Wolfgang Amadeus und andere Salzburger Süßigkeiten

Viele größere und kleinere österreichische Städte habe ich im Laufe der Jahre besucht, die größten wie Wien (1.9 Millionen Einwohner), Graz (292.000), Linz (207.000) und Innsbruck (130.000) sowieso. Die Anlässe meiner Reisen waren unterschiedlich, was hier nicht von Belang ist. Alle haben ihren speziellen Reiz, doch Spieglein, Spieglein an der Wand: – welche ist die attraktivste im ganzen Land? Salzburg vielleicht? Geschmacksache möchte ich meinen, und darüber lässt sich nicht streiten. Oder doch? 

Die Österreicher, Künstler vor allem, sind oft hin- und hergerissen zwischen liebevoller Zuneigung und barscher Kritik, wenn es um Salzburg geht. Die Stadt, die ich mehrmals aufsuchte, als ich im nahen Berchtesgadener Land Urlaub machte, scheint verschlafen, wenn nicht gerade die sommerlichen Festspiele für Hochstimmung sorgen, aber die massenhaft einfallenden Besucher aus aller Welt sorgen auch zu jeder anderen Jahreszeit, zumindest in der Altstadt, für Trubel. 

Der längst verblichene Wolfgang Amadeus ist über 230 Jahre nach seinem frühen Tod immer noch Hauptperson der Stadt, obwohl er nach zeitgenössischen Berichten trotz einiger liebenswürdiger Äusserungen seine Geburtsstadt nicht besonders zu schätzten schien. Das musikalische Wunderkind nahm kein Blatt vor den Mund:

„Ich hoffe nicht, dass es nötig ist zu sagen, dass mir an Salzburg sehr wenig und am Erzbischof gar nichts gelegen ist und ich auf beides scheiße.“

Mozart in einem Brief an seinen Vater Leopold 1783

Deftig gesagt. Einerseits. Doch andererseits bietet Salzburg trotz der Mozart-Worte einige Attraktionen, wie ich bei mehrmaligen Besuchen sah. Die Schlösser Hellabrunn (mit den Wasserspielen) und Mirabell (mit den lieblichen Gärten) sind Besucherpflicht, das Museum der Moderne am Mönchsberg ebenso. Das Festspielhaus oder den Domplatz, wo der „Jedermann“ zu Hause ist, im Vorbeigehen anzuschauen, gehört zum guten Ton; wer es lieblicher mag, kann sich mit dem über die Grenzen der Stadt hinaus beliebt gewordenen Marionettentheater in der Schwarzstrasse anfreunden.

Umlagertes Mozart-Geburtshaus. (Foto: Alberto/stock.adobe.com)

Von der berühmten Getreidegasse samt Mozarts Geburtshaus muss ich nicht reden, das ist ohnehin der Anziehungspunkt Nummer 1 für Tausende. 1776 wurde Wolfgang Amadeus im Haus Nummer 9 geboren. Über sein Leben und musikalische Bedeutung maße ich mir kein Urteil zu, das ist Thema für Musikliebhaber und Kenner. 

Es gibt andere Gesichtspunkte. Prägend für die Stadt finde ich die Mischung von Kultur und Kommerz. Sinnbild ist die Getreidegasse, wo das gelbe Mozarthaus und die auf engstem Raum angesiedelten Konsumtempel sich gegenseitig ergänzen. Das schmale Gässchen ist längst nicht mehr nur Wohnstraße, sondern Flanier- und Einkaufsmeile, in deren Enge international bekannte Konzerne mit ihren Niederlassungen Geld scheffeln. Traditionsreiche einheimische Läden präsentieren ihre Waren ebenfalls in voller Pracht; gastronomische Tempel bieten Naschereien an. Im Hausnummer 47 werden von der Konditorei Fürst die nicht patentierten, aber gleichwohl „originalen“ Mozartkugeln feilgeboten. Parfüme, Schmuck, Trachten, Antiquitäten, Souvenirs bilden ein geschäftsreiches Universum, das so manchen Einheimischen über die Stadt lästern lässt. 

Geschäfte mit ihren Zunftschildern in der Getreidegasse. (Foto: Imago/Peter Schickert)

Das hat berechtigte Gründe, aber als Gast der Stadt nehme ich es nur zur Kenntnis, flüchte aber wegen des Menschengewimmels und Gedränge bald auf den nahen Residenzplatz, wo zahlreiche Bänke erschöpften Menschen Erholung bieten. Der weitläufige Platz mit dem Brunnen in der Mitte strahlt beschauliche Ruhe aus. Eine  Pferdekutsche bricht neben mir zur Stadtrundfahrt auf, das Café auf der anderen Seite lädt zum Verweilen ein, ich döse ein wenig in der schmalbrüstig fahlen Sonne dieses Tages und komme zu dem Schluss, dass Salzburg neben kitschigen Elementen durchaus Charakter zu bieten hat.

Die anderen Städte

Später im Kaffeehaus sitzend und eine Portion schmackhaft-süßer Salzburger Nockerln mit warmer Himbeersauce geniessend, überlege ich, was die anderen österreichischen Großstädte zu bieten haben. Wien zuerst. Die Kultur-Metropole im Osten des Landes ist ein Gigant und hat mehr Einwohner als die neun nächst größeren Städte zusammen, was einen österreichischen Freund zu der Äusserung „Wasserkopf Wien“ veranlasste. Schloss Schönbrunn, die berühmten Theater (wie die Burg), klassizistische Bauwerke, der Prater und die legendären Kaffeehäuser drücken der Hauptstadt den Stempel auf.

Innsbruck hat Österreich anderweitig über die Grenzen hinaus bekannt gemacht, was dem Schneereichtum zu danken ist. Die Berge um die Tiroler Metropole eignen sich für Wintersportler, was 1964 und 1976 zu Olympischen Winterspielen führte. In der Altstadt lockt der von Kaiser Maximilian I. (1459- 1519) erbaute spätgotische Erker „Goldenes Dachl“ Touristen aus aller Welt.

Graz, Hauptstadt der Steiermark, liegt inmitten einer fruchtbaren Agrarregion, ist ländlich geprägt, doch die mittelalterliche Altstadt und die Arbeit der Universität haben Graz einen guten Ruf beschert, mehr aber auch nicht. Und Linz an der Donau, früher verrufen als Industrie- und Stahlstadt, hat mit künstlerischen Aktivitäten aller Arten ihr Image aufpoliert, verfügt außerdem mit der Linzer Torte über einen kulinarischen Leckerbissen. Das Rezept dafür soll das älteste der Welt sein, na ja!

Kaffeepause auf dem Residenzplatz. (Foto: Imago/Pemax)

Bilanzierend lässt sich sagen, dass Salzburg sich trotz des Mozart-Rummels mit sonnigem Gemüt und manchmal provinziellem Gehabe ordentlich im Reigen anderer österreichischer Großstädte präsentiert. Die Festspiele, alljährlich an mehreren Spielstätten mit prominenten Schauspielern, Sängern und Musikern besetzt, mehren den Ruhm, genau wie die „Nockerln“ und die Mozartkugeln. Was Salzburg ausmacht, ist jedoch, wie so vieles im Leben, reine Ansichtssache.

KURZBIOGRAFIE von Wolfgang Amadeus Mozart: (geb. 27. Januar 1756 in Salzburg, gest. 5. Dezember 1791 in Wien), erste Komposition mit fünf Jahren, 1782 Heirat mit Constanze Weber, lebte seitdem in Wien, hinterließ über 600 Kompositionen, die berühmtesten sind „Die kleine Nachtmusik”, „Die Zauberflöte”, „Die Entführung aus dem Serail”.