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Zeitgeschichte

Der Eiserne Steg in Frankfurt
mit prallem Leben erfüllt

Im November 1946 wurde der kurz vor Kriegsende gesprengte „Eiserner Steg” in Frankfurt wieder für die Öffentlichkeit freigegeben. 80 Jahre danach ein persönlicher Blick auf die Brücke.

Unendlich viele Male bin ich über den Eisernen Steg von Sachsenhausen nach Frankfurt (und zurück) spaziert. Das erste Mal an der Hand der Mutter in „die Stadt“ – und das Ziel in „der Stadt“ ist die „Schirn“ mit ihren Marktständen. Fleisch- und Rindswürste hängen dicht aufgereiht und verlockend an stabilen Stangen in den Metzgerbuden, Rippchen warten hinter der Theke auf Kauflustige. Hausfrauen wägen unschlüssig ab, was sie kaufen möchten, ein Handwerker lässt sich eine „Frankfurter“ zwischen einen frischen Weck legen, geht kauend seines Weges. Unser Einkauf ist schnell erledigt, und heimwärts geht es, der herbe Fleischgeruch hängt noch in der Nase…

Im Sommer 1945 komme ich aus der Evakuierung im Westerwald-Dorf Reichenborn zu einem Kurzbesuch in die zerstörte Stadt. Ich begleite meinen Vater zum Wohnungsamt, der sich um die Rückkehr der achtköpfigen Familie nach Frankfurt bemüht. Am Main sind die zertrümmerten Fragmente des Eisernen Stegs zu sehen, der in den letzten Kriegstagen von deutschen Truppen gesprengt worden ist. Ein Teil der wuchtigen Streben liegt im Fluss, der andere ragt in den Himmel. 

Der gesprengte Eiserner Steg. (Bild: U.S. Air Force*)

Neben den Brückentrümmern ist von amerikanischen Pionieren eine provisorische Ponton-Brücke errichtet worden. Auf dicken, schwankenden Holzbohlen schaukeln wir mehr als wir gehen über den Main. Bis zur endgültigen Rückkehr nach Frankfurt dauert es noch einige Monate, aber der Eiserner Steg ist von der Stahlbaufirma Fries fast fertiggestellt. Am 2. November 1946 eröffnet Oberbürgermeister Kolb die instand gesetzte Fußgängerbrücke.

Regen, Wind, Kälte, Sommerhitze

Jahrelang gehe ich von drei Sachsenhäuser Wohnungen (und später: Parkplätzen) zu meinem Arbeitsstellen in der Innenstadt. Tausendmal und öfter bei Regen, Wind, Eiseskälte und Sommerhitze. Als arbeitender Mensch und später Rentner erlebe ich einige Sanierungen und Sperren, beobachte das Aufkommen der Liebesschlösser, die an den Geländern hängen, versehen mit Herzen, Namen und Liebesschwüren ewiger Treue, erlebe den Steg als Zuschauertribüne bei Feuerwerken oder in Silvesternächten. Auf Schiffen der weißen Flotte, die am Nordufer ihren „Hafen“ hat, bin ich zu kleineren und größeren Rundfahrten aufgebrochen. 

Liebesschlösser, Straßenmusikant und ein Homer-Zitat (© MS_and_more/Shutterstock.com)

Seit dem 250. Geburtstag des Dichterfürsten Goethe in 1999 überspannt ein griechische Zitat den Steg. Es stammt aus Homers Odyssee, wurde vom Offenbacher Künstler Hagen Bonifer installiert und dessen Übersetzung lautet: „Auf weinfarbenem Meer segelnd zu anderssprachigen Menschen“. Bonifer fordert damit eindeutig Toleranz und Weltoffenheit – Verhaltensweisen, die einzufordern sind, egal, ob auf dem Eisernen Steg oder anderswo. Es passt zu diesem irgendwie lebendig-wundersamen Eisernen Steg, auf dem manchmal Bettler sitzen, Straßenmusiker ihre Instrumente erklingen lassen oder der legendäre Jazzmusiker Emil Mangelsdorff (1925-2022) kurz vor seinem 90. Geburtstag 2015 ein Ständchen mit dem Saxophon gibt.

Lebendige Brücke

Deutschlands beste Dudelsack-Musikanten (Clan-Pipers) konzertieren auf dem Steg, es gibt Fronleichnamsprozessionen, Filmaufnahmen, Modenschauen, der „Ironman Frankfurt” hat seine Wechselzone vom Rad- auf die Marathonstrecke  am Steg eingerichtet, es werden politische Aktionen (z. B. Frauen gegen Gewalt) auf der Brücke organisiert, die Stadtverwaltung lässt zum „Christopher Street Day“ den Eisernen Steg in Regenbogenfarben illuminieren. Doch auch dies: Der Fluss unter der Brücke war jahrelang extrem verschmutzt, in manchen Jahren verwehrt auch brodelndes Hochwasser den Zugang und Schmierereien trüben das positive Bild…

Abgeschrieben und neu gestaltet: Text der Info-Tafel am Steg. (© Signale/ES).

Am Treppenaufgang sind auf Tafeln die Hochwasserstände aus eineinhalb Jahrhunderten eingelassen. Und eine bronzene Tafel auf der Frankfurter Seite erzählt im Stenogramm-Stil die Geschichte dieser Frankfurter Brücke zwischen 1867 und 1993, zu der auch persönliche Anekdötchen wie diese gehören: Als meine Mutter Ende der Fünfziger Jahre mit meiner Schwester über den Steg geht, erblickt sie einige junge Männer, die kopfüber in den damals noch relativ sauberen Main springen. „Was für ein Irrsinn und viel zu gefährlich“ schimpft sie aufgebracht, ehe sie erschrocken erkennt, dass einer dieser waghalsigen Burschen ihr Sohn Horst ist. So kann’s gehen.