Bürgermeister Jourdan und der Todesschütze im Wald

In der Nähe der US-Spionagestation „Transmitter Facility“ südlich von Frankfurt steht ein Gedenkstein, der an den 1876 erschossenen Walldorfer Bürgermeister Peter Jourdan erinnert.

Hinter einem Holzstapel kauert keuchend ein Mann, seine Hände umklammern voller Nervosität ein Gewehr. Leise, kaum wahrnehmbare Schritte nähern sich auf bemoostem Waldweg, zwei Männer tauchen auf, lauter werdende Wortfetzen dringen zu dem Lauernden, er richtet sich langsam auf, keineswegs eiskalt, aber bebend vor Wut, legt die Waffe an und zielt auf einen der Männer. Im Visier hat er den Waldenser-Pfarrer Ludwig Georg Ewald. Noch einmal holt der Schütze tief Luft, senkt die Augenlider und drückt ab. Ein peitschender Knall durchdringt die vom Summen der Bienen erfüllte Stille an der Steingrund-Schneise, dann sinkt einer der beiden Männer tödlich getroffen zu Boden; es ist nicht der Pfarrer, sondern der ihn begleitende Bürgermeister Peter Jourdan. Der Täter reisst entsetzt die Augen auf, erkennt seinen Irrtum, richtet sich selbst…

Wir wissen es nicht genau, aber so kann es sich am Freitag, 18. August 1876, abgespielt haben, auch wenn manches im Dunkeln bleibt, da es als einzigen Zeugen nur den überlebenden Pfarrer gibt. Schnell wird klar, dass das blutige Ereignis eine längere Vorgeschichte hat, und Ewald darin eine unrühmliche Rolle spielt. Historiker haben herausgefunden, dass der Geistliche, 1871 ins Amt gekommen, sich unnachsichtig und diktatorisch zu seinen ihm anvertrauten „Schäfchen“ verhält. Penibel notiert er, wer nicht regelmäßig in die Kirche kommt und sich seiner Ansicht nach nicht gottesfürchtig verhält. Wer seine Kinder nicht in die Kirche schickt, gilt ihm als verdächtig. 

Gegensätze im Dorf

Der Walldorfer Chronist Heinz M. Braun schreibt 1953 in einem Rückblick: „Der Pfarrer scheint es nicht verstanden zu haben, gewisse Gegensätze innerhalb der Bevölkerung auszugleichen.“ Mit einen der Einwohner hat Ewald immer wieder Auseinandersetzungen, weil dieser sich nicht des Pfarrers unerbittlich strengen Regeln unterzuordnen gedenkt. Der Streit eskaliert von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Als der Pfarrgarten in Walldorf verwüstet wird, steht für Ewald fest, dass nur der widerspenstige „Querulant“ dafür verantwortlich gewesen sein kann. Mit Druck und kirchlichem Einfluss sorgt er für ein Gerichtsverfahren gegen den vermeintlichen Übeltäter. 

Mit Wut im Bauch angelegt. (Symbolfoto: Clipdealer)

Obwohl es keinerlei Beweise gibt, und der Angeklagte inständig seine Unschuld beteuert, wird er von einem Langener Gericht zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Eine Strafe, die er allerdings nicht sofort antreten muss. Voller Zorn eilt der Verurteilte nach Hause, holt sein Gewehr, um sich an Ewald zu rächen. Er ahnt, auf welchem Weg der Pfarrer von Langen nach Walldorf zurückkehren wird, versteckt sich im Wald und wartet, bis Ewald in Begleitung von Jourdan, der in Langen als Zeuge ausgesagt hat, vorbeikommt. Dann kommt es zu der schrecklichen Tat, die nicht nur ein unschuldiges Opfer fordert, sondern den Täter in Erkenntnis seines mörderischen, hasserfüllten Handelns in den Suizid treibt.

Zerkratzte Inschrift

Ein Mörfelder Einwohner soll unbestätigten Informationen zufolge später gestanden haben, den Pfarrgarten zerstört zu haben. Pfarrer Ewald wurde nach dem tödlichen Drama von übergeordneten Kircheninstanzen in eine andere Gemeinde versetzt. Auf Veranlassung der Witwe von Peter Jourdan wurde am Tatort Steingrund-Schneise ein Gedenkstein errichtet. Die Zeile „von Mörderhand“ in der Inschrift wurde von Unbekannten vor Jahren zerkratzt. Die Hintergründe sind nicht bekannt.

Quellen:  „Walldorf - Chronik einer Waldenser-Gemeinde" (von Hans M. Braun, Institut für Publizistik Frankfurt 1953) - Freitags-Anzeiger (Mörfelden-Walldorf, 21. April 2022, Bericht über einen Vortrag von Gerd Ströhl, SKG Walldorf) - Website: „Steine in der Dreieich".