Fossilien der Grube Messel bringen Mülldeponie zu Fall

Archäologen – Profis und Amateure – sind immer und überall auf der Suche nach der Welt von gestern. Auch in der Grube Messel bei Darmstadt wird immer wieder nach Fossilien gebuddelt.

Als erstes deutsches Naturdenkmal wurde 1995 die Grube Messel in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Die dort entdeckten Fossilien erzählen Geschichten von der Evolution der Säugetiere, und dokumentieren zugleich die Entwicklungsgeschichte der Erde vor rund 48 Millionen Jahren. Nach dem Zeitalter der Dinosaurier wurde damals die Tier- und Pflanzenwelt entscheidend verändert. Als der Autor vor kurzem bei einer Autofahrt von Offenbach nach Dieburg an der Grube vorbei kam, wurden Erinnerungen an die zahlreichen ökonomischen und politischen Querelen wach, die es 1970 und 1988 um die Nutzung dieser Grube gegeben hatte. 

Messel hat eine lange Geschichte. Das Gelände zwischen Frankfurt und Darmstadt war seit 1859 im Tagebau für den Gewinn von Eisenerz genutzt worden, bald entdeckten die damaligen Grubenbesitzer jedoch die viel lukrativeren Vorkommen an Ölschiefer. Dieser wurde Jahrzehnte lang abgetragen. Als sich abzeichnete, dass diese Schätze zu Ende gingen, begann in Hessen eine Diskussion darüber, wie das weitläufige Gebiet weiter genutzt werden könnte. Ein Mülldeponie irrlichterte am Horizont. Die Debatte darüber wurde kompliziert, weil einige engagierte Hobby-Archäologen in Messel höchst interessante Fossilien gefunden hatten und weitere im Erdreich vermutet wurden.

Querelen

Für die politischen Gremien war dies gleichwohl zunächst ohne Belang, denn in Südhessen wurde dringend eine zentrale Mülldeponie benötigt. Noch vor Ende des industriellen Ölschieferabbaus war Messel als Lagerstätte ins Gespräch gekommen. Das große Gelände und die zentrale Lage im Rhein-Main-Gebiet schien wie geschaffen, um die zunehmenden Müllmassen zu verbuddeln. Für Fossilien hatte zu dieser Zeit außer den Archäologen kaum jemand Interesse.

Doch als Anfang der Siebziger Jahre private Sammler weitere höchst interessante Funde machten, wurde das Vorhaben Mülldeponie in der Öffentlichkeit immer mehr in Frage getellt. Im hessischen Landesparlament in Wiesbaden gab es zahlreiche Debatten über das brisante Thema.

Die Jahre gingen dahin, und jeden Monat, manchmal jede Woche, gab es neue Schlagzeilen, auch bedingt durch wechselnde Landesregierungen. 1970-84 (SPD/FDP), 1984-87 (zunächst Minderheitsregierung SPD, ab Dezember Eintritt von Joschka Fischer/Grüne), 1987-91 (CDU/FDP) 1991-95 (SPD/Grüne). Die komplizierte Situation sorgte in den regionalen Zeitungen und anderen Medien für dauerhafte Beschäftigung mit dem brisanten Thema. 

Jahrmillionen altes Fischskelett. (Foto: Clipdealer)

Gleichwohl hätte sich niemand von uns Journalisten träumen lassen, dass die „Grube Messel” einmal zum Weltnaturerbe zählen würde. Immerhin verging seit 1970 kaum eine Woche, in dem Messel nicht Thema in den Redaktionskonferenzen der Zeitung war, bei der ich damals arbeitete. Der zuständige Kollege trug die neuesten Nachrichten über die ökonomische und politische Entwicklung mit so viel Engagement vor, so dass wir eher Unbeteiligten jedes Mal aufs Neue beeindruckt waren.

Archäologen

1974 wurde der Zweckverband Abfallbeseitigung Grube Messel (ZAGM) gegründet und die Grube für die Öffentlichkeit gesperrt. Ein Jahr später erhielt das Forschungsinstitut Senckenberg aus Frankfurt die Genehmigung, weitere archäologische Grabungen durchzuführen, nachdem zuvor schon das Landesmuseum Darmstadt tätig geworden war. Die ZAGM beantragte indessen die Planfeststellung beim Hessischen Oberbergamt, um die Deponie auf den Weg zu bringen. 1979 erhoben die Senckenberger Forscher jedoch Einspruch beim Oberbergamt gegen den Planfeststellungsantrag für die Deponie. Der hessische Ministerpräsident Holger Börner gab die Garantie, der fossilträchtige Westhang der Grube stehe für weitere 20 Jahre für Grabungen zur Verfügung. 

Im Jahr 1981 genehmigte das Oberbergamt den Betrieb der Deponie. Zwölf Monate danach begannen die Bauarbeiten für die Mülldeponie. Doch zwei Jahre später verhängte Hessens Umweltminister Armin Clauss (SPD) auf Druck der Grünen einen Baustopp in Messel. Der Betreiber klagte vor dem hessischen Verwaltungsgerichtshof gegen diese Entscheidung, bekam Recht und durfte die Bauarbeiten wieder aufnehmen. Doch als 1985 die Grünen in die hessische Landesregierung eintraten, veränderte sich die Situation erneut. 1986 beantragt die Landesregierung beim Oberbergamt, den Planfeststellungsbeschluss hinsichtlich der Inbetriebnahme der Deponie auszusetzen. 

1987 aber – inzwischen regierte in Hessen die CDU – wurde dieser Antrag wieder zurückgezogen. Eine Messeler Bürgerinitiative zur Verhinderung der Mülldeponie klagte per Eilantrag gegen die Inbetriebnahme vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel und bekam im Dezember 1987 (aufgrund von Formfehlern) Recht. Einige Monate später gaben das Hessische Umweltministerium und die Deponie-Betreiber ihre Pläne hinsichtlich der Mülldeponie Grube Messel endgültig auf. Es ziehen einige Jahre ins Land, ehe dann 1995 die Grube Messel  zum Weltnaturerbe der UNESCO erklärt wird.

Wallfahrtsort

Heute ist die Grube Messel zu einer Art Wallfahrtsort geworden, besonders auch für Schulklassen und Hobby-Archäologen, obwohl das äußere Erscheinungsbild der Anlage nicht unbedingt dazu geeignet ist, Begeisterungsstürme auszulösen. Es sind doch eher die inneren (sprich: die Millionen Jahre alten) Werte, die eine Rolle spielen.

Mehrere 10.000 Fossilien wurden bisher geborgen und jährlich kommen fast 3000 neue Funde hinzu. Neben der hohen Anzahl und Artenvielfalt an Tier- und Pflanzenfossilien ist auch ihre einzigartige Erhaltung von großer Bedeutung für die Altertumsforscher.

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