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Stadtbesuch

Zweigeteiltes Sønderborg an der Flensburger Förde

Hinter der deutsch-dänischen Grenze führt mich der Weg ostwärts in Richtung Sønderborg. Es gibt keinen besonderen Anlass für den Besuch, aber da ich in Flensburg zu tun habe, bietet sich der Katzensprung (rund 30 Kilometer) an, um den Reiz, die Lässigkeit und die Lebensfreude dieses dänischen Städtchens in Südjütland zu geniessen: – auch wenn es nur für einige knapp bemessene Stunden ist.

Warum gerade Sønderborg? Der Grund ist banal und geografisch begründet. Nicht weit entfernt von Flensburg ist es schnell erreichbar und erfordert wenig Zeitaufwand. Für mich ist der Besuch eine Momentaufnahme, nicht in allen Facetten erfassbar, aber erlebbar. Interessant finde ich die spezielle Lage Sønderborgs: Der größte Teil (mit der Altstadt) liegt auf der Insel Als, der Rest auf dem Festland. Zwischen beiden Teilen befindet sich der etwa 250 Meter breite Alsensund, zwei Brücken ermöglichen den Bewohnern und Touristen die mühelose Passage von Ost nach West und umgekehrt. Entlang der Ufer liegen Boote und Jachten aller Art vor Anker.

Mein Spaziergang durch die Altstadt ist heimelig. Ich komme an schnuckeligen Häusern vorbei, wandele durch verwinkelte Gassen, betrachte die Auslagen kleiner Geschäfte, labe mich in einem Straßencafé und erfreue mich an der Freundlichkeit der Menschen, die mir begegnen, höre an diesem hellen Sommertag aber auch die Befürchtung eines Wirtes, es könne in der kommenden Nacht wieder laut werden, wenn junge Leute mit ihrer Live-Musik in den Lokalen und überbordender Ausgelassenheit die Nacht zum Tage machen würden. Aber dann sagt er selbst mit einem Schmunzeln: „Wer gut verdienen will, muss manches in Kauf nehmen.“ Alles hat seinen Preis.

Boote und Jachten am Hafenbecken. (Foto: iStock.com/Harald Schmidt)

Auftrieb erlebte die Stadt Anfang Juli 2022, als hier die 3. Etappe der Tour de France mit einem Sprintsieg des Niederländers Dylan Groenewegen endete. Fußball spielt in Sønderborg keine Rolle, eine  Attraktion ist dagegen das Ringreiterfest, das jedes Jahr am zweiten Juli-Wochenende ausgerichtet wird. Da ich es real nicht miterleben konnte, zitierte ich einige Fakten aus Prospekten des Tourismus-Büros. Demnach sind ein traditioneller Umzug mit rund 500 Pferden und Reitern sowie der Ringreiter-Wettbewerb Mittelpunkt des Festes. Auf einem vergilbtem Plakat in der Innenstadt lese ich, dass die Tradition des Ringreitens aus dem Mittelalter stammt und eine friedliche Form der tödlichen Lanzen-Kämpfe zwischen zwei Männern darstellt, wobei die Spitze der Lanze im Galopp durch einen kleinen Ring zu stoßen ist, der stufenweise kleiner wird, je weiter der Wettbewerb voranschreitet.

Die größte Sehenswürdigkeit ist das Schloss, das direkt am Meer liegt und  ein Blickfang für die Stadtbesucher ist. Dieses rotbraungelb gefärbte Quadrat mit Innenhof ist eines ältesten Bauwerke in der Stadt und vom Schlossgarten aus spaziere ich auf einer schönen Promenade entlang der Förde zum Jachthafen, wo eine Skulptur des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass (1927-2015) steht. Das 2004 vom dänischen Kronprinz enthüllte Werk zeigt einen kräftigen Arm, dessen zupackende Hand einen Heilbutt fest umklammert, wobei der Fisch  — so die Intention des Künstlers — Lebenserfahrung und Weisheit darstellen soll. Die Skulptur „Der Butt“ bezieht sich auf den 1977 erschienenen gleichnamigen Roman von Grass.

Die Düppeler Windmühle als Anziehungspunkt. (Foto: Imago Images/Joana Kruse)

Weil viele Gebäude aus der Zeit zwischen 1890 und 1910 stammen, gilt Sønderborg in kultureller Hinsicht als bedeutender dänischer Jugendstil-Ort, obwohl die Stadt im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen heimgesucht wurde und schmerzhafte Wunden erlitt. Wenn die  Kommune nicht gerade mit Attraktionen gesegnet ist, gibt es bei einem Tagesausflug doch einiges an Schönheiten zu entdecken. 


PINNWAND: Sehenswerte Bauwerke sind das Sønderborg Slot (Schloss), die Düppeler Windmühle, Marien- und Ulkebøl-Kirche, die Ringrider-Statue und die Heilbutt-Skulptur von Günter Grass.