Die von Herbst 2024 bis Oktober 2025 andauernden Festlichkeiten zum 750. Bestehen von Amsterdam – vor Ort und im Fernsehen ausgiebig gefeiert – erinnerten mich an meinen ersten Besuch in der niederländischen Hauptstadt. Es war der 11. Mai 1977, als ich den speziellen Duft dieser Metropole einatmen durfte. An diesem Tag standen sich der Hamburger SV und der RSC Anderlecht aus Belgien im Finale des Europapokals der Pokalsieger im Olympiastadion gegenüber und als Berichterstatter erlebte ich den 2:0-Sieg der Hanseaten, erzwungen durch einen Foulelfmeter von Georg Volkert und ein spätes Tor von Felix Magath; verantwortlich für den Erfolg war Trainer „Kuno“ Klötzer. Es war also keine der üblichen Städtreisen oder touristische Neugier, die mich nach Amsterdam geführt hatte, sondern profane Arbeit.
Schon aus Zeitgründen konnte es nicht um den Besuch touristischer Attraktionen gehen, schon gar nicht um Kulturstätten wie dem Anne-Frank-Haus oder den Van-Gogh-, Rijks- und Stedelijk-Museen, in denen alte Meister und moderne Kunst ausgestellt sind. In der kurzen Zeit war nur ein oberflächlicher Stadtbummel möglich, ein Imbiss in einem überfüllten Bistro voller stimmgewaltiger HSV-Fans, Verzehr holländischer Käsespezialitäten, eine Portion starken Kaffees mit Poffertjes, den schmackhaften kleine Pfannkuchen, und nach dem Hinaustreten auf die Straße der staunende Blick auf die Grachten, Schiffe, Boote, Brücken und Häuserzeilen.

Die Grachten in Amsterdam sind, gerade für Kurzbesucher, eine faszinierender Blickfang, genau wie die vielen Blumen. Ich sehe an diesem Nachmittag noch Tulpen an Ecken und Plätzen, obwohl die Blüzezeit an diesem 11. Mai schon vorbei ist. Die meisten lassen ihre Köpfe hängen, welken langsam dahin, es sind gleichwohl immer noch zusätzliche Farbtupfer in der bunten Stadt, übertrumpft allerdings von den Grachten selbst. Diese kleineren und größeren Wasserstraßen prägen in unvergleichlicher Weise die Amsterdamer Innenstadt. Seit Jahrhunderten bilden sie – über 80 Kilometer lang – mit den umliegenden Straßen und über 1000 Brücken den Grachtengürtel, der von malerischen Giebelhäusern umgeben ist. Venedig lässt grüßen…
Was ist eine Gracht? Ich höre die schlichte Erklärung im Vorbeigehen von einen deutschsprachigen Stadtführer, der es einer Touristengruppe aus Hamburg lautstark vermitelt. Nichts anderes als ein Kanal oder Wassergraben. Solche Kanäle seien überall in den Niederlanden zu finden, würden jedoch mit keiner anderen Stadt so verbunden wie mit Amsterdam. Prinsen-, Keizers-, Heren- und Singelgracht sind die wichtigsten und größten neben einer Vielzahl kleinerer Kanäle. Einst wurden auf den Grachten Handelsgüter befördert. Nun aber sind die Boote gefüllt mit Besuchern, die sich an der Schönheit der Stadt erfreuen, genau wie ich. Ich spaziere an einigen Grachten entlang, blicke auf bunte Stadt- und Giebelhäuser, auf Prachtbauten und Lagerstätten. Und sauge den Charme der Stadt in mich auf.

Hoch oben, in einer der letzten Reihen mit miserablem Blick auf das Spielfeld, habe ich 30 Minuten vor Anpfiff um 20.15 Uhr meinen Reporter-Platz eingenommen, nachdem ich mit einen Taxi-Boot von den Grachten über den Amstel-Kanal ins Olympia-Stadion geschippert wurde. Ich warte auf den Anpfiff und lasse die vergangenen Stunden Revue passieren, denke an die kleinen Erlebnisse im Herzen der großen Stadt, in der es menschelt, aber auch lärmend zugeht, wo eine Vielfältigkeit ohnegleichen herrscht. Schillernde, strahlende Farben, aber gewiss auch eine dunkle Welt wie überall auf der Welt, was auch auf das Rotlichtviertel zutrifft. Gleichwohl fühlte ich mich wohl und gut aufgehoben und denke an ein baldiges Wiederkommen. Denn dieser Tag im Mai 1977 ist nur eine Momentaufnahme und die Zeit zu knapp, um Amsterdam zu verstehen.
PINNWAND: 33 Jahre nach meinem ersten Besuch in Amsterdam erklärte die UNESCO 2010 den inneren Grachtenring zum Weltkulturerbe und stellte ihn unter ihren Schutz.
