Salute liebes Fahrrad

Zweihundert Jahre Fahrrad im Jahr 2017! Das lädt dazu ein, einige Aspekte dieses Fortbewegungsmittels zu beleuchten. Es war ein gewisser Karl Freiherr von Drais, der 1817 das so genannte Laufrad erfand – ein schwerfälliges Monstrum, bestehend aus einem massiven Holzkonstrukt mit zwei Rädern, dessen Antrieb aus nichts anderes bestand als den eigenen Beinen. Mit seinen Füßen musste sich der Fahrer immer wieder vom Boden abstoßen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Pedale hatte das mit eigener Kraft zu bewegende „Fahrrad” (noch) nicht. Immerhin schaffte es der damals 32 Jahre alte Freiherr, am 12. Juni 1817 vierzehn holprige Kilometer zwischen Mannheim und Schwetzingen in einer Stunde zurückzulegen.

Der unaufhaltsame Siegeszug des Fahrrads. (Foto: Clipdealer)

Nach ihrem Erfinder wurde das Laufrad fortan „Draisine” genannt, doch so recht konnte sich die eigentlich revolutionäre Erfindung nicht durchsetzen. Das seltsam anmutende Gefährt blieb lange ein Spielzeug für gut Betuchte, die Bedeutung für die Mobilität der Menschen wurde nicht erkannt. Und auch Freiherr Drais erlebte den späteren Siegeszug seiner Erfindung nicht mehr, vielmehr verstarb er 1851 in völliger Armut.

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Mordfall Rosemarie Nitribitt

Rosemarie Nitribitt, Beruf: Prostituierte, wurde Anfang November des Jahres 1957 – also vor nunmehr 60 Jahren – in ihrer Wohnung in der Frankfurter Innenstadt ermordet aufgefunden. Der Fall sorgte in der Bundesrepublik monatelang für Schlagzeilen, wurde in einem satirisch-kritischen Buch von Erich Kuby verarbeitet und dann mehrmals verfilmt. Warum erregte der Nitribitt-Mord die Öffentlichkeit über die Maßen, da doch unzählige andere Prostituierte davor und danach eher unbeachtet den Tod fanden?

Im 4. Stock „arbeitete“ Rosemarie Nitribitt (Foto: Clipdealer 2011)

Die Antwort ist wohl in erster Linie in der gesellschaftspolitischen Situation der Bundesrepublik jener Zeit zu finden. Die Nazijahre waren von den Menschen schnell aus dem Gedächtnis verdrängt worden, die Herren in den weißen Westen hatten Oberwasser. Gut Verdienende umgaben sich mit neuem Luxus, wozu bei dem einen oder anderem auch eine „Lebedame” gezählt haben dürfte.

Es war die Zeit des so genannten „Wirtschaftswunders”. Innenpolitisch betrachtet waren die Jahre geprägt von Ost-West-Konflikten, Wiederbewaffnung, NATO-Beitritt und Kaltem Krieg (mit KPD-Verbot). Gleichzeitig gab sich die Adenauer-Zeit mit ihrer übertrieben christlichen Attitüde prüde und kleinkariert.

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Jazzmusiker im „Althoff-Bau“

Der „Franz Althoff-Bau” im Zoo spielte in der Nachkriegsgeschichte eine überaus bedeutende und oft unterschätzte Rolle im kulturellen Leben der Stadt Frankfurt, denn hier wurde den Menschen in den doch eher trostlosen Jahren des Trümmerwegräumens und Wiederaufbauens unterhaltsame Stunden bereitet –, Stunden, die von den Sorgen des alltäglichen Leben ablenkten. Der Zoologische Garten im Ostend der Stadt und dessen Direktor Dr. Bernhard Grzimek spielen in dieser Geschichte eine höchst interessante Rolle.

Treffpunkt der Künstler (Symbolfoto: Clipdealer)

Die Stadt Frankfurt wollte den Zoo nach dem Krieg schließen, doch der geradezu fanatisch-besessene „Tierflüsterer” Bernhard Grzimek griff zu außergewöhnlichen Maßnahmen, um Einnahmen zu erzielten. So ließ er Schauspieler auftreten, woraus später das heute noch existierende Fritz-Remond-Theater entstand, er organisierte Filmvorführungen („Jugendkino im Zoo“), auf dem Gelände des Zoos stand vorübergehend auch eine riesige Achterbahn. Auf dem kleinen Weiher agierte die Garmischer Eisrevue mit der mehrfachen deutschen Meisterin Lydia Veicht, Grzimek ließ Seitänzer auftreten, es gab Jahrmarktsbuden, Hausfrauennachmittage und Modenschauen. Damit bot der Zoo in den tristen Nachkriegsjahren eine unterhaltsame Welt und sicherte zugleich das Überleben der rar gewordenen Tiere.

In dem Buch „Frankfurt und die wilden Jahre” von Richard Kirn und Madlen Lorei heisst es über diese Zeit im Zoo:

„Alles in allem war diese bizarre Welt jahrelang so etwas wie ein letztes Glück in der grauen Stadt.”

In einer Ecke des Geländes gastierten namhafte Artisten über zwei Jahre lang im Cirkus Oskar Hoppe, ehe Hoppe nach Auseinandersetzungen mit Grzimek sein Gastspiel beendete. An seiner Stelle wurde von Zirkusdirektor Franz Althoff ein Festbau errichtet, der aus einer stabilen Holzkonstruktion bestand und rund 3000 Besuchern Platz bot.

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Marie Curie im Strahlenfeuer

An der naheliegenden Überlegung, wie die Welt ohne Marie Curies Entdeckungen heute aussehen könnte, ob es überhaupt Atomkraftwerke und Kernwaffen gäbe, will ich mich erst gar nicht beteiligen. Es ist eine fruchtlose Diskussion, denn hätte Marie Curie zusammen mit ihren Mann Pierre die chemischen Elemente Radium und Polium nicht entdeckt, so ist es doch höchst wahrscheinlich, dass ein anderer Forscher bald nach ihnen fündig geworden wäre, schreitet die Wissenschaft doch ständig voran. Die Zeit war reif…

Marie Curie auf einer Banknote und einer Briefmarke (Fotos: Clipdealer)

2017 wird Marie Curie – am 7. November 1867 als Marie Skłodowska im polnischen Weichselland geboren – mehr noch als in anderen Jahren in den Blickpunkt rücken, denn anläßlich ihres 150. Geburtstages wird es viele Würdigungen geben, was der Leser unschwer auch schon an diesem kleinen Beitrag erkennen kann.

Die berühmte Forscherin, die den überwiegenden Teil ihres Lebens in Frankreich verbrachte, musste  früh ihr Heimatland verlassen, weil die von ihr angestrebte und erhoffte naturwissenschaftliche Ausbildung in ihrer Heimat – zur damaligen Zeit unter Kontrolle des Russischen Zarenreiches –, für Frauen untersagt war. Unter diesen Umständen blieb ihr nichts anderes übrig, als nach Paris zu gehen, wo sie mit – mit Intelligenz und Beharrlichkeit ausgestattet – ab 1891 ihr Studium absolvierte, um sich danach ganz der Forschung in Chemie und Physik zu widmen.

1895 machten die „Röntgenstrahlen” weltweit Schlagzeilen, während eine eher zufällige, aber wichtige Entdeckung von Henri Becquerel fast unbeachtet blieb: Becquerel, Lehrer von Marie Curie, hatte herausgefunden, dass Urankaliumsulfat eine Fotoplatte zu schwärzen vermochte.

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Des Luftschiffers Zeppelinheim

Zeppelinheim, die Wohnsiedlung in der Nähe des Frankfurter Flughafens wird Ende des Jahres 2017 achtzig Jahre alt. Dieser kleine Rückblick erzählt einige Details über die Gemeinde, die zwischen 1934 und 1937 gebaut worden ist, um privilegierten Mitarbeitern der „Deutschen Zeppelin-Reederei” – insbesondere den Kapitänen und Ingenieuren – am neuen Rhein-Main-Flughafens Unterkunft zu bieten.

Die Entstehung von Zeppelinheim hängt ganz eng mit der Geschichte Frankfurts zusammen. Der Flugplatz auf dem Gelände am Rebstock im Westen der Stadt war zum Ende der Zwanziger Jahre zu eng geworden und entsprach nicht mehr den technischen Anforderungen der damaligen Zeit. Unter diesen Umständen wurde der neue Rhein-Main-Flughafen in einem Waldgebiet südwestlich von Frankfurt konzipiert.

Als die Luftschiffe noch Konjunktur hatten… (Foto: Clipdealer)

Im Zusammenhang damit wurde westlich der neuen Autobahn, die von Frankfurt nach Mannheim führte, auch noch ein Start- und Landeplatz sowie eine große Luftschiffhalle für die gerade in hoher Blüte stehenden Zeppeline errichtet. Und zeitgleich mit dem Bau dieses Luftschiffhafens entstand die Wohnsiedlung zwischen dem Forsthaus Mitteldick und der Riedbahnlinie sowie der östlichen Seite der Autobahn. Die Gründungsurkunde für den Ort Zeppelinheim datiert vom 31. Dezember des Jahres 1937.

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Kisch enthüllt Spionagefall Redl

Ein hochrangiger Offizier betreibt Spionage und erschiesst sich nach seiner Enttarnung, seine Vorgesetzten vertuschen den Verrat, ein Fußballspieler lässt seine Mannschaft im Stich und ein Reporter zieht daraus seine Schlüsse – Ingredienzen eines spannenden Spionagedramas. Der Fall des Generalstabschefs Alfred Redl, der am 24. Mai 1913 als Spion entlarvt wurde und sich auf massiven Druck der Obrigkeit noch in der Nacht in Wien erschoss, ist schon einige Male verfilmt worden, meist etwas schlampig wie auch in dem Streifen „Spionage”, der gelegentlich immer mal wieder im TV zu sehen ist. 

Der Prager Reporter Kisch machte den Fall Redl öffentlich. (Foto: Clipdealer)

Die Realität war brisanter, ging es doch für das Militär der österreichisch-ungarischen Monarchie darum, den Verrat unter der Decke zu halten – ein Versuch, der schnell scheiterte. Eng verbunden mit dem Fall Redl ist der berühmte Journalist Egon Erwin Kisch („Der rasende Reporter”). Im Sammelband „Prager Pitaval” ist darüber ausführlich zu lesen.

Kisch hatte in Prag zunächst nur die offizielle Mitteilung des kaiserlichen Telegrafenbüros vom Selbstmord Redls in Wien zur Kenntnis genommen. Darin war behauptet worden, der hochbegabte Offizier habe sich „in einem Anfall von Sinnesverwirrung erschossen”. Doch Kisch erfuhr durch einen merkwürdigen Zufall von der Durchsuchung der Redl-Wohnung in Prag und zog daraus seine Schlüsse. Reporterglück…

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Herr Goethe und Frau Willemer

Johann Wolfgang Goethe hielt sich 1815 mehrere Monate in Frankfurt-Sachsenhausen auf. Dabei entwickelte sich zwischen dem Dichterfürsten und der Bankiersgattin Marianne Willemer eine lange geheim gehaltete, tiefe Zuneigung. Frankfurter Mädchen und Buben erfuhren in den Schulen über den Dichter aus dem Großen Hirschgraben und Frau Willemer nicht viel, gewiss aber mehr als etwa gleichaltrige Münchener. Denn Johann Wolfgang war in der Stadt überall präsent. Dabei hatte Goethe nur die ersten 26 Jahre seines Lebens in Frankfurt am Main verbracht. Von Kurzbesuchen abgesehen war sein Lebensmittelpunkt Weimar.

Das Sommerhaus auf dem Sachsenhäuser Mühlberg. (Foto: Erich Stör)

Wer außerdem aus dem südlichen Stadtteil Sachsenhausen kam, wurde (und wird) allerdings noch häufiger als andere mit Goethe konfrontiert, denn am gleichnamigen Berg gibt es den hölzernen Goetheturm, der allerdings erst 1931 errichtet wurde, den kleinen Hügel Goetheruh’ – ob der Dichter hier wirklich verweilte, ist nicht belegt – , und natürlich am Mühlberg das Willemer-Häuschen, in dem sich der Herr Geheimrat auch mit der Bankiersfamilie Willemer getroffen hat. Die Zeit in diesem klassizistischen Gartenhaus behielt Goethe immer in guter Erinnerung, sprach sogar von den „schönsten Stunden seines Lebens”.

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Vertreibung am Reschensee

Alle Wege führen einer alten Redewendung zufolge nach Rom. So weit wollen wir allerdings nicht, sondern nur von Frankfurt nach Südtirol. Einige Berge der Alpen müssen wir trotzdem passieren, um unser Ziel Meran zu erreichen. Bei unserer Reise wählen wir diesmal nicht den schnelleren und bequemeren Weg via Autobahn über München, Kufstein und Brenner, sondern fahren über den Reschenpaß, wobei wir auch noch die Autobahn-Maut einsparen. Über die A 7 rollen wir von Ulm aus bis nach Füssen, passieren auf Landstraßen den Fernpaß sowie die Städtchen Landeck, Pfunds und Nauders, queren dann – fast ohne es zu bemerken – die Staatsgrenze zwischen Österreich und Italien und erreichen zuerst die kleine Gemeinde Reschen und gleich darauf das etwas größere Graun.

Die kleine Kirche St. Katharina ragt aus dem Reschensee. (Foto: Clipdealer)

Auf der rechten Seite schimmert an diesem Tag tiefblau der Reschensee, der Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre angelegte, etwa sechs Kilometer langer Stausee, welcher vor allem der Stromversorgung des Vinschgaus dient. Aus dem Wasser ragt einsam ein Kirchturm, unzählige Male von den zahlreichen Touristen abgelichtet. Das wunderschöne Objekt für die Fotografen wirkt wie aus einem Bilderbuch, hat allerdings auch Flecken, denn kaum jemanden der Vorbeireisenden ist sich der Tatsache bewußt, dass diese hübsche Idylle einen dunklen Hintergrund hat.

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Proteste gegen Regisseur Harlan

Vor 65 Jahren, im Frühjahr 1951, hagelte es in Frankfurt Proteste gegen den Filmregisseur Veit Harlan, der 1940 den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß” gedreht hatte und dessen Nachkriegsmelodram („Unsterbliche Geliebte”) im Metro im Schwan gezeigt werden sollte. Harlan – „eine der Galionsfiguren des Nazifilms“, wie der Filmhistoriker Rudolf Worschech in einem Beitrag über das Nachkriegskino in der Mainmetropole vermerkt – war nach 1945 zunächst nur mit einem Berufsverbot belegt worden.

Schlagzeilen der Frankfurter Rundschau zur Diskussion um Harlan-Film. (Signale)

Die „Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes“ (VVN) und auch die „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ hatten den Regisseur wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ angezeigt, doch im April 1949 sprach ihn das Hamburger Landgericht mangels Beweises frei. Das Urteil wurde ein Jahr später in einer Revisionsverhandlung bestätigt; immerhin erklärte das Gericht, der Film erfülle sowohl objektiv als auch subjektiv den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Für Harlan war gleichwohl der Weg frei, um in sein altes Metier zurückzukehren.

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Rätselmorde in Hinterkaifeck

Auf einem abgelegenen Bauernhof in der Nähe von Schrobenhausen wurden am Abend des 31. März 1922 sechs Menschen brutal ermordet, darunter zwei Kinder. Bis auf den heutigen Tag steckt dieses Verbrechen voller Rätsel. Obwohl es zahlreiche Verdächtige gab, wurde der Massenmord nie aufgeklärt. Eine entscheidende Rolle dürfte dabei gespielt haben, dass viele der technischen Hilfsmittel fehlten, die heute zum täglichen Handwerkszeug der Polizei gehören.

Die Düsternis eines Einödhofes. (Symbolfoto: Swift Publisher)

Die Mordopfer waren der 63 Jahre Bauer Andreas Gruber, seine Ehefrau Cäzilia Gruber, die 35 Jahre alte verwitwete Tochter Viktoria Gabriel, deren Kinder Cäzilia (sieben Jahre alt) und Josef (zweieinhalb Jahre alt) sowie die ledige Dienstmagd Maria Baumgartner, die gerade erst ihren Dienst angetreten hatte.

Über den Fall und die Hintergründe der Morde gibt es zahlreiche Spekulationen und Veröffentlichungen. Inzwischen hat sich die Meinung verfestigt, dass es sich keineswegs – wie anfangs vermutet – um einen Raubmord gehandelt hat, sondern persönliche Rachemotive eine Rolle spielten. Nach heutigem Verständnis wurden die Untersuchungen nicht mit letzter Konsequenz geführt.

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