Goldadern im Hessischen Ried

Das Hessische Ried wird im Osten von der Bergstraße und den Ausläufern des Odenwalds, im Westen vom mächtigen Rhein begrenzt, in Nord-Süd-Richtung reicht das Gebiet von der Kreisstadt Groß-Gerau bis hin nach Lampertheim. Des sandigen Bodens wegen ist die Region ideal für den Spargelanbau geeignet, was sich in zahlreichen bäuerlichen Betrieben zeigt, die das oft als „weißes Gold” bezeichnete Gemüse nicht nur an Großkunden liefern, sondern es auch in kleinen Verkaufsständen an den Straßen und in den Ortschaften selbst vermarkten.

Industrie-Denkmal: Die so genannte antike Pferdekopfpumpe auf dem Kühkopf. (Foto: Erich Stör)

Doch das Hessische Ried ist nicht nur vom schmackhaften Spargel der Äcker geprägt, sondern  auch vom „schwarzen Gold” namens Öl, das in mehreren hundert Metern Tiefe im Untergrund lagert.  50 Kilometer südlich von Frankfurt am Main werden kleine Mengen des kostbaren Guts seit Anfang 2018 wieder ans Tageslicht gepumpt.

Öl wird natürlich in unterschiedlichsten Regionen der Welt gefördert. Die arabischen Länder, Russland, Kanada, die USA, Venezuela gehören zu den Spitzenreitern bei der Ausbeutung, was sowohl wirtschaftliche als auch politische Macht nach sich zieht. Doch das gewissermaßen vor der eigenen Haustür Ölvorkommen zu finden sind, ist manchen Verbraucher gar nicht bewusst, obwohl seit Jahrzehnten zwischen Frankfurt und Mannheim entlang des Rheins Ölvorkommen nachgewiesen sind.

Seit über 80 Jahren

Die Idee, in dieser Region Öl zu fördern, liegt über 80 Jahre zurück. Nahe der Gemeinden Stockstadt, Goddelau, Erfelden, Gernsheim und Crumstadt wurden schon in den Dreissiger Jahren qualitativ hochwertige Vorkommen entdeckt. Aufgrund angeblich mangelnder Rentabilität, aber auch wegen des Zweiten Weltkrieges, wurden die Probebohrungen eingestellt. 

Die neue, hochmoderne Ölförderanlage bei Goddelau. (Foto: Erich Stör)

Anfang der Fünfziger Jahre wurde die Ölförderung wieder aufgenommen, weil der Wiederaufbau nach dem Krieg und der Energiebedarf in der jungen Bundesrepublik die Öl-Konzerne vor neue Herausforderungen stellte – immerhin floss mehr und mehr Benzin durch immer mehr KfZ-Motoren, wobei das Öl aus dem Ried viel zu gut war für den Betrieb von Automobilen oder Zweirädern. 

Sieben Millionen Barrel

Als ich Mitte der Fünfziger Jahre als junger Reporter auf dem Kühkopf ein Jugend-Zeltlager besuchte, sah ich dort die Abbauanlagen nahe des Gutshofes Guntershausen arbeiten. Insgesamt konnten von 1952 bis zur Einstellung der Förderung 1994 aus 47 Bohrungen im Ried knapp sieben Millionen Barrel – ein Barrel entspricht 159 Litern – gefördert werden. Als Industrie-Denkmal ist auf dem Kühkopf die letzte Pferdekopfpumpe aus dieser Abbauperiode zu sehen. 

Detailaufnahme der Goddelauer Öl-Förderanlage. (Foto: Erich Stör)

Nach einem Vierteljahrhundert, genau seit Anfang 2018, wird in Riedstadt-Goddelau erneut Öl gefördert, denn ein Unternehmen aus Heidelberg erhielt vom zuständigen Bergamt in Wiesbaden für das Bohrfeld „Schwarzbach I“ in Riedstadt (Landkreis Groß-Gerau) nach erfolgreicher Testphase eine Fördergenehmigung für die nächsten 27 Jahre. Laut Aussage  des Unternehmens Rhein-Petroleum könnte 2019 sogar eine zweite Bohrstelle folgen, denn:

„Es ist sehr, sehr gutes Öl, vergleichbar mit dem wertvollsten, dem Brent-Öl aus der Nordsee. Für die Verbrennung in Motoren viel zu schade, aber bei der Kosmetik- und Arzneimittelindustrie sehr gefragt. Auch für die Herstellung von Möbeln ist es bestens geeignet.”

Mit zwei Tanklastwagen transportiert die Heidelberger Firma wöchentlich etwa 66 000 Liter Öl von der mit modernster Technologie ausgestatteten Bohrstelle bei Goddelau in die Raffinerie nach Karlsruhe. Dort wird es derart verfeinert, dass es als wohlfeines Endprodukt an die Kunden ausgeliefert wird. Es ist Öl aus der Region.