Lange bevor eine gewisse Rosamunde Pilcher (1924-2019) mit ihren Büchern und den vom ZDF verfilmten Liebesromanzen die englische Grafschaft Cornwall ins kollektive Gedächtnis ihrer Millionen Fans einpflanzte, spielte die Küstenlandschaft in Literatur und Film eine bemerkenswerte Rolle. Ein Film, den ich Ende der Vierziger Jahre in einem Frankfurter Vorort-Kino sah, konterkariert die liebliche, pastellfarbene Landschaftsmalerei der Autorin Pilcher mit brutalen Schwarz-Weiß-Bildern, in einer Zeit produziert, als die junge Frau Pilcher noch nicht begonnen hatte, ihre romantischen Herzschmerz-Geschichten niederzuschreiben.
Der düstere Hitchcock-Film, der 1939 unter den Titeln Riff-Piraten, Jamaica Inn oder Die Taverne von Jamaika erschien, spielt im frühen 19. Jahrhundert an der Küste von Cornwall und beruht auf einem Roman der Schriftstellerin Daphne du Maurier (1907-1989). Erzählt wird die Geschichte der junge Waise Mary (Maureen O’Hara), die nach dem Tod ihrer Mutter zu ihrer Tante und deren Ehemann Joss (Leslie Banks) in das einsame Gasthaus im Moor ziehen muss, wo sie in die Machenschaften von brutalen Strandpiraten gerät.
Die Banditen schrecken nicht davor zurück, bei Sturmfluten und schweren Unwettern die Signalfeuer der Leuchttürme zu verdunkeln, um Havarien auszulösen und die gestrandeten Wracks auszuplündern, wobei Überlebende ohne Skrupel ermordet werden. Im Kinosessel steigert sich der Schauder von Minute zu Minute, wenn auf der Leinwand Schiffe in der Dunkelheit an die Felsen krachen, Wellen sich an der Küste brechen und die Räuber ihre Beute in die Schmuggler-Spelunke von Joss schleppen.

Gedeckt werden die Verbrechen vom korrupten Friedensrichter und heimlichen Drahtzieher der Raubzüge Sir Humphrey Pengallan (Charles Laughton), der am Schluss sich in ausweglos gewordener Lage selbst richtet. In dem Buch „Alfred Hitchcock“ von Paul Duncan zeigt sich der Schriftsteller James Ursini von der ambivalenten Figur des diabolischen Pengallan irritiert, weil er unbarmherzig agiert, aber gegenüber den Menschen, die auf seinem Land leben, eine gewisse Güte zeigt, etwa als er für das Haus einer alternden Witwe ein neues Dach bestellt oder eine echte Zuneigung zu Mary entwickelt und dafür sorgt, dass seine Männer ihr keinen Schaden zufügen.
Die mutige Waise Mary
Die unerschrockene Mary kämpft indessen mutig gegen die Gangster, und findet Unterstützung beim Piraten James Trehearne (Robert Newton), der in Wirklichkeit als Regierungsagent in die Bande eingeschleust worden ist. Sie rettet ihm das Leben und warnt eine Schiffsbesatzung mit einem Feuer vor den dunklen Klippen. Aus Mary und Trehearne ist ein Liebespaar geworden und das erinnert dann an die Märchen von Rosamunde Pilcher.
Wer heute Pilcher-Romane goutiert oder Verfilmungen ihrer Erzählungen anschaut, sollte sich bewusst machen, dass in ihren Romanen oder Kurzgeschichten ebensowenig ein realistisches Bild von Cornwall gezeichnet wird wie in Jamaica Inn von Daphne du Maurier. Auch deren Geschichte um ein – allerdings real existierendes – Schmugglernest nahe des Weilers Bolventor direkt an der Straße A30, ist eine dramatisch überhöhte Räuberpistole.

Das Gasthaus „Jamaica Inn”, bestehend aus mehreren Gebäuden, ist (Stand: Herbst 2026) immer noch in Betrieb. Erbaut im Jahr 1776/1777 als Kutschenstation zum Pferdewechseln, wird es als Hotel, Pub und Restaurant genutzt und beherbergt ein Schmugglermuseum sowie einen kleinen Hofladen.
