Wissenschaft, Jugendstil und Künste beleben Darmstadt

Die Darmstädter Mathildenhöhe wurde 2021 in die „Welterbeliste” der UNESCO aufgenommen. Eine Gelegenheit, um einen Blick auf die interessante südhessische Stadt zu werfen.

Darmstadt, etwa 30 Kilometer südlich von Frankfurt am Main und rund 50  Kilometer nördlich von Heidelberg gelegen, ist eine bunte und vielfältige Stadt an den Toren zu Odenwald und Bergstraße. Kunst, Wissenschaft und Raumfahrt sind Erlebniswelten in der Stadt. Der Fünffinger- oder auch Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe sowie die Russische Kapelle sind zwei Wahrzeichen der südhessischen Stadt.

Wer als gebürtiger Frankfurter südlich von „Mainhattan” wohnt, hat die Qual der Wahl, wenn es um’s großstädtische Einkaufen oder unterhaltsames Verweilen geht. Weil der Weg nicht weit ist, wird mehr und mehr Darmstadt – und immer weniger Frankfurt – als Ziel für einen Bummel. zum Shoppen oder Schauen gewählt, denn von Mörfelden-Wallorf aus führt die Straße an Gräfenhausen vorbei direkt in das nördliche Darmstadt, nicht mehr als zehn Kilometer Wegstrecke.

Einige breite Verkehrsadern durchschneiden die Stadt; das Leben pulsiert. Parkplätze sind mehr als rar, zumal die Stadt mit ihren Hochschulen rund 40 000 Studierende in ihren Mauern hat. In Darmstadt mischt sich auf eigenartige Weise modernes, technisch angehauchtes Leben mit der kulturell befruchteten Vergangenheit der adligen Herrscher von einst. So bietet Darmstadt das Bild einer Stadt im Wandel der Zeiten, aber stark beeinflusst durch die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe.

Auf Initiative von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen war 1899 diese Künstlerkolonie ins Leben gerufen worden. Das Motto des Herzogs war schlicht: „Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“. Allerdings – manchmal sind die Dinge recht profan – erwartete Ernst Ludwig aus der angestrebten Verbindung von Kunst und Handwerk nichts anderes als eine wirtschaftliche Belebung seines Herrschaftsgebietes, was auch persönliche Mehreinnahmen versprach. Gleichwohl prägen die geförderten Künste das Bild der viertgrößten hessischen Stadt nach Frankfurt, Kassel und Wiesbaden.

Mathildenhöhe

Die Mathildenhöhe selbst gilt als Zentrum des Jugendstils, was bei einem Besuch immer wieder sichtbar wird. Das Ensemble aus Fünffinger- oder Hochzeitsturm, Ausstellungsgebäude, Museum, weiteren Künstlerhäusern und der Russischen Kapelle fehlt in keiner historischen Abhandlung oder Stadtbeschreibung. Und so ist es auch keine große Überraschung, dass die Mathildenhöhe 2021 in das Welterbe der UNESCO aufgenommen wurde.

„Die Mathildenhöhe ist ein weltweit herausragendes Beispiel visionärer Gestaltungskunst“, erklärte Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, zu dieser Ehrung. „Künstlerinnen und Architekten haben hier an der Nahtstelle von Jugendstil und Neuem Bauen Pionierarbeit geleistet. Ich freue mich, dass die UNESCO die ehemalige Künstlerkolonie in den Kreis der bedeutendsten Kulturdenkmäler der Welt aufgenommen hat.“

Der Name „Hochzeitsturm” geht auf die Hochzeit von Großherzog Ernst Ludwig und Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich im Jahr 1905 zurück. Nachdem die Verlobung des Paares bekannt gegeben worden war, beriet sich der Großherzog mit dem Wiener Architekten Josef Maria Olbrich. Beide schwärmten für ein weithin sichtbares Zeichen, mit dem die Stadt an dieses Ereignis erinnert werden sollte. Der von Olbrich entworfene, 48.5 m hohe Turm wurde in den Jahren 1907-1908 vom Hochbauamt der Stadt errichtet.

Die der Heiligen Maria Magdalena geweihte Russische Kapelle war bereits zwischen 1897 und 1899 nach den Plänen des Petersburger Architekten Leon N. Benoit im Stil russischer Kirchen des 16. Jahrhunderts errichtet worden. Auftraggeber war Zar Nikolaus II., dessen Ehefrau Alexandra aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt stammte. Eine familiäre Bindung brachte der Stadt dieses Schmuckstück in die historische Schatulle.

Fünffinger- oder Hochzeitsturm in Darmstadt. (Foto: Clipdealer)

Von der Gründung der Kolonie bis hin zum Ersten Weltkrieg 1914 wirkten in Darmstadt namhafte Künstler, unter ihnen waren Joseph Maria Olbrich und Peter Behrens. Sie setzten wesentliche Impulse. In vier Ausstellungen (1901, 1904, 1908 und 1914) brachten sie den Menschen der Stadt ihre Vorstellungen vom modernen Leben nahe. Die Mathildenhöhe ist auch immer wieder Schauplatz der Darmstädter Residenzfestspiele.

Darmstadt verfügt über viele Parks. Besonders das Jagdschloß Kranichstein und die Rosenhöhe geben die Zeit als fürstliche Residenz wider. Mitten in der nördlichen Stadt befindet sich der Herrngarten. Ich parke in der Nähe und wandele durch den auch bei Studenten besonders beliebten Freizeitpark, der in der Nähe der Technischen Universität liegt und vor zwei Jahrhunderten vom Landgrafin Karoline der Bevölkerung frei zugänglich gemacht wurde.

Besonderer Titel

Seit 1997 prangt auf den Ortstafeln von Darmstadt über dem Schriftzug „Darmstadt” der Zusatz „Wissenschaftsstadt”, ein Prädikat, das von der hessischen Landesregierung an die südhessische Kommune verliehen wurde.

Grund für die Auszeichnung war die ausgezeichnete Reputation der Hochschulen und aller  anderen Einrichtungen wie der Technischen Universität (TU), der Hochschule Darmstadt (h_da), der Evangelischen Hochschule (ehd) sowie dem bekannten Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA), die viele Raumfahrtmissionen steuert – spektakulär im August 2014 die Landung der Rosetta-Kapsel auf dem Kometen „Tschurjumow-Gerassimenko”. Dazu kommen über 30 Forschungseinrichtungen, darunter das Helmholtz-Zentrum für Schwerionenforschung, die Europäische Organisation für die Nutzung meteorologischer Satelliten (EUMETSAT) sowie drei Institute der Fraunhofer-Gesellschaft. Weitere Firmen und Einrichtungen der Kommunikations- und IT-Branche, die angewandte Forschung und Entwicklung betreiben, runden das Bild ab.

Stadt der Wissenschaft. (Hen-Foto, Fotolia, stock.adobe.com)

Ansehen geniesst auch der Sportverein Darmstadt 98 („Lilien”), der nach vielen Jahren in unteren Fußballklassen 2015 den Aufstieg in die Bundesliga schaffte – von der Vierten Liga bis ins Oberhaus. Nach zwei Jahren folgte der Abstieg. Seitdem verdient man sich die fußballerischen Meriten in der Zweiten Liga. Ein Grund für die Fußballfans der Stadt, beim Hainerfest – dem Vergnügungsspektakel Nummer 1 der Stadt – die Puppen tanzen zu lassen – wenn es nicht gerade wegen „Corona“ abgesagt wird.

Letzte Bearbeitung: Juli 2021