Einhard-Basilika gibt Seligenstadt ein Gesicht

In der Einhard-Basilika lebten Mönche vom 9. Jahrhundert bis 1803. Heute zeigt sich das ehemalige Kloster mit Gebäuden und Garten als barockes Ensemble. Ein Besuch im Kloster und der Altstadt.

Als ich an einem sonnigen Herbsttag 2021 mit früheren Kolleginnen und Kollegen ein Frühstück im Kloster-Café der Einhard-Basilika geniesse, denke ich zurück an die Zeit, als ich öfter diese Stadt am Main besuchte. Die Altstadt mit ihren schmalen Gassen und dem holprigen Pflaster zwischen schmucken Fachwerkhäusern hat mich seit jeher fasziniert. Ob mit dem Auto oder einem Schiff der „weißen Flotte” aus Frankfurt kommend: der Eindruck war beindruckend, ob im Sommer (oder im Winter auf dem Weihnachtsmarkt), und sogar bei schlechtem Wetter…

Die Stadt ist geschichtsträchtig. Einst stand hier am römischen Limes ein Kastell. Doch die Stadt mit über 21 000 Einwohnern – erstmals 1815 urkundlich erwähnt –, ist nicht wegen der Römer bekannt geworden, sondern wegen des Klosters, das zwischen 830 und 840 von einem gewissen Einhard erbaut wurde. Dieser Einhard war zu seiner Zeit ein berühmter Gelehrter. Kaiser Karl der Große (747 oder 748-814) nutzte Einhards umfangreiches Wissen, machte ihn zu seinem Ratgeber und ließ ihn seine Biographie verfassen. 

Fachwerk-Fassade am Markt. (Foto: Frank Wagner/stock.adobe.com)

Während ich auf der Terrasse des Kloster-Cafés sitze und mir im Schatten der mächtigen Basilika die servierten Leckereien schmecken lasse, scheint dieser Einhard allgegenwärtig. Dieser kluge Mann spielt heute noch eine bedeutende Rolle für die Anziehungskraft der Stadt, und nicht alleine wegen der Basilika. Einhards Geist scheint das Leben in der Gemeinde zu bereichern. Seit 2020 darf die Stadt den Zusatz „Einhardstadt” tragen, auch auf den Ortsschildern. Im Tourismusbüro heisst es: „Die Einwohner verstehen ihn als Mitbürger durch die Zeit. Daher nennen viele Seligenstädter ihre Stadt auch liebevoll Einhardstadt.”

Karl der Große schenkte Einhard der Geschichtsschreibung zufolge die damals winzige Ortschaft, um dessen Verdienste zu würdigen. Hier soll der Gelehrte Karls Leben beschrieben haben. Dieses Werk (Vita Karoli Magni) wird heute noch als Meilenstein der biographischen Literatur angesehen.

Die Basilika aus der Nähe betrachtet. (Foto: Signale/ES)

Abgesehen davon, dass es von Seligenstadt aus nur ein Katzensprung ins bayerische Unterfranken ist – die Mainfähre transportiert Autos und Menschen ins gegenüberliegende Groß-Welzheim –, sind die Klosteranlagen mit Basilika und dem riesigen Garten sowie der Innenstadt-Kern mit den Fachwerkhäusern die Attraktionen der Stadt. 

Die von Einhard errichtete Anlage, im Laufe von Jahrhunderten immer weiter ausgebaut, ist nach der Säkularisierung (Trennung von Kirche und Staat) und der damit verbundenen Auflösung des Klosters 1803 dem Barockstil angepasst worden; das Gotteshaus St. Marcellinus und Petrus, ursprünglich Kirche des Klosters, in diesem Zusammenhang zur katholischen Pfarrkirche umfunktioniert. Gleichzeitig wurde der rund 8000 Quadratmeter große Garten mit Apotheker- und Kräutergarten frisch angelegt.

Restaurant Alte Schmiede am Marktplatz. (Foto: Imago / Imagebroker)

In der Altstadt lässt sich zwischen den oftmals denkmalgeschützten, urigen Fachwerkhäusern angenehm verweilen. Malerisch präsentieren sich die zwei- bis dreigeschossigen Gebäude, die teilweise von ihren Bewohnern oder Besitzern hübsch dekoriert werden. Ehrwürdig sind Apotheke und Optiker, eine alte Bäckerei, das historische Hotel; andere kleine Geschäfte und Läden sorgen für angenehme Einkaufserlebnisse. Sind die Beine müde geworden vom Wandern (auf Kopfsteinpflaster), ist es – gerade an warmen Sommertagen – ein Genuss, sich am Marktplatz bei Kaffee und Kuchen zu erholen. Ein gelungener Tag!

HINWEIS: Die „Vita Karoli Magni” (Das Leben von Karls des Großen) ist in lateinisch/deutsch für 3,80 Euro im Reclam-Verlag erhältlich.