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Zeitgeschichte

Galgen bei Beerfelden erinnert an finstere Vergangenheit

In der Odenwald-Gemeinde Oberzent (Ortsteil Beerfelden) steht unter Linden der einzige noch erhaltene „Dreischläfrige Galgen“ Deutschlands – ein Zeitdokument der ganz besonderes Art..

Viele düstere Kapitel überschatten die deutsche Geschichte – auch bei Todesurteilen. Die Zeitspanne zwischen 1933 und 1945 ist ein Beispiel dafür. Aber auch in der weiter zurück liegenden Vergangenheit war die Gerichtsbarkeit nicht zimperlich, wenn es darum ging, Menschen das Leben zu rauben. Dafür zeugt auch eine heute noch existierende Hinrichtungsstätte im südlichen Odenwald. Ein Galgen ragt fünf Meter in die Höhe und ist 1597 aus rotem Sandstein errichtet worden, um einen morschen Holzgalgen zu ersetzen. 

Das Monstrum steht unter Lindenbäumen auf einer kleinen Anhöhe nordwestlich von Beerfelden – Hauptort der 2018 neu geschaffenen Gemeinde Oberzent – und wird wegen seiner dreieckigen Bauweise auch als „dreischläfriger Galgen” bezeichnet. Ein Gedenkstein erzählt in kurzen Worten die Geschichte des mittelalterlichen Geschehens. Ein letztes Urteil ist der Inschrift zufolge 1804 vollstreckt worden. Eine Frau, lapidar als „Zigeunerin” bezeichnet, wurde demnach hingerichtet, weil sie – man mag es kaum glauben –, ein Huhn und zwei Laib Brot gestohlen haben soll, um ihr krankes Kind zu retten. Ich lese die Zeilen auf dem Gedenkstein und mir läuft es kalt über den Rücken bei dem Gedanken an die unbarmherzige Gerichtsbarkeit.

Bei einem Ausflug, der eigentlich meiner Erholung dienen sollte, habe ich am Galgen angehalten. Doch nun schwirren andere Gedanken durch den Kopf. Das düstere Mittelalter hat von mir Besitz ergriffen, und ich möchte noch mehr erfahren über die dunkle Epoche. Was Beerfelden betrifft, ist allerdings nicht viel über die Hinrichtungen zu erfahren. Es gibt keine Niederschriften über Urteile oder Vollstreckungen seit bei einem verheerender Großbrand in Beerfelden 1870 alle Unterlagen vernichtet worden sind. So bleibt vieles auch Spekulation. Durch kirchliche Dokumente ist allerdings belegt, dass ein gewisser Adam Beisel aus Unter-Sensbach im Jahr 1746 an diesem Ort gehängt worden ist, weil er wegen Diebstahls und Ehebruchs schuldig gesprochen wurde. 

Kaspar Sachs

Anderes bleibt mysteriös. Ein vorbeikommender Bauer erzählt mir eine Geschichte, die eher unwahrscheinlich klingt. Demnach sollte ein Mann namens Kaspar Sachs gehängt werden, weil er in der Grafschaft beim Wildern einen Hirschen erlegt hatte. Der Deliquent soll darum gebeten haben, den Strick wegen seines Kropfes nicht allzu eng zu knüpfen. Seinem letzten Wunsch wurde entsprochen. Als er gerichtet werden sollte, rutschte er mit dem Kopf aus der Schlinge und nur seine Nase wurde lädiert. Weil der Übeltäter ja tatsächlich gehängt worden sei, sei dem Gesetz entsprochen, urteilte daraufhin der anwesende Richter und ließ Kaspar Sachs laufen. Dichtung oder Wahrheit? Wer weiß das schon.

Gedenkstein am Galgen. (Foto: Imago Images/Martin Werner)

Historiker gehen zwar davon aus, dass nur relativ wenige Menschen bei Beerfelden den Tod fanden, weil unter der Herrschaft der Grafen Erbach eine gemäßigte, liberale Rechtsprechung geherrscht haben soll, doch umso erschreckender wirken die bekannt gewordenen harten Urteile wegen der simplen Verfehlungen. Wer heutzutage an einem frühlingshaften Tag am Galgen steht, wird von einem Gefühl seltsamer Ohnmacht und Wut beschlichen, denn die Urteile und Vollstreckungen liegen noch nicht weit zurück, auch diese Vergangenheit ist immer noch präsent und fast greifbar nahe.

Die Grausamkeit endete erst, als den zuständigen Grafen von Erbach 1806 die Gerichtsbarkeit durch napoleonisches Recht entzogen wurde. Danach durften die Gerichte keine Todesstrafe mehr verhängen. Der Beerfeldener Galgen spielte also keine Rolle mehr und sollte 1816 abgerissen werden, doch eine entsprechende Anordnung des Großherzogs von Darmstadt wurde ignoriert – aus welchen Gründen auch immer. Und so steht der „Dreischläfrige” noch heute – als Wanderziel, Touristen-Attraktion und Erinnerung an eine blutige Zeit.