versöhnung erkennbar. Straßburg versteht sich deshalb als heimliche Hauptstadt Europas. Das freilich schützt nicht vor Attentätern wie 2018, als es vier Todesopfer zu beklagen gab.

Touristen-Bootsfahrt in Straßburg. (Foto: Sina Ettmer/Shutterstock.com)

Die Lebendigkeit der quirlenden Elsass-Metropole, ihr unvergleichlicher Charakter ist gleichwohl geblieben. Das hat auch mit der kulturellen Vielfalt und den historischen Fachwerkhäusern zu tun, welche die UNESCO 1988 dazu bewogen, das alte Stadtzentrum „Grande-Île“  (Große Insel) in das Weltkulturerbe aufzunehmen. 

Das einzigartige Ensemble mit Fachwerkhäusern, engen Gassen und überdachten Brücken ist gut erhalten; kleine, gemütliche Bistros bieten rundum Erholung pur. Am westlichen Ende der „Grande-Île“ liegt das „Quartier des Tanneurs“ (Gerberviertel). Der Stadtteil mit seiner mittelalterlichen Architektur am Flüßchen Ill wurde einst von Gerbern, Fischern und Müllern bewohnt.

Buntes Markttreiben in der Straßburger Innenstadt. (Foto: Andreas Zerndl/Shutterstock)

Als ich im Oktober 1978 anläßlich der Turn-WM zum ersten Mal von Kehl aus über den Rhein nach Straßburg reiste, waren es nicht die politischen und kulturellen Aspekte, die mich bei diesem ersten (und späteren Besuchen) in ihren Bann zogen, vielmehr nahm mich die pulsierende Lebensart der Stadt gefangen. So stahl ich mich in den Pausen der sportlichen Wettkämpfe – und wenn die journalistische Arbeit getan – immer wieder zum Straßburger Münster oder in die Gassen des Gerberviertels, um den Liebreiz dieser Stadt einzusaugen. Gerne auch bei französischen Spezialitäten in der „Taverne de la Cathédrale“ oder der „Creperie La Cigongne“ oder den anderen Lokalitäten – und ganz ohne lästiges Ungeziefer.