Fossilienwelt der Grube Messel stoppt Mülldeponie

Auf der Suche nach der Welt von Gestern. (Foto: Clipdealer)


Bei einer Autofahrt von Offenbach nach Dieburg kam ich kürzlich an der Grube Messel vorbei. Das weckte schlagartig Erinnerungen an die zahlreichen ökonomischen und politischen Querelen, die es in den Siebziger und Achtziger Jahren um die Nutzung dieser Grube – sie liegt leicht östlich versetzt zwischen Darmstadt und Frankfurt am Main – gegeben hatte. 

Das Gelände südlich von Messel war seit 1859 im Tagebau für den Gewinn von Eisenerz genutzt worden, bald entdeckten die damaligen Grubenbesitzer jedoch die viel lukrativeren Vorkommen an Ölschiefer. Dieser wurde jahrzehntelang abgetragen. Als sich abzeichnete, dass die Schätze zu Ende gingen, begann in Hessen eine heftige Diskussion darüber, wie das weitläufige Gebiet weiter genutzt werden könnte. Hauptsächliches Problem dabei war, dass einige engagierte Hobby-Archäologen in Laufe der Jahre in Messel höchst interessante Fossilien gefunden hatten, die für großes Aufsehen sorgten.

Für die politischen Gremien war dies zunächst ohne Belang. Weil in Süshessen dringend eine zentrale Mülldeponie benötigt wurde, kam noch vor Ende des industriellen Ölschieferabbaus die Grube Messel ins Gespräch. Das große Gelände und die zentrale Lage im Rhein-Main-Gebiet schien wie geschaffen dafür, die zunehmenden Müllmassen zu verbuddeln. Für Fossilien hatte außer den Archäologen kaum jemand Interesse.

Doch nachdem Anfang der Siebziger Jahre private Fossiliensammler weitere höchst interessante Funde machten, wurde das Vorhaben Mülldeponie in der Öffentlichkeit immer mehr in Frage getellt. Im hessischen Landesparlament in Wiesbaden gab es zahlreiche Debatten.

Die Jahre gingen dahin, und jeden Monat, manchmal jede Woche, gab es neue Schlagzeilen, auch bedingt durch wechselnde Landesregierungen. 1970-84 (SPD/FDP), 1984-87 (zunächst Minderheitsregierung SPD, ab Dezember Eintritt von Joschka Fischer/Grüne), 1987-91 (CDU/FDP) 1991-95 (SPD/Grüne).

Zeittafel

Die komplizierte Situation sorgte in den regionalen Zeitungen und anderen Medien für dauerhafte Beschäftigung mit dem brisanten Thema. Gleichwohl hätte sich niemand von uns Journalisten träumen lassen, dass die „Grube Messel” einmal zum Weltnaturerbe zählen würde. Immerhin verging seit Anfang der Siebziger Jahre kaum eine Woche, in dem Messel nicht Thema in den Redaktionskonferenzen der Zeitung war, bei der ich damals arbeitete. Der zuständige Kollege trug die neuesten Nachrichten über die ökonomische, politische und kulturelle Entwicklung mit so viel Engagement vor, so dass wir eher Unbeteiligten jedes Mal auf’s Neue beeindruckt waren. Es wäre kaum möglch auf Details einzugehen. Eine eher geraffte Zeittafel ergibt jedoch folgendes (unvollständige) Bild: 

1974 wird der Zweckverband Abfallbeseitigung Grube Messel (ZAGM) gegründet und die Grube für die Öffentlichkeit gesperrt. 

1975 erhält das Forschungsinstitut Senckenberg aus Frankfurt die Genehmigung, weitere xrhäologische Grabungen durchzuführen, nachdem zuvor schon das Landesmuseum Darmstadt. Die ZAGM beantragt die Planfeststellung beim Hessischen Oberbergamt, um die Deponie auf den Weg zu bringen. 

1979 erheben die Senckenberger Forscher Einspruch beim Oberbergamt gegen den Planfeststellungsantrag für die Deponie. Der hessische Ministerpräsident Holger Börner gibt die Garantie, der fossilträchtige Westhang der Grube stehe für weitere 20 Jahre für Grabungen Zur Verfügung. 

1981 genehmigt das Oberbergamt 1981 den Betrieb der Deponie. 

1982 beginnen die Bauarbeiten für die Mülldeponie.

1984 verhängt Umweltminister Armin Clauss (SPD) auf Druck der Grünen einen Baustopp in Messel. Der Betreiber klagt vor dem hessischen Verwaltungsgerichtshof und darf die Bauarbeiten wieder aufnehmen.

1985 treten die Grünen in die hessische Landesregierung ein. 1986 beantragt die Landesregierung beim Oberbergamt, den Planfeststellungsbeschluss hinsichtlich der Inbetriebnahme der Deponie auszusetzen. 

1987 zieht die CDU-geführte Regierung diesen Antrag zurück. Eine Messeler Bürgerinitiative zur Verhinderung der Mülldeponie klagt per Eilantrag gegen die Inbetriebnahme vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel und bekommt im Dezember 1987 (aufgrund von Formfehlern) Recht. 

1988 geben das Hessische Umweltministerium und die Deponie-Betreiber ihre Pläne hinsichtlich der Mülldeponie Grube Messel endgültig auf. 

1995 wird die Grube Messel  zum Weltnaturerbe der UNESCO erklärt.

Tafel mit einem Millionen Jahre altem Fischskelett. (Foto: Clipdealer)

Heute ist die Grube Messel zu einer Art Wallfahrtsort geworden, besonders auch für Schulklassen und Hobby-Archäologen– obwohl das äußere Erscheinungsbild nicht unbedingt dazu geeignet ist, Begeisterungsstürme auszulösen. Es sind doch eher die inneren (sprich: die Millionen Jahre alten) Werte, die hier gefragt sind.