Eine Rekordzahl von mehr als tausend Bergsteigerinnen und Bergsteigern machte sich im Frühjahr 2026 auf den Weg, um den Mount Everest zu erklimmen. Eine Zahl, die zum kritischen Nachdenken über diese Art von „Berg-Tourismus” anregt, aber auch einen Blick auf das Jahr 1953 freigibt, als am 29. Mai der Neuseeländer Edmund Hillary (1919-2008) und der nepalesisch-indische Tenzing Norgay (1914-1986) als erste Menschen den Gipfel des höchsten Berges der Erde erreichten. Berichterstattung über aktuelle Filme aus Streaming-Diensten war bisher kein Thema für mich. Jetzt verweise ich indessen auf ein Abenteuer-Drama, das im September 2026 beim „22. Filmfestival Zürich” als Eröffnungsfilm lief und seit Oktober 2026 auf „Apple TV” angeboten wird: Tenzing.
Die australische Regisseurin und Autorin Jennifer Peedom erzählt die Geschichte der Erstbesteigung des Mount Everest aus der Perspektive des Bergsteigers Tenzing Norgay, dessen Rolle meist im Schatten westlicher Jubelgesänge unterging. Der Neuseeländer Hillary bestimmte weltweit die Schlagzeilen der Zeitungen, die Berichte der Wochenschauen und des noch in den Kinderschuhen steckenden Fernsehens.
Edmund Hillary geadelt
Edmund Hillary wurde eine Woche nach dem Triumph von der gerade inthronisierten britischen Königin Elizabeth geadelt (Knight Commander of the Order of the British Empire) und durfte sich „Sir” nennen, der aus dem Volksstamm der Sherpa stammende Tenzing Norgay wurde mit einer Medaille abgespeist. Immerhin stellte Hillary in der Öffentlichkeit stets die Leistung seines in der westlich-medialen Welt vernachlässigten Partners heraus.

Jennifer Peedom verzichtet in ihrer Würdigung auf Heldenverehrung und konzentriert sich mit eindrucksvollen Bildern auf Tenzing, der sich seinen Platz im britischen Team schwer erkämpfen muss. Ursprünglich nur als Lastenträger für Sauerstoff-Geräte und Gepäck engagiert, wird er wegen seiner Bergsteiger-Qualitäten von der Leitung der Expedition ausgewählt, Hillary beim Aufstieg zu begleiten. Der gemeinsame Weg der Männer ist nicht einfach. Zu konträr die Ansichten über den Berg.
Heilige Göttin
Die westlichen Bergsteiger (und auch Hillary) sehen im Everest nur einen mächtigen Felsbrocken, der bezwungen werden muss, weil noch niemand vorher dort gewesen war und mehrere Versuche zuvor scheiterten. Enormer Erfolgsdruck baute sich auf, denn nicht nur Ruhm war zu erwarten, sondern auch pekuniärer Gewinn. Tenzing Norgay dagegen verehrt den „Chomolungma“ – so der tibetanische Name des Berges – als heilige Göttin.
Je höher sie klettern, je schwieriger der Aufstieg wird und die Gefahren sich vervielfachen, umso mehr verlieren diese Gegensätze jedoch an Bedeutung. Am Gipfel kommen zwei erschöpfte, aber glückliche Männer an, die im gegenseitigen und respektvollen Umgang miteinander Vertrauen aufgebaut haben. Die Zweier-Seilschaft ist zu einer Einheit geworden, weil Tenzing nicht mehr nur als Lakai und Dienstmann angesehen wird, sondern als Partner, was auch darauf zurückzuführen ist, dass Tenzing zuvor bei einem Gletscher-Unfall Hillary das Leben gerettet hat.

Aus dem Ereignis der Everest-Erstbesteigung ist nach über 70 Jahren ein spannendes Buch bewegter Bilder entstanden. Die Regisseurin orientiert sich weitgehend an den realen Geschehnissen und widersteht der Versuchung, ausufernden Fantasien Raum zu geben. Gerade wegen der nüchternen Darstellung, wie sich der unterprivilegierte Tenzing Norgay im Team durchsetzt und beim Aufstieg zum Hillary-„Copiloten” wird, ist der Film trotz einiger formaler Schwächen empfehlenswert.
PINNWAND: Das Abenteuerdrama Tenzing wurde im September beim „22. Zurich Filmfestival” als Eröffnungsfilm gezeigt und am 16. Oktober 2026 auf „Apple TV” veröffentlicht. Davor lief der Film für die „Oscar”-Award-Zulassung ab 9. Oktober in ausgewählten amerikanischen Kinos. Regie: Jennifer Peedom, Hauptdarsteller: Genden Phuntsok (Sherpa Tenzing Norgay), Tom Hiddleston (Edmund Hillary), Willem Dafoe (Expeditionsleiter John Hunt), Caitriona Balfe (Sekretärin Jill Henderson).
