Mit meinem bulgarischen Bekannten Petar T. bin ich in einem uralten Lada in Bulgarien unterwegs. Wie sind auf dem Weg von der Hauptstadt Sofia ans Schwarze Meer. Es ist Ende Mai, die Sonne steht hoch und strahlt vom blauen Himmel. Mittagszeit in Karlovo, einem kleinen Städtchen im weltberühmten Rosental. Wir legen eine Rast ein. Ich wundere mich, dass auf den Feldern keine Erntehelfer oder -helferinnen zu sehen sind. Petar, der versonnen über die Landschaft schaut, klärt mich schmunzelnd auf: „Kein Wunder, das niemand zu sehen ist. Die Rosen müssen sehr früh morgens, noch vor dem Sonnenaufgang und einzeln mit der Hand gepflückt werden, weil der Ölgehalt dann am höchsten ist. Das erfordert nicht nur Geschick und Ausdauer, sondern ist harte Knochenarbeit.“
Im Herzen des Landes und südlich des Balkangebirges erstreckt sich auf einer Länge von rund 130 Kilometern dieses Rosental, das durch seine Einbettung zwischen Balkangebirge im Norden und der Sredna-Gora-Kette im Süden meist von starken Winden verschont bleibt. Das schafft klimatisch hervorragende Bedingungen für die rosafarbenen Damaszener Blüten, die ursprünglich aus dem Nahen Osten stammen, aber seit 1710 zwischen Sopol, Karlovo, Kalofer und Kazanlak entlang der Staatsstraße 6 angebaut werden.

Im Mai und Juni blühen die Blumen auf den Rosenfeldern, ein Genuss für Nasen und Augen der vorbeifahrenden oder anhaltenden Besucher (auch für uns) – und eine wichtige Deviseneinnahme für den bulgarischen Staat. Während andere Rosen oft nur im Hinblick auf ihr schönes Aussehen gezüchtet werden, steht bei der „Damaszener“ der Charakter im Vordergrund. Das sind Natürlichkeit, Duft und Tiefe. Ähnlich wie bei einem guten Wein, was sogleich auch romantische Gefühle aufkommen lässt; ich erinnere Petar an einen alten Freddy-Breck-Schlager aus den Siebziger Jahren, in dem Rosen und die Liebe besungen wurde und dessen schmalziger Text von Bulgarien-Liebhabern teilweise abgewandelt wurde in: „Schön ist es im Rosenland, schön ist es am Goldenen Strand.“
Petar brummt jedoch ungehalten: „Mit Romantik und Spaß, wie es oft auf von der Tourismus-Branche verbreiteten Folklore-Fotos zu sehen ist, hat das nichts zu tun. Und die Pflückerinnen und Pflücker unterbezahlt.“ Er räumt aber ein, dass es nach der Erntesaison in Kazanlak ein großes Rosenfestival gibt, das internationalen Ruf geniesst und von vielen ausländischen Gästen besucht wird. „Dort sind die traditionellen Volkstrachten und das Feiern angebracht. Ich hab’ nichts dagegen!“
Noch neugieriger geworden, frage ich, warum es so wichtig ist, frühmorgens zu pflücken? „Nur wenn der Morgentau noch auf den Blättern hängt, ist beim Destillieren ein optimales Ergebnis zu erzielen.“ Und ich mag es kaum glauben, was Petar an Information nachschiebt. „Um ein Liter Rosenöl zu gewinnen, sind je nach Jahreszeit drei bis fünf Tonnen Blätter notwendig.“ Umgerechnet entspricht das 10.000 bis 30.000 handgepflückter Rosen. Unter diesen Voraussetzungen ist der Literpreis zwischen 83 und 85 Euro sogar relativ günstig.

Was für ein Aufwand und wie gering der Ertrag, zumal die Blätter nur einmal im Jahr geerntet werden können – was freilich ausreicht, um 70 Prozent der Weltproduktion zu decken. Bulgariens Exportartikel Nummer 1 stammt aus dem Rosenland.
