Filmspektakel über die Rettung der sowjetischen Raumstation Salut 7

Über die Rettung der sowjetischen Raumstation Salut 7 im Jahr 1985 ist ein spektakulärer, russischer Spielfilm entstanden. Was damals in der Realität geschah, schildert dieser Beitrag.

Als Enthusiast der Raumfahrt durfte ich in den vergangenen Jahrzehnten außergewöhnliche Leistungen erleben: Der Erstflug von Juri Gagarin, das Debüt von Valentina Tereschkowa als erster Frau im Kosmos, Alexej Leonows Ausstieg in den freien Raum und natürlich Neil Armstrongs Landung auf dem Mond. 

Diese realen Ereignisse übertrafen jede Sience fiction-Erzählung, doch wurden die Triumphe auch von tödlichen Dramen begleitet. Die US-Astronauten Virgil Grissom, Edward White und Roger Chaffee verbrannten im Januar 1967 bei einem Bodentest der Apollo-Kapsel, der Russe Wladimir Komarow kam beim Absturz von Sojus 1 im April des gleichen Jahres ums Leben und seine Landsleute Georgi Dobrowolski, Viktor Pazajew und Wladislaw Wolkow erstickten 1971 bei der Rückkehr von der Raumstation Salut 1 nach einem Druckabfall in der Landekapsel. Die Besatzung von Apollo 13 (James Lovell, Jack Swigert, Fred Haise) geriet im April 1970 nach einer Explosion ebenfalls in Lebensgefahr, konnte aber unter dramatischen Umständen gerettet werden. 

Eine aufgrund der sowjetischen Zensur lange Zeit kaum bekannt gewordene Meisterleistung der Kosmonautik war die Rettung der außer Kontrolle geratenen sowjetischen Raumstation Salut 7 im Jahr 1985. Seit 2017/18 gibt es über das dramatische Ereignis den russischen Spielfilm „Salyut 7”, der mit dem russischen „Golden Eagle Award” als bester Film  ausgezeichnet wurde und seit einiger Zeit auch in einer deutschen Fassung auf „blu-ray” erhältlich ist. 

Aus dramaturgischen Gründen sind die Ereignisse noch spektakulärer dargestellt als sie ohnehin schon waren. Vor allem der Ausstieg von Dshanibekow und Sawynich am 2. August wird filmisch entsprechend aufbereitet, obwohl die realen Geschehnisse schon aufregend genug gewesen waren. Fragen drängen sich auf: Was geschah wirklich? Wie geriet Salut 7 außer Kontrolle? Wie wurde die Station wieder in Betrieb genommen? Einige Antworten.

Fehler

Salut 7 war am 14. April 1982 als Nachfolgerin von Salut 6 gestartet worden und beherbergte im Laufe der nächsten Jahre mehrere Kosmonauten-Crews, wurde von Progress-Raumfrachtern mit Nachschub versorgt und koppelte mit großen Kosmos-Satelliten. Im Oktober 1984 konservierte die damalige Stammbesatzung  Leonid Kisim, Wladimir Solowjow und Oleg Atkow nach 237 Tagen Aufenthalt die Station und kehrte auf die Erde zurück. Salut 7 flog nun  – wie schon andere Stationen zuvor – im autonomen Betrieb, gesteuert und kontrolliert vom Flugleitzentrum in Kaliningrad (heute Koroljow) bei Moskau. 

Am 12. Februar 1985 schaltete sich auf der Station ein elektrisches Gerät automatisch ab, da seine Lebensdauer abgelaufen war. Ein Routinevorgang, der von der diensthabenden Schicht im Flugleitzentrum allerdings falsch interpretiert wurde. Beim untauglichen Versuch, dieses Gerät wieder zu aktivieren, kam es zu mehreren Kurzschlüssen in der Station, die elektrischen Systeme brachen nach kurzer Zeit völlig zusammen. Innerhalb von wenigen Stunden war Salut 7 nicht mehr steuerbar und driftete  als 20 Tonnen unbrauchbarer „Schrott” um die Erde. Weil die Solarzellen nicht mehr korrekt auf die Sonne ausgerichtet waren, wurde es immer kälter in der Station, das Wasser in den Tanks fror ein.

Die Station schien verloren, zumal das Kontrollzentrum nicht mehr feststellen konnte, wo genau sich Salut 7 befand. Erst durch visuelle Beobachtungen mit Teleskopen, intensiven Berechnungen der Ballistiker und mit Ortung der sowjetischen Raketenabwehr gelang es schließlich, die Position von Salut 7 auf der Umlaufbahn exakt zu bestimmen. Gleichzeitig wurden Pläne ausgearbeitet, um innerhalb von drei Monaten eine Rettungsexpedition mit Ersatzteilen auf den Weg zu bringen. 

Als Kommandant von Sojus T-13 wurde Wladimir Dshanibekow ausgewählt. Der 43-jährige war mit vier Raumflügen der erfahrenste sowjetische Kosmonaut dieser Jahre. Er hatte zuvor bereits zweimal auf Salut 7 angedockt, und mit Sojus T-6  (mit Alexander Iwantschenkow und Jean Loup Chrétien/Frankreich an Bord) eine von Hand gesteuerte Annäherung aus weiter Entfernung sowie die anschließende Kopplung bewältigt. Er war also wie geschaffen für die Mission. Viktor Sawynich war der zweite Mann, Ingenieur und zudem Spezialist für optische Sensoren und Handsteuerungssysteme im Herstellerwerk. Er kannte die Station in- und auswendig. Sojus T-13 stieg schließlich am 6. Juni 1985 in Baikonur zum Rettungsflug auf. An Bord waren nicht nur viele Spezialwerkzeuge, sondern ein eigens für die Annäherung angefertigter Laserentfernungsmesser, der von Hand bedient werden konnte. Nach Umfliegen von Salut 7 gelang es Dshanibekow schließlich. am Morgen des 8. Juni beim zweiten Versuch an die Station anzudocken.

Komplizierte Arbeit

Nachdem die Verbindungsluke zur Salut geöffnet worden waren, überprüften die Raumfahrer – zunächst mit Gasmasken gesichert – die Atmosphäre der stockdunklen Station. Die Luft war eisig, aber atembar, das Innere der Station mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Es herrschte eine Temperatur von annähernd minus 20 Grad. Zunächst arbeiteten die Kosmonauten in unhandlichen Raumanzügen, zogen die Skaphander aber bald aus und setzten ihre Arbeit in mitgebrachter Winterkleidung fort.

Weil alle acht Pufferbatterien entladen waren (zwei davon völlig zerstört), war die zentrale Aufgabe, die Stromversorgung wieder herzustellen. Um die Akkus wieder aufzuladen, drehten die Raumfahrer mit Hilfe des Sojus-Raumschiffes die Station so, dass die Solarzellen wieder vom Sonnenlicht beschienen wurden. Zahlreiche verschmorte Kabel mussten ausgetauscht werden. Vom völlig zerstörten Elektronik-Block war jedoch ein Duplikat an Bord, was die weitere Arbeit erheblich erleichterte. 

Um zu vermeiden, dass beim Abtauen des Eises Wasser in die Elektrogeräte geriet, wurden am 10. Juni 1985 Lüfter in Betrieb genommen. Drei Tage danach wurde die Orientierungssteuerung eingeschaltet, was für das Anlegen eines Frachters mit weiteren Ersatzteilen zwingend notwendig war. Am 23. Juni legte Progress 22 an der Station an, um weiteres Reparaturmaterial zu liefern. Das Leben auf der Station begann sich langsam wieder zu normalisieren, bis sie voll funktionsfähig war, vergingen aber noch Wochen angestrengter Arbeit mit dem finalen Ausstieg der beiden Kosmonauten am 2. August.

Höchste Professionalität

Boris E. Tschertok, der führende Spezialist für Steuerungssysteme der UdSSR, urteilt über das Ereignis in seinem Buch „Raketen und Menschen” (Band IV – Jagd um den Mond):

„Unter allen bemannten Flügen seit Gagarin verdient dieser Flug (…) die höchste Bewertung hinsichtlich des gezeigten Heroismus und der Professionalität. Dshanibekow und Sawynich haben nicht nur die Manöver der Annäherung und Kopplung mit der toten Station hervorragend erfüllt, sondern sind in sie eingedrungen und haben dort für ihre Rettung Hervorragendes geleistet.”

Die extrem schwierige Operation wird auch auf „Spacefacts” – eine der besten deutsch- und englischsprachigen Websites zum Thema Raumfahrt – mit den Worten gewürdigt:

 „Die Mission gilt als eine der größten Leistungen in der Historie der bemannten Raumfahrt.”

Doch in der offiziellen Berichterstattung wurde damals die hervorragende Arbeit aller Beteiligten, Ingenieure, Wissenschaftler und der Kosmonauten kaum gewürdigt. Die Rettungsaktion wurde zu einem „normalen” Arbeitsflug umfunktioniert. Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland” meldete zum Beispiel unter Berufung auf sowjetische Quellen am 10. Juni 1985 lapidar: 

„Nach Ankoppeln an Salut 7 begann für Sojus T 13-Besatzung der Kosmosalltag.”

Dieses Verfälschen der wirklichen Ereignisse ist ein anschauliches Beispiel für die Unsinnigkeit und Absurdität solcher Propaganda-Nachrichten. Eine korrekte Berichterstattung hätte der Sowjetunion damals weit mehr positive Aufmerksamkeit eingebracht als das Verschweigen der tatsächlichen Vorgänge.

Quellenangaben: Website „Spacefacts” – Boris E. Tschertok: „Raketen und Menschen – Jagd um den Mond” (Elbe-Dnjepr-Verlag) – Eugen Reichl :„Raumstationen” (Motorbuch-Verlag Stuttgart). 

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