Am 29. August 1915 wurde die Schauspielerin Ingrid Bergman geboren. Anlässlich des Geburtstages der schwedischen Künstlerin gab es 100 Jahre später zahlreiche Würdigungen von Filmhistorikern und Kritikern. Auch für den Autoren ein guter Grund, aus Sicht des Zuschauers einen Blick auf ihr filmisches Lebenswerk zu werfen und ihr ein Dankeschön nachzurufen.

Ingrid Bergman auf dem Stromboli-Titel der „Filmbühne“ (Foto: Verlag Unucka)

Von Ingrid Bergmann hatte ich bei Kriegsende noch nie etwas gehört. Wie auch? Erstens war ich noch zu jung, und zweitens standen amerikanische Filme nach 1941 in Nazi-Deutschland auf dem Index. Dann sah ich in Frankfurt den ersten Film mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle. In der Scala lief 1947 „Das Haus der Lady Alquist” und ich nutzte die lasche Handhabung des damaligen „Jugendschutzes”, um ins Kino zu schlüpfen.

Ingrid Bergman spielte die gerade frisch und glücklich verheiratete Paula Anton, deren Ehemann (Charles Boyer) sie in den Wahnsinn zu treiben beginnt – sie setzte sich als angstvolle Frau so eindrucksvoll in Szene, dass sie – wie ich später erst erfuhr – mit einem Oscar belohnt worden war. Ihr Auftritt machte Lust auf mehr und so sah ich sie ein Jahr später im Harmonie in „Die Glocken von St. Marien” an der Seite von Bing Crosby. Es war ein religiös-melodramatisches Rührstück, das mir nicht besonders zusagte, in dem mir gleichwohl die Schwedin als kämpferische Nonne Mary Benedict gefiel.

In „Arzt und Dämon” sah ich sie dann als leichtlebige Ivy Peterson, die vom psychopathischen Dr. Hyde (Spencer Tracy) ermordet wird, und als Republikanerin Maria gab sie dem spanischen Bürgerkriegsdrama „Wem die Stunde schlägt” neben Gary Cooper das Gesicht. In „Casablanca” spielte sie als Ilsa Lund zusammen mit Humphrey Bogart und Paul Henreid. Der Streifen ist berühmt, aber aus meiner Sicht war es keineswegs einer ihrer besten Auftritte – auch wenn es einige in die Filmgeschichte eingegangene Szenen und Dialoge gibt.

Weitere Filme aus jenen Jahren sind „Ich kämpfe um dich” (Gregory Peck), „Berüchtigt” (Cary Grant), „Triumphbogen” (Charles Laughton), „Johanna von Orleans” und „Sklavin des Herzens” (Michael Wilding). Danach folgte „Stromboli”, ein Film, der zu einem wichtigen Punkt in ihrem Lebens wurde.

Der Weg zu Roberto Rosselini

In Los Angeles hatte sie den Film „Rom, Offene Stadt” von Roberto Rosselini gesehen. Tief beeindruckt ging sie nach zehn erfolgreichen US-Jahren – bevor sie nach Hollywood gekommen war, hatte sie bereits in Schweden elf Filme gemacht – nach Italien, um mit dem neorealistischen Regisseurs „Stromboli” zu drehen. Die dabei aufflammende Liebesromanze zwischen ihr und dem Regisseur machte internationale Schlagzeilen und wurde von den Hollywood-Mächtigen, ihren willfährigen Schreiblakaien und der prüden Öffentlichkeit zum „Skandal“ erhoben.

Denn Ingrid Bergman war zur Zeit dieser Liason noch mit dem schwedischen Arzt Petter Lindström verheiratet – und obwohl diese Ehe schon als zerrüttet beschrieben wurde –, ließen die tugendhaften Sittenwächter der USA kein gutes Haar an der Schwedin, zumal sie von Rosselini schwanger geworden war. Fasttäglich las ich in den einschlägigen Illustrierten Tiraden über das Paar, was so manchen Einblick in die puritanische Verbohrtheit erlaubte.

Beschimpft als „Apostel der Entartung”

Vor allem christlich-religiöse Gruppen erhoben ihre Stimme gegen die Schauspielerin. Der Senator Edwin C. Johnson, der sich lange, aber vergeblich um ein Verbot des Films in den Vereinigten Staaten bemüht hatte, scheute sich nicht, das Paar sogar als „Apostel der Entartung“ zu beschimpfen und bedauerte, dass aus seiner früheren Lieblingsschauspielerin eine „mächtige Kraft des Bösen“ geworden sei.
Unbeeindruckt von allem heiratete die Bergman den Italiener, die Ehe – ihr entstammen drei Kinder – wurde aber bereits 1957 geschieden.
Die Verleihfirma RKO in Deutschland versuchte freilich – Geschäft ist schließlich Geschäft – aus der privaten Liebes- und Eheangelegenheit noch kräftig Kapital zu schlagen und ließ bei der Erstaufführung von „Stromboli” in Frankfurter Zeitungsanzeigen wenig zurückhaltend verlauten:

„Der Film, der Ingrid Bergman zum Schicksal wurde!“

Der Film selbst erzählt die Geschichte der jungen Litauerin Karin Björsen (Ingrid Bergmann), die in einem Flüchtlingslager einen aus Stromboli stammenden italienischen Soldaten (Mario Vitale) kennenlernt. Um dem unwirtlichen Verhältnissen in dem Lager zu entfliehen, lässt sich sie auf eine Ehe mit dem Mann ein, der in seiner Heimat Stromboli als Fischer arbeitet. Doch statt der Geborgenheit, sie sie bei ihm sucht, wird sie von ihm gedemütigt, erlebt zudem Hass und Anfeindungen durch die Frauen des Dorfes. Gleichwohl bleibt sie, zumal der Vulkan, der am Anfang so bedrohlich auf sie gewirkt hat, immer mehr seine Schrecken verliert.

Tragik des Verlorenseins

Der Film fand in Deutschland – wohl auch beeinflusst durch die ständige Berichterstattung über die Beziehung der beiden Künstler – ein zwiespältiges Echo, wurde von manchen Beobachtern als zäh beurteilt. Als einer der wenigen Kritiker in Deutschland sah Dieter Fritko von der „Frankfurter Rundschau” das kraftvolle Potenzial des Films und seiner Hauptdarstellerin:

„Die Bergman braucht nichts weiter zu tun, als schweigend über den düsteren Boden zu schreiten, und schon springt einen die Tragik der Deplacierung, des Verlorenseins der blonden Karin aus dem Norden unter dem grollenden Vulkan, überzeugend an. Einsamer als sie kann niemand sein.“

Nach ihren italienischen Jahren drehte Ingrid Bergman wieder Filme in den USA, wo sich die Wogen der Entrüstung gelegt hatten („Anastasia”, Indiskret”). Für „Anastasia” (1956) erhielt sie ihren zweiten Oscar, als beste Nebendarstellerin erfuhr sie 1975 noch einmal diese Ehrung für „Mord im Orientexpress”. Ein Jahr später wurde sie für ihr Lebenswerk mit einen Ehrenoscar bedacht.

Im Laufe ihrer Karriere erhielt sie nicht nur drei Oscars, sondern 1998 eine besondere Auszeichnung, als sie vom American Film Institute auf den vierten Platz der größten Filmschauspielerinnen des 20. Jahrhunderts gesetzt wurde: hinter Katharina Hepburn, Bette Davis und Audrey Hepburn – und noch vor Greta Garbo, Marilyn Monroe, Marlene Dietrich, Elizabeth Taylor, Rita Hayworth und vielen anderen berühmten Darstellerinnen.

Früher Tod

1974 war bei Ingrid Bergman Brustkrebs entdeckt worden. Nach einer längeren Behandlung galt sie als geheilt, doch Anfang der 1980er-Jahre wurde die Krankheit erneut diagnostiziert. Trotz ihrer schweren Erkrankung drehte sie ihren letzten Film für das Fernsehen – „Eine Frau namens Golda”, in dem sie die langjährige israelische Außen- und Ministerpräsidentin Golda Meïr darstellte. Ingrid Bergman starb an ihrem 67. Geburtstag in London.