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Zeitgeschichte

Winzerstädtchen Schengen in der Welt der großen Politik

Ein angenehmer Sommerabend; wir schreiben das Jahr 1983. Ich fahre von der luxemburgischen Stadt Esch-sur-Alzette in Richtung Saarland. Letztes Städtchen im Großherzogtum vor dem deutschen Grenzort Perl ist Schengen – ein Name, der mir nichts sagt, und den ich nach Passkontrolle und einigen Kilometern aus dem Gedächtnis verliere. Zwei Jahre später werde ich an den Namen erinnert, als er die Schlagzeilen der Weltpresse beherrscht. Auf einem Moseldampfer wird bei Schengen ein Vertrag unterzeichnet, der die politische Situation in Europa grundlegend verändert und das Winzerstädtchen zu einem politischen „Weltstar“ macht. 

Bei Schengen unterzeichnen Deutschland, Frankreich sowie die Beneluxstaaten Belgien, Niederlande und Luxemburg am 14. Juni 1985 einen Vertrag zum Abbau von Passkontrollen an den Binnengrenzen Europas,  Unterschriften, die die Reisefreiheit in Europa maßgeblich beeinflussen. Schauplatz des historischen Aktes ist die „MS Princesse Marie-Astrid“, ein Fahrgastschiff der Luxemburger Moselflotte. Catherine Lalumière (Frankreich), Waldemar Schreckenberger (Deutschland), Paul de Keersmaeker (Belgien), Wim F. van Eekelen (Niederlande) und Robert Goebbels (Luxemburg) setzen ihre Name unter die Verträge. Doch es vergehen noch Jahre, bis 1995, ehe das Papier nach Abänderungen, Umformulierungen und Irrungen zum Leben erweckt wird und erste Grenzbarrieren fallen.

Der berühmte Ort Schengen auf der Landkarte. (Foto: Clipdealer)

Über die politische Rolle des Vertrages schreibe ich hier nicht. Auch nicht darüber, was die Grenzöffnung für die einzelnen Länder bedeutet, welche positiven oder negativen Folgen das Abkommen für die Bürger verschiedener Staaten hat, wie engstirnig die Flüchtlingsfrage behandelt wird. Das haben andere Autoren in vielfältiger Form in den vergangenen Jahrzehnten bereits getan. Mich bewegte eher die Frage: Warum gerade Schengen? Warum wurde dieser kleine Winzerort, dessen geografische Lage an der luxemburgischen Weinstraße immer noch vielen Menschen unbekannt ist, für den historischen Akt ausgewählt?

Die Antwort ist einfacher als gedacht. Das kleine Städtchen mit knapp 5000 Einwohnern war vom Luxemburger Staatssekretär Robert Goebbels ausgewählt worden. Ihm oblag die Organisation der Unterzeichnung, weil Luxemburg zu dieser Zeit dem Rat der EU vorsaß. Und Schengen war geradezu ideal, lag es doch am Dreiländereck Luxemburg, Frankreich, Deutschland. Goebbels berichtete später, um die Symbolik der Gemeinsamkeit noch zu verstärken, hätten die Beteiligten ganz bewusst inmitten der Mosel unterzeichnet, dort, wo auf dem Fluß die Grenzen jener Länder verlaufen, die als Hauptinitiatoren des Abkommens gelten.

Das Europadenkmal in Schengen. (Foto: Arnulf Hettrich/Imago Images)

Viele der rund 80 000 Touristen, die jährlich nach Schengen kommen, sind erstaunt über die Schlichtheit des berühmten Ortes, der in den Medien zum internationalen Star aufgestiegen ist. Sehenswürdigkeiten waren über Jahrhunderte ein kleines Schloss und eine Kirche mit spitzem Turmhelm. Das Schloss von 1812 geht auf eine Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert zurück. Ein Rest des Mauerwerks, ein neun Meter hoher wuchtiger Turm mit kegelförmigem Schieferdach, ist erhalten geblieben. Der berühmteste Besucher dieses Schlosses war Victor Hugo. Der französische Schriftsteller zeichnete den Turm 1871 und dieses Bild ziert noch heute das Etikett der Weine „Château de Schengen“.

Inzwischen ist Schengen vollgepflastert mit politischen Symbolen, Erinnerungstücken und Denkmälern, die eine Art Gedächtnismeile bilden; Politiker vieler Länder machen dem Städtchen ihre Aufwartung. Zu den Attraktionen zählen ein „Europäisches Museum“ und das Europadenkmal. Auf dem Platz der Sterne stehen Säulen, die die Schengen-Länder darstellen. Eine Christus-Statue symbolisiert Portugal, Olympische Ringe stehen für Griechenland und die Kirche Sagrada (Barcelona) verkörpert Spanien. Schweden schmückt sich mit Elchen, Deutschland mit dem Brandenburger Tor und (wie gruselig!) mit einem Gartenzwerg. Daneben flattern die Flaggen aller beteiligten Länder, eine Inschrift nebenan lautet: „Möge Frieden auf Erden sein.“ Auch ein Porträt des ehemaligen sowjetischen Politikers Gorbatschow fehlt nicht.

Erinnerungsmonument in Schengen. (Foto: Alimdi/Imago Images)

Abgesehen von der politischen Symbolik herrscht an dem Standort reger „Grenzverkehr“. Die Bewohner der umliegenden Orte  versorgen sich an zahlreichen Tankstellen und Kaufläden mit Waren des täglichen Bedarfs kostengünstiger als in ihren Heimatländern. Im deutschen Perl verkaufen alleine vier Filialen einer bekannten Drogeriekette ihre wohlfeilen Waren. Getankt wird dagegen im preisgünstigen Schengen, Zigaretten und Kaffee wechseln zollfrei die Grenzen: wie das reale Leben so spielt.

Trotz der positiven Aspekte der Grenzöffnungen gibt es Situationen, die Fragen aufwerfen. Dazu braucht es nicht einmal Kriegskonflikte oder die permanente Flüchtlingsdramatik: es reicht schon ein Virus, um die Verletzlichkeit des Systems zu zeigen. Als Corona die Welt in Atem hielt, wurden auch in Europa die Grenzen wieder geschlossen. Da war sich jeder selbst der Nächste…


PINNWAND: Zum „Schengener Raum“ zählen Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Spanien (seit 1995),, Italien, Österreich, Griechenland (alle 1997), Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden (2001), Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn (alle 2007), Schweiz (2008), Liechtenstein (2011), Kroatien (2023). – Die weiteren EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien, Rumänien und Zypern wurden bisher nicht aufgenommen, da sie von den federführenden Staaten als „Einfallstore“ von Flüchtlingen diskreditiert werden. Aus anderen Gründen gehören Großbritannien mit Gibraltar, Irland, Monaco, San Marino, Andorra und Vatikanstadt nicht zum Schengener Raum.