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Reisenotiz

Mitten im Rhein ankert
der Binger „Mäuseturm”

In einem TV-Bericht über das Niedrigwasser im Rhein im Sommer 2026 entdeckte ich auf dem Bildschirm den Binger „Mäuseturm” (Foto: iStock), was Erinnerungen weckte.

Das erste Mal habe ich den „Mäuseturm“ in den Fünfziger Jahren gesehen, als uns eine Ausflugsschiff vom Frankfurter Mainkai nach Bacharach trug, das zweite Mal bei einer Eisenbahnfahrt von Wiesbaden nach Neuwied – und später bei diversen Gelegenheiten, meist bei Zugreisen, aber das eine oder andere Mal auch mit dem Auto von den Uferstraßen aus. Und natürlich war das Bauwerk inmitten des Flusses auch ein interessantes Thema im Schulunterricht.

Dieser „Mäuseturm“ im Rheingau steht genau dort, wo der von Osten aus Mainz heran fließende Rhein nach Nordwesten abknickt. Rechtsrheinisch angesiedelt das hessische Rüdesheim mit Niederwald-Denkmal und Drosselgasse, linksrheinisch die rheinland-pfälzische Stadt Bingen mit der Nahe-Mündung, dazwischen auf schmaler Insel das schlanke, weiße Gebäude, bei dem sich schnell die Frage aufdrängt: Warum „Mäuseturm“?

Eine Legende sagt, der gefürchtete Hatto II – seit 968 Bischof von Mainz und zuständig für Bingen – sei für zahlreiche seiner Untaten bestraft und in den Turm verbannt worden, wo ihn die Mäuse bei lebendigem Leib aufgefressen hätten. Eine gruselig-eklige Deutung, die gewiss in das Reich der Phantasie gehört. Ein Hinweis auf die Funktion als Wachtstation – das mittelhochdeutsche Wort für Wachen und Lauern wird auch als „musen“ bezeichnet (von dort ist der Weg zu „Mäusen“ nicht mehr weit) klingt da glaubhafter. Was wahr ist (oder nicht) von all den alten Überlieferungen, verliert sich jedoch im Dunkel der Geschichtsschreibung. 

Blick aus den Weinbergen zum Rhein. (Foto: Clipdealer)

Aus seriösen Quellen erschliesst sich, dass der „Mäuseturm“ um 1300 zur Unterstützung der Burgen Klopp in Bingen und Ehrenfels in Rüdesheim errichtet wurde. Im 30-jährigen Krieg zerstört, wurde er im 19. Jahrhundert nach Plänen des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner restauriert. Seit 1855 dient der Turm der Rhein-Schifffahrt als Orientierungspunkt, zumal diese Stelle für Schiffe über Jahrhunderte extrem gefährlich war. Die Fahrrinne war zu eng und übersät mit scharfkantigen Riffen, sowohl größere Kähne als auch kleinere Boote wurden beschädigt. Einfaches Vorwärtsgleiten war nicht möglich, manche Schiffe mussten mit Seilen vom Ufer aus durch die Enge gezogen werden – „getreidelt“ nannten die Schiffer das nervige Verfahren. 

Im Ausflugsdampfer – so meine Erinnerung – passierten wir dieses gefürchtete „Binger Loch“ behutsam, aber doch problemlos. Erstaunlicherweise wurde dieser kritische Punkt erst in den Jahren 1973/74 mit Sprengladungen und Baggerarbeiten beseitigt und durch den verbreiterten Wasserweg leichter passierbar gemacht. Der „Mäuseturm“ ist heutzutage nur noch Kulturdenkmal und  Wahrzeichen der Stadt Bingen sowie Blickfang im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal.