500 Meilen im Nudeltopf von INDIANAPOLIS

Der Sieger 2018 war der Australier Will Power. (Foto: Clipdealer)


Als der Autor vor einigen Jahren im Nest-Verlag (Frankfurt am Main) das Buch „Sport-Klassiker” herausgab, in dem 27 bedeutende Großereignisse des Sports vorgestellt wurden, war auch ein Beitrag über die „500 Meilen von Indianapolis” enthalten. Während der Zahn der Zeit inzwischen an manchen der anderen 26 Veranstaltungen nagt, steht „Indy 500” noch immer in der Ruhmeshalle des Sports ganz weit oben.

Jedes Jahr im Mai geht in Indianapolis dieses spektakuläre Autorennen über die Bühne, bei dem sich meist 400 000 Zuschauer auf den Tribünen tummeln. Nachdem das Publikum der mit viel Pathos und Inbrunst vorgetragenen, inoffiziellen Hymne des US-Bundesstaates Indiana („Indiana Back Home Again”) gelauscht hat, steigen Tausende von Luftballons in den Himmel und es ertönt die Aufforderung: „Gentlemen start your engines!” 

Mit infernalischem Gebrüll starten die Boliden und im „Nudeltopf” – so genannt wegen der ovalen Form der Piste – beginnt die Hetzjagd über 500 Meilen (804,672 Kilometer). Die vier Kurven, die genau genommen gar keine sind, sondern das lang gezogene „Rechteck” nur abrunden,  sind höchst gefährlich. Wenn hier mit einem Tempo von über 350 km/h vorbeigerast wird, verengen sich für die Piloten die Bogen bei neun Grad Überhöhung geradezu dramatisch und erfordern an den Lenkrädern allerhöchste Präzision. 

Fehler verzeiht der Kurs, der entgegen dem Uhrzeigersinn befahren wird, in keiner Sekunde. Mario Andretti, selbst Indy-Sieger von 1989, und 2017 Teamchef des siegreichen Honda-Dallara von Takumo Sato, sagte einst über die Problematik:

„Die lange Distanz von 800 Kilometern erfordert eine ungeheure mentale Stärke, weil die Ideallinie sehr schmal verläuft und man stets am Limit fährt”.

Für diese besondere Art des Rennsport gab und gibt es seit jeher ausgesprochene Spezialisten. So haben A. J. Foyt (1961, 1964, 1967, 1977), Al Unser (1970, 1971, 1978, 1987) und Rick Mears (1979, 1984, 1988, 1991) das Indy 500 immerhin je vier Mal gewonnen. 

Formel 1-Weltmeister

Doch auch Formel 1-Weltmeister haben ihr Glück in Indianapolis versucht, und sogar auf dem obersten Treppchen gestanden. Emerson Fittipaldi (Formel 1-Champion 1972 und 1974) hatte 1989 und 1993 in Indianapolis die Nase vorne, Mario Andretti (Formel 1-Weltmeister 1978) gewann 1989, Jaques Villeneuve (Weltmeister 1997) im Jahr 1995, Graham Hill (Weltmeister 1962 und 1968) schrieb sich 1966 in Indy in die Siegerliste ein und Jim Clark (Formel 1-Titelträger 1963 und 1965) siegte 1965. 

Der 1968 in Hockenheim tödlich verunglückte Clark ist der einzige Formel 1-Weltmeister, der innerhalb eines Jahres (1965) sowohl den WM-Titel als auch Indiannapolis gewann. Allerdings ist es heutzutage auf Grund der kommerziellen, terminlichen und technischen Entwicklung kaum noch möglich, beide Wettbewerbe in einer Saison zu bestreiten. 2017 versuchte Fernando Alonso in Indianapolis sein Glück, fuhr ein beherztes Rennen, schied aber kurz vor Schluss nach einem Defekt aus.

Historische Entwicklung

Wie kam es zum Kultstatus von Indy? Wie in Europa begannen auch in den USA Anfang des vergangenen Jahrhunderts die so genannten „Herrenfahrer” Automobilsport zu betreiben. Der reiche William K. Vanderbilt, der aus dem Pferderennsport kam, begeisterte sich schnell für die motorisierten Fahrzeuge, setzte sich kurzerhand hinter das Steuer und errang einige Siege. 

Angestachelt durch die Erfolge gründete er die „Automobil Racing Association” der USA, schuf den nach ihm benannten Vanderbilt-Cup, und der Zeitungsverleger Gordon Bennet beteiligte sich ebenfalls an der Organisation von Autorennen, sogar in Deutschland. So wurde auch ein Gordon-Bennet-Rennen im Taunus ausgerichet. Im Gegensatz zu Vanderbilt fuhr Bennet aber nicht selbst, sondern ließ sch lieber mit einem Vierspänner kutschieren.

Fast sieben Stunden hinter dem Steuer

Tony Kanaan ist Rekordhalter in Indianapolis. (Foto: Clipdealer)

Weil in den USA auf den Straßen die Menschenmassen nicht mehr zu bändigen waren, die Autorennen sehen wollten, wurden in verschiedenen Orten erste permanente Rennstrecken errichtet. Eine davon war 1909 das Motodrom in Indianapolis, die Strecke bestand nur aus Ziegelsteinen. Das erste Rennen über 500 Meilen ging am 30. Mai 1911 über die Bühne und es gewann der Amerikaner Ray Harroun in „langen“ 6:42,08 Stunden, was im Schnitt einer Geschwindigkeit von 120,06 km/h entspricht.

102 Jahre später, im Mai 2013 – inzwischen ist die Piste außer dem Zielstrich längst komplett asphaltiert –, errang Tony Kanaan seinen Sieg in der Rekordzeit von 2:40,03 Stunden. Seine Schnitt betrug 300,244 km/h. Unschwer ist an dem Zeitenvergleich zu erkennen, wie sehr sich der Automobilsport innerhalb eines Jahrhunderts entwickelt hat. 

Die Veranstaltung gilt mit ihren Zuschauermassen als die am besten besuchte Sporttagesveranstaltung der Welt, und die amerikanische Mentalität macht daraus ein großes Familien-Happening für das Wochenende. Während die Männer in den Rennwagen mit höchster Konzentration ihre rund dreistündige Arbeit verrichten – gelegentlich durch Tankstopps und „Safety Car”-Phasen unterbrochen –, drängen die Menschen auf den Rängen an die Imbissstände, verzehren Bagels, Sandwiches, Steaks und Cornflakes, trinken Cola oder schauen sich auch schon mal jenseits des Spektakels kleine Unterhaltunsgshows an.

Doch wo Sonne ist, gibt es auch viel Schatten. In der Geschichte der 500 Meilen gab es über 100 tödliche Fahrerunfälle in Rennen, Qualifikation oder Training. Außerdem verloren zahlreiche Mechaniker, Streckenposten und Zuschauer ihr Leben.

Aktualisiert am 28. Mai 2018: Der Australier Will Power (Penske-Team) gewann das von vielen Unfällen begleitete Rennen 2018 in der Zeit von 2:59,42 Stunden.