Zwei Dinge sind mir zum fränkischen Kleinod Bamberg stets spontan eingefallen: Der Bamberger Reiter aus dem 13. Jahrhundert, der als städtisches Wahrzeichen im Dom seinen Platz gefunden hat, sowie das Bamberger Hörnchen. Letzteres kein Gebäck, wie man zunächst vermuten möchte, sondern eine Kartoffelsorte mit exzellentem Ruf. Die Ähnlichkeit der Knollen mit Hörnchen aus den Backstuben hat ihr den Namen gegeben. Vom Reitersmann hörte ich erstmals im Unterricht in der Schule, von den Hörnchen beim Gemüsehändler um die Ecke. Er erzählte, dieser alte Erdapfel sei wegen seines nussigen Geschmacks eine Lieblinggfrucht für Feinschmecker, aber vom Aussterben bedroht, weil die gekrümmten Knollen für eine maschinelle Bearbeitung nicht geeignet seien.
Wie angeklebt
Über Rolle von Reiter und Kartoffel-Hörnchen will ich indessen nicht erzählen, ich schiebe ihre Geschichte einfach beiseite und widme mich dem Alten Rathaus, das mich schon bei meinem ersten Besuch in Bamberg gefangen nahm. Das ansehnliche Gebäude ragt mitten aus der Regnitz und ist wahrscheinlich eines der am häufigsten fotografierten Gebäude in Deutschland, wobei die Objektive oder Smartphones von Hobby- oder Berufsfotografen vor allem auf das Rottmeisterhaus gerichtet sind. Das Fachwerkgebilde wirkt schwebend und ein wenig wie angeklebt an das eigentliche Rathaus. Gleichwohl wirken die Gebäude wie ein einheitliches Ensemble und man kann sich nur schwerlich das eine ohne das andere vorstellen.

Das Rottmeisterhaus diente im Mittelalter den vorgesetzten Rottenführern der Stadtwachen als Unterkunft. Das kurios-originelle Fachwerk wurde wohl erst einige Jahrzehnte nach dem Bau des Rathauses angefügt, was sich aus seiner erstmaligen urkundlichen Erwähnung im Jahr 1386 ablesen lässt; für das Rathaus selbst gibt es einen Hinweis auf einen dort abgehaltenen Markt aus 1268. Die Daten existieren, aber eine Gewähr lässt sich daraus nicht ableiten.
Mitten in der Regnitz
Das Gesamtgebäude steht mitten im Fluß. Aber warum? Historiker berichten in diversen Überlieferungen von der Sage, die Bamberger Bürger hätten ein Rathaus bauen, der herrschende Bischof aber kein Grundstück hergeben wollen. Daraufhin wären die schlauen Bürgersleut’ auf die Idee gekommen, in der Regnitz eine künstliche Insel zu errichten und darauf (neben einer bereits bestehenden Brückenanlage mit Turm) das Rathaus zu errichten. Weil die Regnitz kein Grund und Boden des Bischofs gewesen sei, habe dieser den Bauarbeiten erzürnt, aber tatenlos zuschauen müssen.
Wie bei Sagen üblich, lässt sich der Wahrheitsgehalt nicht belegen. Andere Erkenntnisse sprechen dagegen. Autoren der Enzoklopädie „Wikipedia“ glauben herausgefunden zu haben, der Standort inmitten des Flusses sollte wahrscheinlich nur „die beiden bürgerlichen Gebiete (Sandgebiet unterhalb der Domburg und die Inselstadt) miteinander verbinden.“ Doch auch dies ist eher eine Vermutung.
Hartes Eichenholz
Egal. Tatsache ist, dass das Rathaus samt Nebengebäuden in der Regnitz steht. Wie kann das sein? – so fragt sich mancher der staunenden Besucher. Und erhält die Antwort, die fleißigen Bamberger Handwerker hätten Hunderte von Eichenpfählen in den Grund des Flusses getrieben, um ein stabiles Fundament zu schaffen. Das habe vorzüglich geklappt, weil Eichenholz im Wasser nicht verfault, sondern sich zu eine Masse zusamenfügt, die in ihrer dauerhaften Festigkeit sogar Beton ersetzen kann. Grund genug, um von 1897 bis 1922 Bamberger Straßenbahnen über die Straße durch das Alte Rathaus fahren zu lassen.

Heutzutage sind Altes Rathaus samt Rottmeisterhaus, Dom und Residenzschloss Anziehungspunkte für Touristinnen und Touristen aus aller Welt. Die Kameras oder Bilder machenden Telefone klicken, klicken, klicken. Auch anderswo, denn die historischen Bezirke Berg-, Insel- und Gärtnerstadt gehören zum UNESCO-Welterbe. Die historische Substanz ist weitgehend original erhalten, über 1000 Häuser stehen unter Denkmalschutz. Es gibt viel zu sehen in Bamberg.
