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Frankfurt

Wo Goethe einst geruht haben
soll (oder auch nicht)

Saß Goethe wirklich auf einem der zwei Hügel, die in Frankfurt als Goetheruh bekannt sind? Eine ungeklärte Frage. Der nahe Goetheturm (iStock) ist aber Wirklichkeit.

Oft bin ich mit Freunden aus Alt-Sachsenhausen über den Wendelsweg und schmale Pfade durch Kleingärten und Obstfelder zur Goetheruh aufgebrochen, nicht ohne die unmoralische Absicht, dem grimmigen und furchteinflößenden Feldschützen ein Schnippchen zu schlagen und  verbotenerweise Äpfel, Birnen oder anderes wohlfeil schmeckendes Obst zu stibitzen (Sorry liebe Gärtner, Mundraub!). 

Denn von der Goetheruh bot sich ein einzigartiger Blick auf Frankfurt (und bei gutem Wetter auf die Taunusberge). Das beeindruckte uns immer wieder. Warum sollte nicht auch der ehrenwerte Herr Goethe diese Aussicht gesucht haben? Die Skyline gab es zwar weder zu seiner Zeit noch in meinen Jugendjahren, aber die die Ruhe und Stille – nicht unterbrochen von lärmenden Automobilen oder startenden und landenden Flugzeugen –, das leise Summen der Bienen und anderer Insekten ließ uns Kraft tanken, auch wenn uns das damals als Heranwachsende gar nicht bewusst war.

Goetheruh-Nahaufnahme auf die Frankfurter Skyline. (© Oliver Stör)

Diese Goetheruh, bestehend aus zwei winzigen Aussichtshügeln, war nicht gerade ansehnlich, aber beruhigend. Zu jener fernen Zeit von Unkraut überwuchert, bestückt mit morschen Bänken und nicht gerade gepflegt, kaum erwähnenswert. Mit Freunden ließ ich nach aufregenden Tollheiten gleichwohl die Seele baumeln. Ob Johann Wolfgang ebenfalls hier ausruhte und dichterische Kräfte sammelte, ist historisch nicht belegt und beweisbar, aber nicht unwahrscheinlich: denn wenn es ihn in seinen Weimarer Jahren in seine Heimstadt zog, besuchte er sowohl das Willemer-Häuschen im Hühnerweg als auch die Gerbermühle am Main, in beiden Unterkünften heftig flirtend mit Frau Willemer. Warum also sollte er nicht ein paar hundert Meter weiter (vielleicht mit der jungen Marianne) zum Wald am Sachsenhäuser Landwehrweg spaziert sein?

Kleines Modell und realer Turm 2026. (© Oliver Stör)

Dort, am Rande des Frankfurter Stadtwaldes, wo es damals zwischen dicken Bäumen nur die zwei Hügelchen gab, haben heutzutage Spaziergänger und Erholungsuchende einen einzigartigen Blick auf die Skyline der Mainmetropole. In unmittelbarer Nähe steht seit 1931 der Goetheturm, ein außergewöhnlich beeindruckendes Bauwerk, gestiftet vom Frankfurter Unternehmer Gustav Gerst (Kaufhäuser H&C Tietz). Gerst, Ehrenbürger der Frankfurter Universität, wollte seine Spende von 28.000 Reichsmark nicht publik machen, doch Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb ließ 1949 nach Vertreibung, Flucht und Tod des jüdischen Kaufmanns mit einer Gedenktafel am Goetheturm an die Schenkung erinnern. 

Im Jahr 2017 und 86 Jahre nach seinem Bau machte der Turm negative Schlagzeilen, als er in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 2017 Opfer eines nie gefassten Brandstifters wurde. Schnell wurde von den städtischen Gremien der Beschluss gefasst, den Goetheturm wieder aufzubauen. Die Kosten von zirka 2,6 Millionen Euro übernahmen die Versicherung (etwa: 2,3 Mio) und die  Stadt Frankfurt. Spenden kamen auch aus der Bürgerschaft und von Unternehmen. Bereits im Winter 2020/21 wurde der Turm eröffnet, es gibt einen Restaurationsbetrieb, einen Waldspielpark und ein alljährliches Goetheturmfest, ganz egal, ob Herr Goethe nebenan einst ausruhte (oder auch nicht).

Bieranstich beim Goetheturmfest 2026. (© Oliver Stör)