Sagen und Geschichten rund um den Pragser Wildsee

Die Dolomiten und Südtirol zählen zu den beliebtesten Reisezielen in Europa. Ein reizvoller Ort im Hochpustertal ist der Pragser Wildsee zwischen Bruneck und Toblach. (Foto: Stör)

Eindrucksvolle Naturgebilde prägen Südtirol, aber auch die Menschen vor Ort setzten mit ihrer Kultur und Sprache spezielle Akzente. Das gilt auch für das Pustertal, in dem der Pragser Wildsee liegt. Das Gewässer gilt als größter natürlicher See in den Dolomiten, liegt auf einer Höhe von knapp 1500 Metern und ist nach Erkenntnissen von Geologen einst durch einen Murenabgang und eines daraus entstehenden natürlichen Wasserstaus entstanden. 

Solche geologischen Forschungen in den Wind schlagend, erzählt dagegen eine Sage anderes: Ihr zufolge wurden die Pragser Berge von so genannten „Wilden“ bewohnt, welche keineswegs furchterregend waren, aber so genannt wurden, weil ihre schroffen Gestalten den Bergen ähnelten. Sie schürften nach Edelsteinen und Gold, dessen schimmernden Glanz sie liebten. Als Männer aus dem Tal kamen, um Kühe und Schafe auf den blumenübersäten Wiesen weiden zu lassen, trafen sie die „Wilden“, die den Gästen ohne Argwohn ihre Schätze zeigten. Die unfriedlichen Talbewohner begannen, die „Wilden“ zu bestehlen. Diese versteckten ihre Schätze in unterirdische Quellen, aus deren Wasser schnell ein See entstand, der das Tal der Schäfer von den Bergen der „Wilden“ trennte.

Wer nicht mit Sagen glaubt und Natur geniessen will, verlässt – aus Deutschland oder Österreich kommend – bei Brixen (Bressanone) die Brenner-Autobahn und benutzt die Staatsstraße 49, die in östlicher Richtung ins österreichische Lienz führt. Vorbei an Bruneck und Olang führt der Weg rechterhand ins Pragser Tal, wo nach knapp zehn Kilometern der Wildsee liegt. Dem Betrachter bietet sich ein farbenprächtiges Bild. Im eiskalten und kristallklaren Wasser spiegeln sich leuchtende Farben, wobei die Palette von smaragdgrün bis kobaltblau reicht. 

Die kleine Kapelle am Pragser Wildsee. (Foto: Oliver Stör)

Der See ist idealer Ausgangspunkt für zahlreiche Bergtouren in die Umgebung, auch der Dolomiten-Höhenweg Nr. 1 nimmt hier seinen Anfang. Doch auch die nur vier Kilometer lange Wanderrunde um den See bietet interessante Einblicke; der leichte Spazierweg führt in etwa anderthalb Stunden an einem von Lärchen, Fichten und Kiefern umsäumten Kirchlein vorbei. Die Kapelle mit dem Namen „Zur schmerzhaften Mutter Gottes“ gehört zum Hotel „Prager Wildsee“ der Familie Hellenstainer und wurde 1904 errichtet.

Geiselbefreiung

Der Pragser Wildsee hat indessen nicht nur eine Geschichte als Naturdenkmal. Er geriet einst auch in anderer Hinsicht in den Blickpunkt. Die US-Armee traf hier Ende April 1945 auf 139 prominente Hitlergegner, die von der SS als Geiseln nach Prags verschleppt worden waren, aber von einem Stoßtrupp der Wehrmacht unter dem Kommando des Offiziers Wichard von Alvesleben aus ihrer Gefangenschaft befreit und der heranrückenden US-Armee übergeben wurden. Unter den Gefangenen befanden sich u. a. der österreichische Politiker Kurt von Schuschnigg, der Großindustrielle Fritz Thysssen, der ehemalige französischer Ministerpräsident Léon Blum sowie der spätere Präsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Niemöller. An diese Vorgänge erinnert das Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee. Zu einen Anziehungspunkt für Touristen wurde der See in den vergangenen Jahren auch durch die italienische Fernsehreihe Un passo dal cielo (Die Bergpolizei), in der Terence Hill die Hauptrolle spielte. Diese Serie wurde in Deutschland vom Bayerischen Rundfunk und anderen Dritten Programmen ausgestrahlt. 

Der Wildsee vor zerklüfteten Bergen. (Foto: Oliver Stör)

Der Besucheransturm am Touristen-Hotsport „Prager Wildsee“ hat jedoch Folgen. Um die Natur zu schützen, wurde ein neues Verkehrskonzept entwickelt und die Besucherzahl limitiert. Zwischen 10. Juli und 10. September (9.30 bis 16.00 Uhr) ist nach örtlichen Medienberichten der See nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Shuttle-Bus), zu Fuß, mit dem Fahrrad oder einer Durchfahrtsgenehmigung zu erreichen. Für den Bus muss eine Eintrittskarte erworben werden. Sind die Plätze ausgebucht, hat der Natur-Liebhaber Pech gehabt.