Als ich Anfang 2026 wegen einer Nachfrage die Städtische Bäderverwaltung in Frankfurt aufsuchte, stand ich irritiert am Vorplatz des Hauptbahnhofs vor einem verglasten, schmucklosen Bürogebäude, ein Restaurant im Haus, nebenan ein Supermarkt. Ich erinnerte mich an die Zeit, als hier noch das wuchtige Eingangsportal des Albert Schumann-Theaters gestanden hatte, als Ruine dem Verfall preisgegeben, aber als Erinnerung an eine vergangene Epoche einen imposanten Eindruck hinterlassend, geschichtsträchtig erzählend von einer Zeit, in der Künstler große Triumphe feierten, neben vielen anderen die russische Tänzerin Anna Pawlowa mit Gefolge, die Clowns Grock und Rivel, der Jongleur Rastelli oder die Cordonas, zu ihrer Zeit Trapezartisten von Weltruf.
Mein Blick ging zurück: Ende der Fünfziger Jahre ging ich täglich von meiner nahen Arbeitsstelle bei Metro-Goldwyn-Mayer an der Ruine vorbei. Obwohl ich aufgrund meines Alters nie einer der Vorstellungen im Schumann-Theater besucht hatte, erfuhr ich viel über die gezeigten Darbietungen aus zweiter Hand, nämlich den bruchstückhaften Berichten einer älteren MGM-Kollegin, die in den Glanzzeiten des Theaters zu den Besucherinnen gezählt hatte.
Frau Wegner berichtete mir begeistert von ihren Eindrücken, die sie mit ihrem Mann geteilt hatte. Mehrmals im Jahr leisteten sie sich den Luxus eines Besuches. „Ringkämpfe“, die keine waren, sondern nur die Vorboten des heutigen Wrestlings, lockten besonders Herrn Wegner an, auch Boxkämpfe waren nach seinem Geschmack. Frau Wegners Erinnerungen drehten sich um den singenden Humoristen Otto Reutter oder die sich selbst als Volkssängerin bezeichnende Claire Waldoff.
Blick auf die Geschichte
Grund genug, mich mit der Geschichte des Schumann-Theaters intensiver zu befassen. Aus unterschiedlichen Quellen erfuhr ich, dass es am 5. Dezember 1905 nach nur knapp zweijähriger Bauzeit auf dem Grundstück zwischen Taunus- und Karlstraße eröffnet worden war. Auftraggeber war der Wiener Dressurreiter und Zirkusdirektor Albert Schumann (1858-1939) mit der eigens von ihm gegründeten „Aktiengesellschaft für Circus- und Theater-Bau”. In das Grundstück hatte sich Schumann verliebt, als er auf dem damals noch freien Gelände mit seinen Zirkus gastiert hatte.
Schumann hatte stets davon geträumt, einen Zirkus mit festem Standort zu besitzen. Er selbst wollte mit den Tagesgeschäft nichts zu tun haben, weil er lieber mit seinen berühmten Pferdedressuren in der Welt unterwegs war. Er blieb jedoch Aufsichtsratsmitglied der Gesellschaft und gastierte so oft es sein Terminplan zuließ, in seinem „Circus Schumann“. Die Chroniken berichten von Auftritten in den Jahren 1906, 1907, 1908, 1910, 1912, 1913 und 1926. Die Direktion hatte er seinem Freund Julius Seeth übertragen, einem angesehenen Raubtier-Dompteur.
Eine variable Manege
Der Bau hatte vier Millionen Reichsmark verschlungen, eine für damalige Verhältnisse unglaubliche Summe. Dafür schufen die Architekten Friedrich Kristeller und Hugo Sonnenthal nicht nur eine variable Manege, dier 5000 (später: 3000) Personen fasste, sondern auch mehrere Restaurants und sogar Stallungen für Pferde und andere Tiere. Die Fassade strahlte im Jugendstil, zwei Türme rahmten den Eingang nach oben ab. Frankfurts damaliger Oberbürgermeister Franz Adickes war nach dem Premierenbesuch so begeistert, dass er im Stadtparlament sagte, erst das Schumann-Theater habe Frankfurt zur Metropole gemacht.

Nach der Eröffnung zeigte sich jedoch schnell, dass ein reinen Zirkusbetrieb den kostenträchtigen Unterhalt nicht würde decken können. Das Konzept musste verändert werden. Die gerade aufgekommenen „bewegten Bilder“ eroberten das Schumann-Theater. Revuen, Varietévorführungen, Operetten und Zirkusnummern wechselten sich ab, was jedes Mal Tage dauernde Unmbauten erforderte. Inflation und Weltwirtschaftskrise erschütterten das Schumann, die Pächter wechselten. Nachdem das Theater 1930 von der Decta-Dioscop übernommen worden war, sollte ein Großkino errichtet werden, was am geballten Protest der Besitzer Frankfurter Lichtspielhäuser scheiterte. In Betrieb aber blieb das Theater bis zum bitteren Ende…
Im Bombenhagel
In den Tagen vom 22. bis 24. März 1944, als Frankfurt drei Tage lang den Fliegerangriffen der Alliierten ausgesetzt war, wurde das Schumann-Theater fast vollständig zerstört. Den Bomben trotzten nur die Restaurants und die mächtige Fassade. Diesen vorderen Teil beschlagnahmte die US-Armee und nutzte ihn bis Ende Fünfziger Jahre, hauptsächlich als PX-Verkaufstelle. Als die Amerikaner das Domizil 1958 aufgaben, entwickelten sich, ähnlich wie später beim Opernhaus, Diskussionen um Abriss oder Wiederaufbau. Doch angeblich reichte die Bausubstanz für einen Restaurierung nicht aus.
Im September 1961 kamen die Abrissbirnen. Nach drei Monate harter Arbeit war der letzte Schutt weggefahren, das Grundstück für knapp drei Millionen D-Mark verscherbelt, fünf Jahre später ein kombiniertes Büro- und Parkhaus errichtet. Auflage war, dass das Gebäude nicht mehr so hoch sein durfte wie das Schumann-Theater, und die neuen Herren sich an den daneben liegenden Häusern zu orientieren hatten.
Nur ältere Zeitzeugen wissen noch, dass am Platz dieses gewöhnlichen Bürogebäudes einst ein berühmtes Zirkus- und Varietétheater gestanden hatte, ob sie nun Künstler dort live erlebt hatten oder alles nur – wie ich selbst – vom Hörensagen, dem jahrelangen Blick auf eine Ruine oder Nachforschungen kannten.
PINNWAND, Quellen u.a.: „Lebendige Bilder einer Stadt, Deutsches Filmmuseum (1995)“, Claudia Michels: „Die 60er Jahre in Frankfurt, Veröffentlichung der „Frankfurter Rundschau" von 2012, Sabine Hock.
