Von der Hühnerfarm bis zu „Onkel Toms Hütte“

Notizen über ein Landhaus, das bei Frankfurt erst zur Hähnchen-Station (Foto: Clipdealer) und danach zu einem US-Offiziersklub mutierte: Blick auf ein Stück Zeitgeschichte.

Schon lange bevor die Hendl-Kette aus dem Wienerwald österreichische und deutsche Städte heimsuchte, gab es in der Nähe von Frankfurt Ende der Vierziger und Beginn der Fünfziger Jahre ein Restaurationsbetrieb, in dem frisch gebratene Butterhähnchen feilgeboten wurden. Ganz am Ende der Walldorfer Farmstraße, die vom Bahnhof ins nördliche Niemandsland (und heute ins Industriegebiet Nord) führt, stand auf einen großen Areal ein landhausähnliches Gebäude, verziert mit dem Schriftzug „Chicken-Bar“. Es war zur damaligen Zeit ein beliebter Treffpunkt für Gäste aus Frankfurt, die schon über ein Automobil verfügten, weil die Örtlichkeit ansonsten nur schwer erreichbar war.

In der Goldgräberstimmung des so genannten Wirtschaftswunders und einer in Frankfurt sich entwickelnden Schicki-Micki-Szene sprach sich schnell herum, dass es in der Walldorfer Einöde vorzüglich mundende Hähnchen zu verzehren gab. So versammelten sich bald illustre Gäste aus aller Welt in dem Restaurant, darunter Industriebosse und Politiker. Im Gästebuch trugen sich die persische Kaiserin Soraya, der Herzog von Windsor, Frankfurts Zoodirektor Dr. Bernhard Grzimek, US-Hochkommissar John McCloy, Frankfurts legendärer Oberbürgermeister Dr. Walter Kolb und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ein. 

Stars und Sternchen, die von Filmverleihern nach Premierenfeiern in Frankfurt hier den Tagesabschluss feierten, gaben sich die Türklinke in die Hand, darunter Grete Weiser und Hans Albers. Aber auch einfache junge Menschen wie der Autor dieses Beitrags fanden im ersten Automobil eines Freundes (ein gebrauchter Adler) den Weg nach Walldorf. Eine persönliche Erinnerung, die dazu beitrug, die Geschichte dieses Restaurants zu schildern.

Die Hühnerfarm

Entstanden war diese Chicken-Bar aus einem Landhaus (mit angeschlossener Hühnerfarm), das sich Ethel Mary Villers von Weinberg, eine Engländerin und Gattin des Frankfurter Industriellen Carl von Weinberg (u.a. Casella-Werke), 1928 nach Plänen des Architekten Udo von Schauroth auf gepachtetem Gelände als fast obszön teures Geburtstagsgeschenk ihres Mannes hatte erbauen lassen. Im November 1928 wurde das Landhaus eingeweiht, im Gebäude selbst gab es 20 Zimmer und zwei Bäder. Auf der Hühnerfarm wuchs der Bestand innerhalb kurzer Zeit auf 36 000 Tiere.

Die sozial engagierte Frau von Weinberg, die in Frankfurt-Schwanheim ein Waisenhaus und eine Kindergrippe eingerichtet hatte, wurde jedoch 1937, obwohl römisch-katholischen Glaubens, im Zug der „Rassengesetze“ (ihr Mann war jüdischer Herkunft) von ihrer Hühnerfarm vertrieben und starb noch im gleichen Jahr.  Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde sie in Schwanheim beigesetzt.

Verwalter Erich Notzon

Als neuer Pächter tauchte die „Hotel AG Frankfurt“ auf, an der Hessens Nazi-Gauleiter Sprenger beteiligt war, und die den „Frankfurter Hof“ belieferte. Als Verwalter wurde der westfälische Hühner-Experte Erich Notzon eingesetzt, der sich bald darauf jedoch als höchst widerspenstig erwies und die auf der Farm untergebrachten Zwangsarbeiter(innen) aus der UdSSR, Polen, Belgien, Italien und Rumänien anständiger behandelte als von den Nazis erwünscht. 

Notzon wurde 1942 festgenommen, da ihm vorgeworfen wurde, Hühner „abgezweigt“ zu haben, um die inhaftierten Menschen zu versorgen. Wegen „Schwarzschlachterei, Abhörens von Feindsendern und Verbreitung von Greuelpropaganda“ wurde er zu einem Jahr und neun Monaten Zuchthaus verurteilt. Notzon kam zunächst ins Lager Rollwald (Niederroden), danach als „Arbeitshäftling“ ins Zuchthaus Ludwigsburg, wo er Blindgänger entschärfen musste, ehe er von Alliierten Streitkräften befreit wurde. 

Ausrisse von Ansichtskarte und Inserat aus den 50er Jahren. (Repro: Stör-Signale)

1947/1948 erwarb Erich Notzon das verwaiste Landgut Walldorf und eröffnete die „Chicken-Bar“, die 1953 von Kurt Schroeder übernommen wurde. Zu ihrer Zeit war das Restaurant über die Grenzen Walldorfs hinaus bekannt und zierte sogar Walldorfer Ansichtskarten. Jahre später wurde das ehemalige  Landgut als „Onkel Toms Hütte“ von der American Legion, einem US-Offiziersklub, genutzt (in einem Nebengebäude befand sich zeitweise ein Lokal namens „Rettungsring“), ehe es 2004 abgerissen und an gleicher Stelle das Kulturzentrum der buddhistischen Glaubensgemeinschaft Soka Gakkai errichtet wurde.

Tragische Schicksale haben sich im Laufe von Jahrzehnten vermischt mit der ländlichen Heimeligkeit eines Landhauses, das ursprünglich dazu dienen sollte, gesellschaftliche Kontakte zu pflegen und rauschende Feste zu feiern. Die angeschlossene Hühnerzucht diente nur dazu, Frau von Weinbergs Mäzenatentum zu finanzieren. Die Naziherrschaft zwischen 1933 und 1945 zerstörte das bürgerliche Idyll der gut betuchten Unternehmer. Carl von Weinberg, der Mann von Ethel Mary, wurde von den Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft seines Vermögens beraubt und musste aus Frankfurt ins Exil zu seiner verheirateten Schwester nach Italien fliehen, wo er am 14. März 1943 in der Nähe von Florenz verstarb. Sechs Tage später kam sein Bruder Arthur von Weinberg im KZ Theresienstadt ums Leben. 

QUELLEN: Walldorf – Chronik einer Waldensergemeinde von Heinz. Martin Braun (Verlag Institut für Publizistik, Frankfurt, 1953). - Langener Zeitung  (24. April 1990). - Der Blickpunkt - Nr. 588 (2019) sowie Gedenkschrift über die verfolgten Menschen in Mörfelden-Walldorf, herausgegeben von der örtlichen DKP.