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Stadterlebnis

Der Main teilt Hibbdebach und Dribbdebach

Der Fluss entspringt als weißer Main im Fichtelgebirge und als roter in der Fränkischen Alb. Beide Quellen liegen in der Nähe von Bayreuth. Der Main, eigenartigerweise der einzige längerer Fluss in Deutschland, der von Osten nach Westen fließt, legt nach der Passage von Schweinfurt einige scharfe Kurven in Nord-Süd-Richtung hin, ehe er sich beruhigt, passiert auf seinem Weg interessante Städte wie Würzburg, Lohr, Marktheidenfeld, Wertheim, Miltenberg, Aschaffenburg und Hanau und natürlich die Bankenstadt „Mainhattan“.

Frankfurt, das hier die Hauptrolle spielt und in der Mundart von Einheimischen als „Hibbdebach“ (Innenstadt nördlich des Mains) und „Dribbdebach“ (südlich des Mains mit Sachsenhausen) bezeichnet wird, liegt zwischen Kilometer 179,8 an der Stadtgrenze Offenbach und 202,2 Kilometer bei Kelsterbach. Nach 227 Kilometern mündet der Main bei Mainz in den Rhein.

Das Leben am Fluss begann für mich  mit der Geburt in der Uni-Klinik am Hippodrom, es folgte jahrelanges Wohnen nur wenige Meter vom Main entfernt in Sachsenhausen, stundenlanges Spielen und späteres Spazierengehen am Ufer. Im harten Nachkriegswinter 1946/47 hörte ich – eingepackt in dicken Wollsachen – das furchteinflößende Grollen der hoch geschichteten und aufeinander reibenden Eisschollen. Ich habe das Übersetzen zur Innenstadt auf einer von US-Pionieren provisorisch errichteten Ponton-Brücke mitgemacht und in einem Paddelboot den Main bezwungen.

Von einem Reparaturschiff beobachtete ich, wie mein Schlosser-Vater die zerstörten Geländer am Uferkai zusammenschweisste, um zu verhindern, dass jemand in den Fluss fiel. Im brütend heissen Sommer 1947 ließ ich mich im Freibad Molenkopf am Osthafen von der Sonne braten, Anfang 1946 überquerte ich als einer der ersten den wieder aufgerichteten Eisernen Steg, von dem später mein jüngerer Bruder bei einer Mutprobe kopfüber in den (noch sauberen) Main sprang.

Hochseilartisten

Auf den Fußballplätzen am Mainwasen nahe der Deutschherrn-Brücke habe ich bei Germania 94 und dem SV Sachsenhausen mit mäßigem Erfolg das Fußballspielen erlernt, wurde ohne Schwung in der Dreikönigskirche konfirmiert. Ich erlebte nach dem Krieg ein Hochwasser, das vom Eisernen Steg bis zum Römerberg schwappte und sah an gleicher Stelle die Seiltänzer der Camilla-Mayer-Truppe. Anfang Mai 1950 bewunderte ich die Hochseilartisten „Carlo und Henrico“, die sich höchst martialisch die „Verächter des Todes“ nannten und den Main überquerten. Auf einem 500 Meter langen Drahtseil, das von der Dreikönigskirche zum 95 Meter hohen Dom führte, gingen sie sich entgegen, überkletterten sich in der Mitte und setzen ihren Weg fort.

Blick nach „Dribbdebach“ mit Dreikönigskirche. (Foto: Imago/mm-images/Waldkirch)

Regelmässige Besuche auf Moslers Freizeitanlage und auf der Rollschuhbahn im Nizza, wo Marika Kilius und Franz Ningel ihre ersten Kringel drehten, folgten. Und natürlich hielten meine Freunde und ich beim Mainfest auf Frankfurter und Brunnenfest auf Sachsenhäuser Seite Ausschau nach hübschen Mädchen. Mit einem alteingesessenen Sachsenhäuser Fischer durfte ich die ansonsten geschlossene kleine Maininsel an der Alten Brücke erforschen. Spaziergänge zur Gerbermühle waren an der Tagesordnung und ebenso Besuche bei den Athleten im Rudererdorf bei Oberrad. Flohmärkte und Feste am Schaumainkai zählten zu meinem Leben am Main ebenso wie die Museumsuferfeste. Nicht zu vergessen ein Krankenhausaufenthalt in der Klinik Schifferstraße, von wo ich auf den Main schauen durfte. 

Brücken und Tunnel

Viele Jahre lang habe ich in Sachsenhausen und ab 1967 in Walldorf wohnend, täglich den Main auf verschiedenen Brücken in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Automobil oder zu Fuß überquert oder bin mit U-oder S-Bahnen durch tiefe Tunnel unterirdisch zu den Arbeitsplätzen gekarrt worden: 50 Jahre lang, abertausende Male hin und zurück, von „Dribbdebach“ nach „Hibbdebach“ und umgekehrt. Wenn das nicht reicht, um den Fluss zu mögen?

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Main und sein Umfeld jahrelang eine Kloake waren. Der Fluss roch übel, war mit giftigen Abwässern verseucht und ohne wachsendes Umweltbewusstsein hätte er sich kaum erholen können. Nicht alles ist gut, aber vieles besser geworden, die Uferwege  sind bei schönem Wetter gefüllt mit Leben, besucht von Spaziergängern und Freizeitsportlern, ein Schauplatz des Sommermärchens 2006 und Marathonstrecke des Ironman Frankfurt……