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Kosmos

Der Tag, an dem Gagarin in den Weltraum flog…

Vor 60 Jahren brach Juri Gagarin im Raumschiff Wostok als erster Mensch zu einem 108minütigen Flug um die Erde auf. Eine Erinnerung an den ersten Weltraumflieger.

Es war ein trüber Apriltag, kühl und wolkenverhangen. Ganz früh am Morgen überquerte ich auf dem Weg in die Redaktion einer Frankfurter Zeitung den Eisernen Steg, denn ich wollte für einen Bericht noch einige wichtige Informationen sammeln. Es schien so, als würde dieser Mittwoch wie viele andere verlaufen, vollgestopft mit Routine und Recherchen. Doch dieser 12. April 1961 wurde ein Tag, der in die Geschichtsbücher einging.

Gerade hatte ich es mir an meinem Arbeitsplatz bequem gemacht, als einer der Redaktionsboten die Tür aufriss, und laut rief: „Ein Russe fliegt um die Erde”. Ich sprang auf und lief über den Gang. Im Fernschreibraum spuckten die Ticker von UPI, AP und dpa ihre Eil- und Blitzmeldungen aus, verbreiteten im Minutentakt die Informationen der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS. Rakete und Raumschiff wurden als Wostok bezeichnet, der Name des ersten Raumfliegers lautete: Juri Alexejewitsch Gagarin!

108 Minuten

Nach und nach wurden immer mehr Details gemeldet. Der Start war um 9.07 Moskauer Zeit (7.07 Uhr MEZ) erfolgt, der Flug in der runden Kapsel hatte 108 Minuten gedauert, die Landung erfolgte nahe der Stadt Engels an der Wolga. Gagarin war nach dem Herauskatapultieren aus dem kugelförmigen Raumschiff am Fallschirm niedergegangen. Eine überraschte Bäuerin hatte ihn als erste auf dem Acker in Empfang genommen. 

Der Startplatz wurde indessen geheim gehalten. Erst Jahre später wurde bekannt, dass sich dieser „Schießplatz”, wie ihn die sowjetischen Militärs, Wissenschaftler und Ingenieure bezeichneten, in der kasachischen Steppe nahe des Aralsees beim winzigen Bauerndörfchen Tjuratam (dem heutigen Baikonur) befand und für Test militärischer Raketen gebaut worden war. Von der gleichen (und inzwischen legendären) Rampe 1 waren die erste sowjetische Interkontinental-Rakete und der erste Sputnik ins All geschossen worden.

Gagarin mit Chefkonstrukteur Koroljow. (Foto: Imago Images/TASS)

Auch der Chefkonstrukteur der Rakete und des Raumschiffes blieb bis Januar 1966 ein Mann ohne Namen und Gesicht. Erst nach seinem frühen Tod während einer Operation wurde seine Identität in der UdSSR enthüllt. Es handelte sich um Sergej Pawlowitsch Koroljow, einen Raketen-Organisator ersten Ranges, der maßgeblich an allen frühen sowjetischen Raumfahrt-Erfolgen beteiligt war.

60. Jahrestag

Warum schreibe ich hier über dieses so lange zurückliegende Ereignis? Die Antwort ist schlicht: 2021 jährt sich zum 60. Mal dieser erste Flug eines Menschen in den nahen Weltraum, Grund genug, um darüber aus meiner Perspektive zu berichten, zumal der Flug in einer Zeit des Kalten Krieges nicht nur wissenschaftliche, sondern auch enorme politische Bedeutung hatte. Die technischen Parameter und Einzelheiten des Fluges sind heutzutage, da eine ständig besetzte Internationale Raumstation mit Frauen und Männern verschiedener Nationen an Bord die Erde umrundet, nur noch für Fachleute von Bedeutung, sind auch leicht anderswo nachzulesen, geblieben ist aber der menschliche Aspekt beim Vorstoss ins Ungewisse. 

Wer war dieser Mensch, wer war dieser Gagarin? Der junge Flieger war am 9. März 1934 in Klutschino bei Smolensk geboren worden, und diente vor seiner Berufung in die Kosmonautengruppe 1959 bei Murmansk als Oberleutnant. Die Luftstreitkräfte der UdSSR – für Auswahl und Ausbildung der Kosmonauten verantwortlich – , bewiesen dann bei der Nominierung des ersten Weltraum-Piloten ein überaus glückliches Händchen, obwohl auch hier besondere Beweggründe eine Rolle gespielt haben dürften. 

Aus einer Bauernfamilie

Drei von 20 Kandidaten kamen nach einem Jahr Training in die engere Auswahl für diesen ersten Flug: German Titow, Juri Gagarin und Grigori Neljubow. Dieses Trio war nach Einschätzung der Ausbilder auf gleichem Niveau, aber Gagarin bestach nicht nur durch Beherrschung und Gelassenheit, sondern kam auch noch aus einer Bauernfamilie, genau wie Nikita Chruschtschow, was meiner Ansicht nach ein nicht zu unterschätzender Aspekt bei der Festlegung des ersten Kosmonauten gewesen sein dürfte, glaubte die für den Start verantwortliche Raumfahrt-Elite offensichtlich, dem Staats- und Parteichef damit gewissermaßen ein „Geschenk” zu machen. 

Es stellte sich schnell heraus, dass die Auswahl Gagarins gerechtfertigt gewesen war. Gagarin – noch während des Fluges zum Major befördert – glänzte durch Mut und Umsicht und eroberte in den folgenden Monaten und Jahren mit Charisma und Humor bei seinen Reisen die Herzen in aller Welt, was ich selbst feststellen durfte, als ich ihm bei einem Pressemeeting anlässlich der „Weltfestspiele  der Jugend und Studenten” 1962 in Helsinki begegnete. Sein strahlendes Lächeln und seine Bescheidenheit nahmen alle für ihn ein.

Kein Musterknabe

Gagarin, der im März 1968 bei einem bis heute nicht restlos aufgeklärten Trainingsflug zusammen mit seinem Ausbilder Wladimir Serjogin tödlich verunglückte, war die allgemeine (und auch vom Parteiapparat organisierte) Lobhudelei um seine Person oft selbst sehr unangenehm. In dem Buch „Heute 6.07 UT” des exzellenten Gagarin-Kenners Gerhard Kowalski wird er mit den Worten zitiert: 

„Es werden viele Aufsätze und Reportagen über den Raumflug geschrieben. Und alle schreiben über mich. Wenn ich einen solchen Beitrag lese, bin ich stets etwas peinlich berührt. Einfach deshalb, weil ich wie ein superidealer Mensch aussehe. Dabei mache ich wie alle anderen Menschen viele Fehler. Ich habe auch meine Schwächen. Man sollte einen Menschen nicht idealisieren. Man muss ihn nehmen wie  er ist. Sonst wird es ja einfach widerlich, ich erscheine als ein Musterknabe, so gut und nett, dass einem ganz übel davon ist.”

Wie populär Juri Gagarin bald war, lässt sich auch daran ermessen, dass der Begriff von der „Gagarinsche Garde” (ganz ohne Anordnung von „oben”) in den russischen Sprachgebrauch einging. Wer aber war diese Garde? Aus über 400 Fliegern waren in der Sowjetunion im Herbst 1959 jene jungen Männer ausgewählt worden, die im Februar 1960 im legendären  „Sternenstädtchen” (etwa 40 Kilometer nordöstlich von Moskau), ihr Training aufnahmen. Ihre Namen wurden zunächst geheim gehalten, und erst später bekannt. Es waren Iwan Anikejew, Pawel Beljajew, Walentin Bondarenko, Waleri Bykowski, Jewgeni Chrunow, Walentin Filatjew, Juri Gagarin, Wiktor Gorbatko, Anatoli Kartaschow, Wladimir Komarow, Alexei Leonow, Grigori Neljubow, Andrijan Nikolajew, Pawel Popowitsch, Mars Rafikow, Dmitri Saikin, Georgi Schonin, German Titow, Walentin Warlamow und Boris Wolynow. 

Zwölf Angehörige dieser „Gagarinschen Garde” flogen um die Erde, den anderen war es aus verschiedenen Gründen nicht vergönnt. Bondarenko, mit 23 Jahren der jüngste, verunglückte noch vor Gagarins Flug beim Training tödlich, Warmalow, Saikin und Kartaschow schieden wegen Verletzungen oder Krankheiten aus; Filatew, Anikew, Rafikow und Neljubow mussten die Gruppe aus disziplinarischen Gründen verlassen. Außer Boris Wolynow (Stand: Januar 2021) sind alle Männer dieser „Gagarinschen Garde” bereits verstorben. Aber die Erinnerungen an sie und ihren bescheiden gebliebenen „Frontmann” Gagarin sind bei den Enthusiasten der Raumfahrt immer noch lebendig.

Das lässt sich auch aus Worten von Alexej Leonow entnehmen, jenem Mann, der im März 1965 als erster Mensch in den freien Raum ausstieg. Über Gagarin sagte er:

„Wenn jemand berühmt wird, läuft er oft Gefahr, sich durch den plötzlichen Ruhm zu verändern, auf einem Piedesdal Posen einzunehmen und sich maßlos zu überschätzen. Bei Juri bestand diese Gefahr nicht. Von Beifall umrauscht, nahm er die Ovationen mit einem kleinen Lächeln entgegen, das besagte, daß er weit davon entfernt war, sich allzu ernst zu nehmen, so, als ob er sich ein wenig über sich selbst lustig machte. Er gehörte zu jenen Menschen, die nichts korrumpieren kann.”

Neben eigenen Erinnerungen und Notizen wurden folgende weiteren Quellen benutzt: Nikolai Kamanin („Flieger und Kosmonauten”, Verlag Neues Leben Berlin), Alexej Leonow („Spaziergänger im All”, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart), Gerhard Kowalski („Heute 6.07 UT”, Projektverlag), sowie die Website Spacefacts.