Frau Rauschers Erbe irritiert den Kriminalkommissar

In elf Romanen von Gerd Fischer ermittelt Kommissar Rauscher in der Bankenstadt Frankfurt. Mord und Totschlag sind nur vordergründige Themen, denn vor allem sozialpolitische Aspekte spielen eine wichtige Rolle.

Schillerndes Frankfurt! Wahl von Königen und Kaiserkrönung in der Stadt am Main. Mit der Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche auch zur Wiege der Demokratie geworden, und bald auch 800 000 Einwohner und damit fünftgrößte Kommune der Republik. „Mainhattan” oder auch Bankenstadt sind Synonyme für die pulsierende, weltoffene Stadt, in der Kunst, Sport und Finanzwelt zu Hause sind. Kriminalität und apfelweinseliger Folklore-Rummel hinterlassen täglich neue geschichtsträchtige Spuren. Und im Nizza am nördlichen Mainufer blühen im Sommer mediterrane Pflanzen…

In der Bockenheimer Kiesstraße geboren, aber in Sachsenhausen aufgewachsen, erinnere ich mich gerne an die Endvierziger und Fünfziger Jahre, in denen das Äppelwoi-Viertel zwischen Affentor-Platz (Neuer Wall), Kuhhirtenturm, Dreieichstraße und Frankensteiner Platz für mich und meine Freunde gleichermaßen Quartier, Revier und Kiez war. Kernstück die Kleine und Große Rittergasse sowie die schmale Klappergasse. In den Erinnerungen taucht auch der August 1961 auf, als beim Sachsenhäuser Brunnenfest das von Bildhauer Georg Krämer geschaffene Denkmal der wasserspeienden „Fraa Rauscher” in der Klappergass’ enthüllt wurde.

Äppelwoi-Genuss. (Foto: Imago Images/Robert Harding)

Doch die Jahre gehen dahin. Nicht mehr nur Äppelwoi-Wirtschaften prägen die Örtlichkeit, die einst Fischern, Handwerkern und Gärtner karges Einkommen bot. Bier- und andere Alkoholica haben in modernen Lokalen Einzug gehalten. Nichts mehr ist so, wie es einst war. Zuletzt bummelte ich – längst woanders wohnend –, im Sommer 2019 durch die Klappergasse, stand vor der Skulptur der „Fraa Rauscher”, Wehmut empfindend… Und ließ mich von ihr mit Wasser bespucken.

Die „Fraa Rauscher” lebt also noch, und das auf vielfältige Weise. Der in Hanau geborene und in Frankfurt lebende Verleger und Autor Gerd Fischer hat sie in seinem Kriminalroman Frau Rauschers Erbe erneut zum Leben erweckt. Seit elf Jahren lässt Fischer in seiner Reihe „Main-Crime” einen gewissen Kommissar Andreas Rauscher diverse Verbrechen aufklären. Im zehnten Band taucht Frau Rauscher auf und der Kriminaler erlebt familiäre Verstrickungen und Erbstreitigkeiten. Bei seinen Nachforschungen muss er sich der Frage stellen, ob die legendäre  Frau eine Ur-Verwandte von ihm ist. Die Antwort bleibt nicht aus…

Zwei Roman-Cover. (Foto-Quelle: Mainbook-Verlag)

Ob Frau Rauscher tatsächlich gelebt hat, ist freilich bis heute ungeklärt. Wahrscheinlich aber gab es ein historisches Vorbild. Immerhin besagt die Legende, Frau Rauscher sei mit einer Beule am Kopf auf der Straße gefunden worden, was einen übereifrigen Gendarmen zu längeren Nachforschungen ermutigt hätte. Ob die Beule durch ihren Ehemann oder durch übermäßigen Alkoholgenuss zustande kam, blieb indessen ein Geheimnis. Immerhin entstand 1929 aus dem Vorfall ein Schunkel-Lied, dessen Refrain lautet:

„Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hot e Beul am Ei, ob’s vom Rauscher, ob’s vom Alde kimmt, des klärt die Bolizei.”

Wie auch immer: Kriminalromane haben seit jeher ihr Lesepublikum fasziniert. Manche Autoren wurden mit ihren Büchern weltberühmt wie etwa Agathe Christie, Patricia Highsmith, Donna Leon, Georges Simenon oder Edgar Wallace. Grauen und Entsetzen über schauerliche Morde und die minutiöse Aufklärung durch Detektive oder Polizei, die Entlarvung des Täters oder der Täterin auf den letzten Buchseiten ist erwartetes Ritual und Handwerkzeug jedes Autoren.

In den Krimis von Gerd Fischer (Foto) geht es indessen nicht allein um Mord und Totschlag, vielmehr rücken soziale Aspekte in den Vordergrund. In Ebbelwoijunkie geht es um einen ermordeten EU-Politiker, der ein Gesetz zur Begrenzung des Äppelwoi-Trinkens auf den Weg bringen will, im Roman Fliegeralarm wird die Problematik um Fluglärm und Startbahn West thematisiert, in Abgerippt stehen Mietwucher, Zwangsräumungen und Luxussanierungen im Mittelpunkt. Um die Frankfurter Eintracht wird  in Einzige Liebe eine spannende Geschichte gesponnen, Lauf in den Tod taucht ein in die eigenartige Welt der asketischen Jogger und Läufer. Ein breit gefächertes Spektrum.

In der Provinz

Obwohl Frankfurt eine respektable Großstadt ist, die mit ihrem pompösen Erscheinungsbild allerdings nicht nur Freunde hat, gehört die Rauscher-Reihe zu jenen Romanen, denen eine Mischung aus Großstädtischem und Provinziellem gelingt, was die Stadt nicht ab-, sondern aufwertet. Es entsteht ein eigenartiger Reiz, den auch andere  Autoren entdeckt haben. 

Nicht mehr nur Weltstädte stehen im Mittelpunkt krimineller Geschehnisse; heimelige Ländlichkeit ist  angesagt, denn auch dort wuchert das Verbrechen in bürgerlich-spießigem Umfeld: –  genauso wie in den Metropolen dieser Welt und kann durch schlaue Ermittler und moderne Technik entlarvt werden. 

Rund um Frankfurt gibt es genug Anschauungsunterricht. Die Romane von Nele Neuhaus spielen im Vordertaunus; Schauplätze anderer Autoren sind Dietzenbach, Offenbach, Mühlheim oder der sagenumwobene Odenwald. Die Wahl der Orte schafft Nähe und lässt Leser und Leserinnen intensiver am Geschehen teilhaben, lassen sich doch die beschriebenen Örtlichkeiten (und Vorkommnisse) genauestens überprüfen. So wird Heimat auf ganz neue Weise beschrieben. Das gilt auch für Gerd Fischers Kriminalromane um Kommissar Rauscher, dessen elfter Fall im März 2021 unter dem Titel Der Apfelwein-Botschafter in den Handel kam…

Zuvor sind seit 2011 erschienen: Mord auf Bali, Lauf in den Tod, Der Mann mit den zarten Händen, Robin Tod, Paukersterben, Fliegeralarm, Abgerippt, Einzige Liebe, Ebbelwoijunkie, Frau Rauschers Erbe.

(Anmerkung: Die von den Autoren jeweils bevorzugte Schreibweise „Äppelwoi” und „Ebbelwoi” wurde beibehalten.)