Rückblick auf „Die besten Jahre unseres Lebens“

Manche Hollywood-Klassiker überdauern Jahrzehnte ohne Glanz einzubüßen: Der 1947 mit sieben Oscars ausgezeichnete Film „Die besten Jahre unseres Lebens“ (Foto: Imago) ist ein Beispiel dafür.

Der Film Die besten Jahre unseres Lebens erzählt ungeschminkt von Siegern, die gebeutelte Verlierer sind, denn nach oberflächlichen „Hurra“ gibt es auch ein „Danach“. Diese schlichte Wahrheit erfahren drei US-Soldaten, als sie nach dem Sieg über Nazideutschland in die Kleinstadt Boone City in den amerikanischen Mittelwesten zurückkehren. Die Männer kommen nicht mehr mit dem Leben zurecht und sind wie aus der Zeit gefallen. Das deutsche Publikum erfährt, militärisch geschlagen und moralisch am Boden zerstört, dass die Gewinner des großen Gemetzels keineswegs strahlende Helden sind, sondern genauso traumatisiert wie die Besiegten am Alltag zu zerbrechen drohen. 

Wegen der langjährigen Abwesenheit der Soldaten sind viele ihrer eigenen Werte in Frage gestellt worden. Sie selbst haben sich durch die Kriegsereignisse charakterlich verändert. Das macht die Rückkehr in ein normales Leben schwierig. Seemann Homer Parrish (Harold Russell) ist durch schwere Verletzungen aus der Bahn geworfen. Seine im Krieg abgerissene Hände wurden durch blitzende Stahlhaken ersetzt. Er vermag damit seinen Seesack zu heben, gibt Kameraden Feuer und öffnet Bierflaschen schneller als andere, aber bei der Suche in ein anderes Leben stösst er an Grenzen, was er mit schmerzhaft-bitterer Lustigkeit zu kompensieren sucht. Russell ist Laiendarsteller, verkörpert in dem Drama sein eigenes tragisches Schicksal.

Al Stephenson (Frederic March) hat es als ehemaliger Bankangestellter anscheinend am einfachsten, da er in seinem Beruf zurückkehren kann, doch immer wieder eckt bei Vorgesetzten an, weil er großzügig Darlehen an geschädigte Kriegsveteranen vergibt. Seine Frau Milly (Myrna Loy) und Tochter Peggy (Teresa Wright) sind ihm in den Jahren der Abwesenheit fremd geworden. Und der mehrfach ausgezeichnete Kriegsheld und Bomberpilot Fred Derry (Dana Andrews), von Berufs wegen Barkeeper, sieht in seiner neualten Lebenssituation einen sozialen Abstieg, was die Spannungen seiner zerrütteten Ehe mit der ungeliebten Marie (Virginia Mayo) verschärft.

Wunden überall

Der Zweite Weltkrieg hat auf allen Seiten Wunden hinterlassen; und Schicksale, die bewegen und nachdenklich machen. Der Film wird von der deutschen Kritik gut aufgenommen. Dieter Fritko schreibt in der „Frankfurter Rundschau“: 

„Ein Filmwerk voll menschlicher Wärme und Wahrhaftigkeit. Seiner verhaltenen Dramatik ist keine kleinbürgerliche Sentimentalität aufgeklebt, seine Männlichkeit protzt nicht mit lorbeergeschmücktem Heroentum.“  

Auch die Hamburger „Zeit“ ist angetan und bilanziert nach der Premiere im Hamburger Capitol, der amerikanische Heimkehrerfilm zeige Mut, Sachlichkeit, Taktgefühl und eine menschliche Haltung, wie man sie nach dem Kriege im Film kaum gesehen habe. Mit unmissverständlicher Offenheit verkünde er das Ende des Krieges und die Größe seiner Helden. 

Warum ich über den Film schreibe, den ich in den Fünfziger Jahren erstmals gesehen habe? Die besten Jahre unseres Lebens (Originaltitel: The best Years of our Lives) war im Sommer 2022 nach längerer Pause wieder einmal im deutsch-französischen Kulturkanal „arte“ zu sehen. Über 75 Jahre nach seiner Herstellung hat der Film aus meiner Sicht nichts von seiner Würde und Ehrlichkeit verloren, wenn auch der Zahn der Zeit nicht spurlos an ihm vorüber gegangen ist. Gleichwohl ist die von Regisseur William Wyler eingebrachte Melancholie und Traurigkeit, angereichert mit optimistischen Tönen, noch heute spürbar.

Die sieben Oscars

Der Schwarz-Weiß-Film, 1946 unter der Regie von William Wyler nach einer Vorlage von MacKinlay Kantor („Glory for Me“) von Samuel Goldwyn produziert, erhielt 1947 sieben Oscars: Filmproduktion: Samuel Goldwyn, Regie: William Wyler, Hauptdarsteller: Frederic March, Nebendarsteller: Harold Russell, Filmmusik: Hugo Friedhofer, Drehbuch: Robert E. Sherwood, Schnitt: Daniel Mandell. Weil Harold Russell als Laiendarsteller sein eigenes bitteres Leben auf die Leinwand überträgt erhält er zusätzlich einen Ehrenoscar. Später spielte Russell auch in anderen Filmen mit. 

INFORMATION: Der Film Die besten Jahre unseres Lebens (Länge: 172 Minuten) – in Deutschland 1949 in die Kinos gekommen – wird seit 1998 vom Amerikanischen Filminstitut (AFI) auf Platz 37 der „besten amerikanischen Filme aller Zeiten" geführt.