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Filmwelt

Eine Kakerlake oder: Warum
Billy Wilder Regisseur wurde

„Ich bin Regisseur geworden, weil man so viele meiner Drehbücher versaut hat.“ Das Alamy-Bild zeigt Wilder, Lemmon und Shirley MacLaine beim Proben der „Appartement“-Schlussszene..

Die Filmgeschichte steckt voller Merkwürdigkeiten. Dem französischen Schauspieler und Hollywood-Mimen Charles Boyer sowie einer fiktiven Kakerlake verdankt die Welt (und vor allem das internationale Publikum) eine Reihe der besten Hollywood-Filme, unter anderen die Dramen Die Frau ohne Gewissen Das verlorene Wochenende, Boulevard der Dämmerung, Zeugin der Anklage sowie die Komödien Sabrina, Manche mögen’s heiss und Das Appartement.

Regisseur (und Drehbuchautor) all dieser interessanten Geschichten war der in Galizien (Österreich-Ungarn) geborene Billy Wilder (1906-2002), der als junger Mann 1933 nach der Machtergreifung der Nazis aus Berlin in die USA emigriert war und dort als schlecht honorierter Drehbuchautor (u. a. Ninotschka) Fuß gefasst hatte. 1942 wechselte er (mit viel Glück) ins Regiefach, weil er sich mehr und mehr darüber echauffierte, dass seine in filigraner Arbeit entwickelten Ideen und Dialoge von den Regisseuren nicht umgesetzt wurden. 

In dem Interview-Buch Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder von Cameron Crowe schildert Wilder, dass er für den Film Das goldene Tor eine Szene geschrieben hatte, in welcher der in Mexiko gestrandete Boyer mit einem Stock in der Hand einen scharfen Grenzbeamten imitieren und zu einer imaginären Kakerlake sagen sollte: 

Der arrivierte Mime fand den Monolog mit einer Kakerlage unter seiner Würde. Auf seinen Wunsch hin wurde der Dialog mit Einverständnis des Regisseurs Mitchen Leisen aus dem Drehbuch gestrichen, weil es, so Boyer, „idiotisch ist, mit einer Kakerlake zu reden, wennn eine Kakerlake mir doch nicht antworten kann.“ 

Doch ohne diesen Monolog, so der verärgerte Wilder noch nach Jahrzehnten, „war die Szene nichts, ganz flach!“ – Also entschloss er sich, seine Drehbücher selbst in Szene zu setzen, was in den verkrusteten Hollywood-Strukturen allerdings nicht ganz einfach war.

Wilder schaffte es und unter seiner Regie entstanden Der Major und das Mädchen (1942), Fünf Gräber bis Kairo (1943), Frau ohne Gewissen (1944), Das verlorene Wochenende (1945), Ich küsse ihre Hand Madame (1948), Eine auswärtige Angelegenheit (1948), Boulevard der Dämmerung (1950), Reporter des Satans (1951), Stalag 17 (1953), Sabrina (1954), Das verflixte 7. Jahr (1955), Lindbergh – Mein Flug über den Ozean (1957), Ariane – Liebe am Nachmittag (1957), Zeugin der Anklage (1957), Manche mögen’s heiss (1959), Das Appartement (1960), Eins,zwei drei (1961), Das Mädchen Irma la Doouce ( 1963), Küss mich, Dummkopf! (1964), Der Glückspilz (1966), Das private Leben des Sherlock Holmes( 1970), Avanti, Avanti (1972), Extrablatt (1973), Fedora (1978) und Buddy, Buddy (1981). 

In zwölf der letzten 13 Filme schrieb Wilder das Drehbuch mit seinem bewährten Co-Autor I.A.L. (Izzy) Diamond. Nicht alle ihre Filme waren Volltreffer, aber ihre Dialoge waren immer geschliffen, ihr wohl berühmtester Satz lautet „Nobody’s perfect“ in der legendären Schlussszene von Manche mögen’s heiss. Diese knappe Formulierung geht, wie Wilder bestätigt, auf das Konto von Diamond.

Billy Wilder wurde insgesamt 21mal für den Oscar nominiert und gewann sechsmal. Das verlorene Wochenende (Beste Regie, bestes Drehbuch), Boulevard der Dämmerung (Bestes Originaldrehbuch) und Das Appartement (Bester Film, beste Regie, bestes Originaldrehbuch). Dazu kommen zahlreiche weitere internationale Preise.