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Grillspaß weckt Erinnerungen an die Vergangenheit

Der erste Sonnentag des Jahres neigte sich dem Ende zu, gerade eben war der azurblaue Himmel hinter dem Dorf versunken, da roch meine Nase auf Nachbars Terrasse den verführerischen Duft frisch gebruzzelter Würstchen. Der Duft des angebrannten Fleisches schwebte über die nahen Gärten, was Geruchsempfindliche nicht entzückt haben mag,  aber Tage wie dieser, egal ob Frühling, Sommer oder Herbst, sind wie geschaffen zum Grillen — ein Vergnügen, dem sich viele Menschen voller Inbrunst hingeben. Warum? Das ist die Frage.

Nur wenigen ist bewusst, dass dieses rustikale Braten von Fleisch oder Würsten eine Erfahrung aus der Frühzeit des „Essenerwärmens” ist. Wenn heutzutage kaum noch über lodernden Flammen gebruzzelt wird, ist die Nutzung von glühenden Kohlen  (oder von Gas- und Elektrogeräten) ein Relikt aus der frühen Menschheitsgeschichte – ohne dass es den den meisten „Grillenden” bewusst wird. Und noch mehr: Dieses „Warmmachen” von Essen hat der Menschheit wahrscheinlich den entscheidenden Evolutionsschub gegeben.

Bändigung des Feuers

Wieso, weshalb, warum? Im Wartezimmer des Zahnarztes habe ich es in einer älteren Ausgabe der Zeitschrift „PM” gelesen. Richard Wrangham, ein Forscher der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts), hat in dem Blatt vor einiger Zeit zu Protokoll gegeben, seiner Ansicht nach sei die Entwicklung des menschlichen Gehirns erst entscheidend vorangekommen, nachdem der Frühmensch begonnen habe, Rohkost jeder Art zu kochen und damit verdaulicher zu machen. Aha! Und außerdem: Anatomie und Denkvermögen hätten sich nur deshalb entscheidend weiter entwickelt, weil der Homo sapiens es gelernt habe, nach der Bändigung des Feuers seine bis dahin fast ungenießbaren, kalten Mahlzeiten zu erwärmen. 

Wie unter Wissenschaftlern üblich, blieb Widerspruch nicht aus. Andere Forscher widersprachen heftig und sind davon überzeugt, der Weg der Evolution sei gerade umgekehrt verlaufen: Nicht das Kochen stehe am Anfang dieser Etappe, sondern das bereits hoch entwickelte Gehirn. Dieses höchstselbst habe die Idee hervorgebracht, rohe Nahrung zu erhitzen. Neuere Forschungen an der Universität von Boston bestätigten, das bereits der „Homo erectus”, Vorläufer des Homo sapiens, vor einer Million Jahren erhitzte Nahrung zu sich genommen hat, nachdem das Feuer zur nutzbaren Energiequelle geworden war. Streit um des Kaisers Bart?

Kochen ohne Ende

Egal. In der modernen Zeit dient das Essen ohnehin nicht nur der profanen Nahrungsaufnahme, auch die Zubereitung der Mahlzeiten ist für viele zu einem Spaßfaktor geworden, dem das Fernsehen mit diversen Spezialsendungen Aufmerksamkeit schenkt. Neben Profi-Köchen, die in gehobenen Gourmet-Tempeln ihrem edlen Handwerk nachgehen, beschäftigen sich Millionen von Frauen notgedrungen am heimischen Herd mit Topf und Kochlöffel, dazu gehen unzählige männliche Köche ihrem Hobby nach, ob zu Hause oder am Grill. Mit Fleisch und (oder) Gemüse aller Arten.

Eine Gruppe junger Menschen beim Grillspaß. (Foto: Clipdealer)

Ob die Nutzung von Fleisch auf immer und ewig bestehen bleibt, ist indessen fraglich. Tierschutzaktivisten und -aktivistinnen ziehen seit Jahren gegen Tierausbeutung und für Schließung von Schlachthäusern unter dem Motto: „Es gibt kein Recht auf Bratwurst” auf die Straßen. Ehrenwert, aber es ist anzunehmen, dass sich eine große Mehrheit der Menschen auf (noch) lange Sicht, weiterhin dem Fleischverzehr und damit auch dem Grillen hingeben werden.

Mein Nachbar jedenfalls widmet sich ungeachtet anderer Meinungen mit Liebe dieser Grillbruzzelbraterei. Wenn das braungebrannte Stück Fleisch (Steak, Würstchen, Hähnchenteil) auf dem Teller liegt, ein saftiger Salat das Ganze garniert und ein frisch gezapftes Bier in den Gläsern schäumt, ist es ein gelungener Tag für ihn, für seine Familie und die Gäste, die es sich auf der Terrasse gut gehen lassen. Allen anderen Aspekten zum Trotz…