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Zeitgeschichte

Kartoffeln erleichtern das Leben der armen Leute von Walddorff

Vor über 300 Jahren wurde die Gemeinde Walldorf gegründet. Es folgten harte Aufbaujahre, ehe sich das Dorf etabliert hatte, auch dank der neuartigen Kartoffel, die Henry Arnaud aus dem Piemont mitbrachte.

Vor wenig mehr als 300 Jahren, genau genommen ab 1699, hielt die Kartoffel – damals noch weitgehend unbekannt in deutschen Landen – Einzug in das winzige Dörfchen Walldorf nahe der Stadt Frankfurt am Main. Eine höchst interessante Geschichte, an der sowohl christliche Flüchtlinge aus dem Piemont als auch ein gewisser Henry Arnaud, seines Zeichens Priester der Waldenser und zugleich ihr militärischer Feldhauptmann, ihren Anteil hatten. 

Was hat es mit den Erdäpfeln auf sich? Während im Gebiet des heutigen Deutschlands die Kartoffel im 17. Jahrhundert noch weitgehend unbekannt war, wurde sie in Italien, Frankreich und Spanien schon verzehrt, nachdem Seefahrer sie zuvor als Zierpflanze aus Südamerika mitgebracht hatten. Als Waldenser aus dem Piemont 1699 Walldorf gründeten, und es schwierig wurde, die täglich nötige Essensration zu erwirtschaften, versorgte Arnaud die Siedler mit Kartoffel-Saatgut aus dem Piemont. Das zunächst noch fremde Nahrungsmittel spielte dann eine wichtige Rolle, um den Hunger zu stillen, aber auch die anderen historischen Ereignisse sind spannend genug, um sie hier zu erzählen…

Wer in Walldorf, dem nördlichen Stadtteil der Doppelstadt Mörfelden-Walldorf lebt, stösst beim Spaziergehen oder Einkaufen immer wieder auf Straßenschilder, deren Schriftzüge nicht gerade alltäglich sind: Unter anderen sind die Namen Cezanne, Coutandin, Reviol, Gaydoul, Pons, Tron, Bonin auf ihnen zu lesen. Sie erinnern an jene Familien, die damals als Flüchtlinge aus dem Piemont nach Hessen kamen, und mit Hilfe von Landgraf Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt (1667-1739) eine Waldenser-Siedlung gründeten. Die Männer, Frauen und Kinder kamen vor allem aus den Gemeinden Roure und Mean im Pragela-Tal, nahe Turin – und die Nachkommen dieser Familien leben heute noch in der Gemeinde.

Am Bahnhof in Walldorf beginnt die Langstraße. (Foto: Erich Stör)

Warum kam es überhaupt zur Flucht und Ansiedlung? Religiös-politische Gründe spielten die Hauptrolle, denn in der damals französisch beherrschten Region Piemont wurden die Waldenser wegen ihrer „Abtrünnigkeit” von der katholischen Kirche verfolgt. Die Glaubensgemeinschaft hatte sich dem reformatorischen Gedanken zugewandt, lehnte vor allem Pomp und Ablasshandel ab, errichtete schmucklose und schlichte Kirchen, ließ nur Bibel und die zehn Gebote gelten. Dem römischen Klerus war dies ein Dorn im Augen. Die Unterdrückung und Verfolgung ging über Jahrhunderte. Als die Lage für die Betroffenen immer unerträglicher wurde, suchten viele der Gläubigen eine neue Heimat. 

Nach langen Verhandlungen, vor allem geführt von Henry Arnaud (1643-1721), dem niederländischen Politiker und Diplomaten Pieter Valkenier (1641-1712) und dem in Frankfurt wirkenden Pfarrer Jaques Papon (1654-1718), gewährte der 32-jährige Landgraf den Waldensern Asyl. Den Flüchtlingen wurde nahe von Mörfelden Land zugewiesen, doch Pacht und Abgaben brachten ein Leben voller Sorgen und Kummer mit sich. Der sandige Boden warf nicht genug Ertrag ab, um alle ernähren zu können. Bereits zwei Jahre nach ihrer Ankunft zogen deshalb einige Familien ins Badische, wo sie in Palmbach und Untermutschelbach (nahe Karlsruhe) sesshaft wurden. Gleichwohl gingen die Aufbauarbeiten in der neuen Siedlung weiter. 

Gaydoulsraße mit Blick auf die Waldenserkirche. (Foto: Erich Stör)

Es waren 14 Familien, die als Gründer des Dorfes angesehen werden, nämlich Jaques Allaud, Davis Berger, Antoine Bonin, Jean Cesanze (heute: Cezanne), Etienne Chatelein, Jean Constantin (Coutandin), David Gaidoul (Gaydoul), Marie Girard, Estienne Piston, Abraham und Pierre Revior (Reviol), Jaques und Jean Tron sowie Claude Vincon (Vinson). Jahrelang lebten diese ersten Siedler in primitiven Hütten und Baracken. Erst 16 Jahre später (1715) waren acht kleine Fachwerk-Häuschen fertiggestellt, zwei Jahre später kamen sieben weitere dazu. 

Alle standen in der Le grand chemin, der Langstraße, die am heutigen Walldorfer Bahnhof ihren Anfang nimmt. Am 24. September 1717 – also 18 Jahre nach Ankunft der Waldenser – erhielt das Dorf dann auch seinen offiziellen Namen. Landgraf Ernst-Ludwig taufte es auf Walddorff – die Bezeichnung sollte ausdrücken, dass es ein „Dorf im Walde” war. Einen Zusammenhang mit dem Namen der Waldenser, wie manchmal vermutet, gibt es definitiv nicht.

Walldorfer Heimatmuseum im ehemaligen Chatelein-Haus. (Foto: Erich Stör)

Schon bevor alle Hofreiten fertiggestellt waren, stand jedoch die erste Waldenser-Kirche im Zentrum der Langstraße. Wegen Baufälligkeit wurde das Gebäude mehrmals neu errichtet. Bis 1814 wurde französisch gepredigt. Ein stabiler Neubau wurde erst 1855 eingeweiht. Ganz in der Nähe steht das Haus von Jean Chatelain, in dem seit einigen Jahren das Walldorfer Heimatmuseum seinen Platz gefunden hat, und in dem die Erinnerung an die Vergangenheit wachgehalten wird. Die intensive Partnerschaft mit der Gemeinde Torre Pellice im Piemont, wo sich das Zentrum der Glaubensgemeinschaft der Waldenser befindet, ist ein Zeichen dafür.

Einfach waren die Aufbaujahre nicht. Auch Walldorfs Existenz musste hart erkämpft werden. Es bedurfte vieler Anstrengungen, um das Dorf am Leben zu erhalten – und das nicht alleine wegen der wirtschaftlichen Probleme. Die „Neuen” wurden auch damals – zum Beispiel im schon seit rund 800 Jahre existierenden Mörfelden – nicht mit offenen Armen empfangen. Es regte sich Widerstand gegen die Zugewanderten, das gleiche gilt auch für andere Nachbargemeinden. Die Bauern und Handwerker in Mörfelden befürchteten „Raub an ihrem Grund und Boden” und protestierten beim Landgraf gegen die Einwanderer.

Vieles ähnelte der Situation von heute. Gegenwärtig aber sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Unterdrückung, Krieg und neuerdings sogar den Folgen des Klimawandels. Den politischen Gremien gelingt es nur selten (oder gar nicht), eine gerechte Lösung für die Betroffenen zu finden. Stattdessen wird über Geld, Verteilungsquoten und bürokratische Zuständigkeiten gestritten. In Walldorf setzte sich vor über 300 Jahren allen Widerständen zum Trotz das Leben durch, was schließlich zum Aufblühen der kleinen Gemeinde beitrug, die seit 1975 mit Mörfelden die Stadt Mörfelden-Walldorf bildet. Auch Henry Arnaud – abfotografiert vom Autor auf einer Info-Tafel in Walldorf – und seine Kartoffelsaat spielte dabei eine kleine Rolle…

Mitbenutzte Quellen u. a. „Walldorf – Die Chronik einer Waldenser-Gemeinde” von Heinz Martin Braun, Verlag: Institut für Publizistik, Frankfurt am Main 1953. – Website: Die Waldenser. – Website: agropa Handelgesellschaft.