Mordfall Rosemarie Nitribitt

Rosemarie Nitribitt, Beruf: Prostituierte, wurde Anfang November des Jahres 1957 – also vor nunmehr 60 Jahren – in ihrer Wohnung in der Frankfurter Innenstadt ermordet aufgefunden. Der Fall sorgte  monatelang für Schlagzeilen, wurde in einem satirisch-kritischen Buch von Erich Kuby verarbeitet und dann mehrmals verfilmt. Warum erregte der Nitribitt-Mord die Öffentlichkeit über die Maßen, da doch unzählige andere Prostituierte davor und danach eher unbeachtet den Tod fanden?

Im 4. Stock dieses Hauses „arbeitete“ Rosemarie Nitribitt (Foto: Clipdealer 2011)

Die Antwort ist wohl in erster Linie in der gesellschaftspolitischen Situation der Bundesrepublik jener Zeit zu finden. Die Nazijahre waren von den Menschen schnell aus dem Gedächtnis verdrängt worden, die Herren in den weißen Westen hatten Oberwasser. Gut Verdienende umgaben sich mit neuem Luxus, wozu bei dem einen oder anderem auch eine „Lebedame” gezählt haben dürfte. Es war die Zeit des so genannten „Wirtschaftswunders”. Innenpolitisch betrachtet waren die Jahre geprägt von Ost-West-Konflikten, Wiederbewaffnung, NATO-Beitritt und Kaltem Krieg (mit KPD-Verbot). Gleichzeitig gab sich die Adenauer-Zeit mit ihrer übertrieben christlichen Attitüde prüde und kleinkariert.

Wie verklemmt die Atmosphäre tatsächlich war, zeigte sich, als ein so genannter „Aufklärungsfilm” mit dem Titel „Eva und der Frauenarzt” in die Kinos kam, und Frauen und Männer im Zuschauerraum durch ein Seil getrennt sitzen mussten. Der Kuppel-Paragraph bedrohte immer noch Eltern und Jugendliche, gleichzeitig besaßen Männer in den Familien als „Haushaltungsvorstand” die absolute  Entscheidungshoheit, Frauen waren noch immer weitgehend entrechtet.

Diese Situation war ein idealer Nährboden für eine Prostituierte a la Nitribitt. Ihr sündhaft teurer Luxusschlitten Mercedes 190 SL (Preis damals knapp 18 000 D-Mark, dreimal so viel wie ein Käfer) öffnete die Türen zu den neuen „Machern” mit gut gefüllten Portemonnaies. Weil Rosemarie Nitribitt – anders als ihre Kolleginnen – nicht in einem Bordell oder als „Bordsteinschewalbe” agierte, sondern mit dem Wagen durch die Straßen der Innenstadt fuhr, um ihre Freier anzusprechen, bot sie eine durchaus „neue Qualität” im horizontalen Gewerbe.

Rosemarie Nitribitt hatte instinktiv erkannt, wie gutes Geld zu verdienen war, und wie sie unabhängig von Zuhältern unter die Fittiche reicher Freier kriechen konnte. Sie suchte dabei die Nähe eines exklusiven Frankfurter Beherbergungsbetriebes und erfreute sich zudem der Hilfe von Hotelportiers, die ihr zahlungskräftige männliche Kunden zuführten. Alles natürlich diskret und hinter vorgehaltener Hand. Unter diesen Umtsänden war die Nitribitt zwar in einschlägigen Kreisen bekannt, aber nicht „stadtbekannt” wie nach dem Mord genüßlich kolportiert wurde.

Viele Frankfurter sahen die junge Frau zwar oft in der Innenstadt an sich vorbeifahren, doch erschien die Frau in ihrem Mercedes eher als gelangweilte Tochter aus reichem Elternhaus. Von einer „stadtbekannten Hure” sprachen, abgesehen von berufsmäßig involvierten Polizisten und einigen Journalisten, vor allem einige Wichtigtuer, die sich nachträglich selbst mit „ihrem Wissen” um die Nitribitt interessant machen wollten.

Blick auf das Haus in der Stiftstraße

Die Nachricht vom Tod der Prostituierten verbreitete sich dessen ungeachtet Anfang November 1957 in Frankfurt schnell durch Radio und Zeitungen. Viele Schaulustige eilten in die Stiftstraße – direkt gegenüber dem Seitenflügel der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau” am Eschenheimer Turm –, um einen neugierig-verschämten, schaudernden Blick auf das „Mordhaus” mit der Nummer 36 zu werfen, in dem sich auch Büros befanden. Die Nitribitt lebte und „arbeitet“ im vierten Stock. Direkt daneben und wie aneinandergeklebt stand das Erstaufführungskino „Turmpalast” (Bleichstraße 57).

Schnell schossen Gerüchte über Verwicklungen von hoch gestellten Persönlichkeiten in den „Fall Nitribitt” ins Kraut. Der Name eines bekannten Industrieller aus dem Kohlenpott wurde genannt, doch wer wirklich ihre gut betuchten Besucher waren, wurde damals entweder nicht aufgeklärt oder unter dem Deckel gehalten. Spekuliert wurde viel, im Grunde ist es jedoch unerheblich, aus welchen Kreisen sich ihre Kunden rekrutierten – ob es reiche Prominente oder relativ arme Schlucker waren: Freier waren sie allemal…

Ein Hauptverdächtiger aus ihrem Bekanntenkreis wurde angeklagt, doch konnte ihm vom Gericht die Täterschaft „nicht mit letzter Überzeugung” nachgewiesen werden. Allerdings waren die damaligen technischen Aufklärungsmittel ohnehin eher bescheiden. Bei den Ermittlungen waren außerdem gravierende Fehler gemacht worden, besonders im Hinblick auf den Todeszeitpunkt.

Nadja Tiller prägt das Bild der Nitribitt

Der Schriftsteller Erich Kuby schrieb das satirische Buch „Das Mädchen Rosemarie”, das sich mit den gesellschaftlichen Zuständen im Land beschäftigte, und das – kaum in Handel – auch schon verfilmt wurde. Wenig später gab es einen weiteren Film, der den Titel „Die Wahrheit über Rosemarie” trug. Ein Remake folgte 1996 mit Nina Hoss als Rosemarie Nitribitt.

Zweimal verfilmt. (Fotos: Filmverlag Unucka)

Entscheidend geprägt wurde das Erscheinungsbild der Nitribitt in der Öffentlichkeit von Nadja Tiller. Die aufstrebende österreichische Schauspielerin war schon 1949 als „Miss Austria” zu erstem Ruhm gekommen. Ihre Darstellung in „Das Mädchen Rosemarie” war  beeindruckend, hatte freilich mit der Realität kaum etwas zu tun, war doch Rosemarie Nitribitt im Gegensatz zu Nadja Tiller eine wenig auffallende Erscheinung, keineswegs so glamourös wie im Film dargestellt und ihr alltägliches Gewerbe eher profan.

Als der Streifen am 28. August 1958 – seit dem Mord war nicht einmal ein Jahr vergangen –, in Frankfurt seine deutsche Erstaufführung erlebte, geschah das übrigens nicht im Turmpalast, in dessen direkter Nachbarschaft sie ermordet worden war, sondern im etwa 500 Meter entfernt gelegenen Europa-Palast an der Hauptwache. Regie im Film führte Rolf Thiele, weitere Mitwirkende waren Peter van Eyck, Carl Raddatz, Hanne Wieder, Helen Vita, Karin Baal, Mario Adorf, Horst Frank, Gert Fröbe, Werner Peters und Jo Herbst.

Rosemarie Nitribitt, die aus Düsseldorf stammte und dort auch begraben ist, wurde nur 24 Jahre alt und hinterließ rund 120 000 DM. Für damalige Verhältnisse eine erstaunlich hohe Summe in ihrem Gewerbe. Dieses Geld läßt den Schluß zu, dass sie tatsächlich Gönner aus Wirtschaft und anderen gut betuchten Kreisen hatte…