Paris-Roubaix ist ein berühmtes Radrennen! Warum? Weil nicht nur über sauber asphaltierte Straßen, sondern über extrem schwieriges Kopfsteinpflaster gefahren wird, sodass diesen Klassiker eine ganz besondere Aura umgibt. Obwohl das April-Rennen immer noch offiziell als „Paris-Roubaix” firmiert, beginnt das Spektakel schon seit 1977 in Compiègne (rund 80 Kilometer nördlich von Paris), und hat seit langem in den Medien den martialischen Beinamen „Hölle des Nordens” erhalten.

Ein höchst zweifelhafter Begriff, bezieht er sich doch ursprünglich auf die in dieser Region erbittert geführten Schlachten des Ersten Weltkrieges mit Tausenden von Toten und Verletzten. Auch wenn das Rennen härteste Anforderungen an Mensch und Material stellt, verbietet sich eigentlich die medial-griffige Bezeichnung von der „Hölle des Nordens”.

Daran ändert auch nichts, dass der Wettbewerb von brutaler Machart ist. Mit den Schrecken des Krieges ist er gleichwohl nicht zu vergleichen. Der Autor gesteht freilich, in früheren Jahren den Begriff gedankenlos ebenfalls benutzt zu haben.

Geschundene Fahrer

Die Herausforderung ist gewaltig. Platzende Reifen, zerbrochene Räder, geschundene Fahrer sind an der Tagesordnung. Von den rund 250 Kilometern Gesamtlänge führen seit 1967 in der Schlussphase immer zirka fünfzig über verschiedene Abschnitte mit Kopfsteinpflaster, das noch aus einer Zeit stammt, als knarrende Pferdefuhrwerke ihres Weges zogen – für sie wurden einst die schweren Quader gelegt, nicht aber für moderne Aluminium- oder Carbonräder.

Die Mechaniker in den Begleitfahrzeugen oder am Straßenrand haben deshalb jedes Jahr Schwerstarbeit zu verrichten. Die Vehikel werden wenn erforderlich immer wieder umgerüstet, Federgabeln wie beim Mountain-Bike sind beliebt, stabilere Rahmen werden bevorzugt, dickere Pneus aufgezogen, um vor Schäden zu schützen.

Die Fahrer selbst benutzen oft Bandagen, um nicht allzu sehr von Schürfwunden, Brüchen oder anderem Ungemach heimgesucht zu werden. Stürze sind trotzdem an der Tagesordnung. Besonders bei Regen wird es gefährlich glatt und rutschig. Unter solchen Umständen ist es verständlich, dass diese Tortur nicht bei allen Fahrern beliebt ist. Manche mögen Paris-Roubaix aus Überzeugung, andere hassen das Rennen und versuchen, einen Start zu vermeiden.

Rüttelpiste. (Foto: Signale)

Um den Charakter des Rennens aufrecht zu erhalten, wurde von der Amaury Sport Organisation (ASO), die neben vielen anderen auch die Tour de France und die Motor-Rallye Dakar veranstaltet, mit den regionalen  Behörden ein Abkommen geschlossen, wonach  gegen entsprechendes Salär kein Aus- oder Rückbau der Pflaster vorgenommen wird. Repariert aber werden die Abschnitte immer wieder, ausgebessert auch von profesionellen Firmen oder ehrenamtlichen Helfern.

Auf diese Weise wird ihr Charakter erhalten, denn auf diesen „Paves”, wie sie genannt werden, trennt sich bei den Akteuren die Spreu vom Weizen. Die Abschnitte sind zwischen 300 Metern und 3,7 Kilometern lang. Am berühmtesten ist der Waldweg von Arenberg (2400 m) auf dem Gebiet der Gemeinde Wallers im Département Nord, wo schon oft die Entscheidung über den Sieg gefallen ist.

Ein Fahrer, der diese Tortur liebte, war der Belgier Roger DeVlaeminck. Er gewann das Rennen viermal und schwärmte:

„In Roubaix habe ich die schönsten meiner über 250 Siege gefeiert.”

Lange war DeVlaeminck sogar Rekordsieger, ehe sein Landsmann Tom Boonen 2012 ebenfalls zum vierten Mal gewann. In der Siegerliste stehen weitere berühmte Namen wie Fausto Coppi, Rik van Steenbergen, Rik van Loy, Eddy Merck, Francesco Moser, Felice Gimondi, Louison Bobet, Peter Post, Sean Kelly und Bernard Hinault.

Zwei deutsche Radrennfahrer waren ebenfalls erfolgreich: Josef Fischer (1896 bei der Erstauflage) und der Frankfurter John Degenkolb 2015. Auf zweite Plätze kamen im Laufe der Jahre noch einmal Fischer sowie Jahrzehnte später Olaf Ludwig (1992), Steffen Wesemann (2002) und John Degenkolb (2014).