Höhere Mathematik war noch nie mein Ding. Sie blieb mir fremd und rätselhaft. Das wurde mir schmerzhaft bewusst, als ich vor einigen Jahren die Aufzeichnungen eines gewissen Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski sah, voller merkwürdiger Zeichen, angereichert mit Zeichnungen, Symbolen und Randnotizen. Vollgekritzelte Papiere. Was hatte es damit auf sich?
Als Enthusiast der Raumfahrt hatte ich den Namen Ziolkowski in Publikationen öfter gelesen, aber lange nicht richtig einordnen können. Die Helden des Weltalls waren anderswo zu orten. Juri Gagarin als Erster auf einer Erdumlaufbahn, Alexej Leonow der erste Mensch, der in den freien Weltraum ausstieg, Valentina Tereschkowa, die erste Frau im All, allesamt sowjet-russischer Herkunft und schließlich: Neil Armstrong, der amerikanische Mann im Mond, tiefe Fußspuren hinterlassend. Dazu
Konstrukteure, Ingenieure, Techniker, Militärs, einfache Arbeiter in den Montagehallen und an den Rampen. Doch sie alle wären nicht zu Ruhm und Ehren gekommen ohne diesen Mathematik- und Physiklehrer aus Kaluga, einer Stadt knapp 200 Kilometer südlich von Moskau.
Seiner Zeit weit voraus
Der schmale Mann mit Nickelbrille war einer der ersten, die sich mit theoretischen Fragen der Raumfahrt befassten. Heute gilt er als „geistiger Vater (nicht nur) der russischen Raumfahrt“. Lange verkannt und sogar als Phantast abgetan, war Ziolkowski (1857-1935) seiner Zeit weit voraus war. Er veröffentlichte 1903 die noch heute gültige Grundgleichung zur Bestimmung der Geschwindigkeit von Raketen und formulierte Pläne von Satelliten und Weltraumstationen, genaue Details erspare ich mir hier und verweise aufs Internet.
Der Forscher erlebte die Realisierung seiner theoretischen Ansätze allerdings nicht mehr. In den Fünfziger Jahren wurden in der UdSSR seine Pläne jedoch unter maßgeblicher Leitung des legendären sowjetischen Chefkonstrukteurs Sergej Pawlowitsch Koroljow, der als junger Student Ziolkowski noch zu dessen Lebzeiten in Kaluga aufgesucht hatte, Stück für Stück realisiert.
Späte Würdigung
Eine späte Würdigung des Raumfahrt-Theoretikers folgte 2015. Neunzig Jahre nach seinem Tod wurde das kleine Städtchen Uglegorsk am Kosmodrom Wostotschny im Fernen Osten in Ziolkowski umbenannt. Warum gerade Uglegork? Die kleine Stadt ist organisatorisches Zentrum des Kosmodroms Wostotschny, dem modernen russischen Tor zum Weltraum, das das in die Jahre gekommene Baikonur (Kasachstan) ergänzen soll.
Wostotschny ist 2026 zehn Jahre in Betrieb, gleichwohl neu und in den Kinderschuhen steckend. Sojus-Raketen starten bisher noch selten, aber regelmässig, eine Angara-Plattform hat nach einem Probestart mit einer schweren Rakete ihre offizielle Zulassung erhalten. Einer Meldung der Nachrichtenagentur TASS entnehme ich dieser Tage, dass ein privater Investor 2026 eine Vorrichtung für den Flug der superleichten Rakete „Start-1M”, beruhend auf der Interkontinental-Rakete Topol, errichtet, von der 2027 erste kommerzielle Flüge erfolgen sollen. Der Alltag der Raumfahrt in Wostotschny, das auf deutsch etwa „Östlicher Weltraumbahnhof“ heisst – die Tageszeitung im nahe gelegenen Blagoweschtschensk bezeichnet Wostotschny sogar schlicht als „Baikonur Ost” – , hat also begonnen.

Und die Stadt „Ziolkowski” wächst ebenso rasant wie das nahe Kosmodrom. In zwei Kilometer Entfernung von den Startkomplexen befindet sich das Technische Zentrum mit der Halle für die Endmontage der Raketen. Fertiggestellt wurden Fabriken zur Sauerstoff- und Stickstoffproduktion-, ein Heizkraftwerk, Messpunkte für Telemetrie-Daten, eine Filiale des „Kosmonauten-Trainingszentrum Juri Gagarin“ sowie diverse anderen Betriebe. Der Flughafen ist fertiggestellt, ein Bahnhof sowie Wohnhäuser, Geschäfte, Bildungs- und Kulturstätten für demnächst 40.000 Einwohner runden das Bild ab.
Und über allem schwebt der Geist des genialen Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski aus Kaluga, der posthum hier eine neue Heimat gefunden hat.
PINNWAND: Neben Ziolkowski (1857–1935) zählen die Deutschen Hermann Oberth (1894–1989) und Walter Hohmann (1880–1945) sowie der US-Amerikaner Robert Goddard (1882–1945) zu den bekanntesten Theoretikern der Raumfahrt-Geschichte. Goddard war auch Praktiker und startete 1926 die weltweit erste erfolgreiche Flüssigkeitsrakete.
