In der weltoffenen Stadt Sitges an der Costa del Garraf

Unweit von Barcelona liegt die kleine Stadt Sitges, eine Kommune, die sich durch Weltoffenheit auszeichnet – und interessante „Events” für Besucher und Einheimische bietet.

Die Sonne glüht noch nicht, blinzelt aber strahlend zwischen einigen  dünnen Wolken vom blauen Himmel. Ich sitze am Strand und beobachte das pulsierende Leben, blicke hinaus auf das sich träge kräuselnde Wasser des Mittelmeeres und lasse den goldenen Sand durch die Finger rieseln. Auf den steinernen Stegen räkeln sich Katzen schläfrig in der Wärme. Ich blicke mich um und sehe links die hoch aufragende Kirche des Heiligen Bartholomäus und der heiligen Thekla. Wellen schwappen gegen die nahe Felswand und erzeugen beim Zurückschlagen aufschäumende Gischt. Ein Erlebnis, dass ich nur geniessen kann, weil in Barcelona keine Unterkünfte mehr zu haben waren. So ist unsere kleine Reisegruppe für zwei Tage in diesem kleinen Städtchen untergekommen, das an der Costa del Garraf liegt, die in deutschen Reiseprospekten oft noch als Costa Dorado aufgeführt wird.

Mächtige Kirche direkt am Ufer. (Foto: Clipdealer)

Ich bin in Sitges und ich weiß nicht viel über Sitges. Den Namen kenne ich nur vom Hörensagen, gelegentlich habe ich in kurzen Meldungen darüber gelesen. Der Weg führt mich also ins Tourismusbüro, wo ich mich mit einigen Fakten vertraut machen möchte. Dort werde ich durch Fragen und Blättern in Werbeprospekten etwas schlauer und mir wird klar, dass sich der unfreiwillige Wechsel des Nachtquartiers gelohnt hat, denn Sitges, das zwischen der katalanischen Metropole und Tarragona liegt, entpuppt sich bei näherem Hinschauen nicht nur als eine Stadt, die sommers von Badegästen überquillt, sondern auch als eine Gemeinde, die von Liberalität geprägt ist.

Dieses Sitges, knapp 30 000 Einwohner – viele davon arbeiten in Barcelona, oder sind in den örtlichen Betrieben oder Landwirtschaft tätig, – ist nicht nur eine Künstlerstadt, in der schon der Dichter Lorca und der Maler Dali sich aufhielten, sondern wurde nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 auch zu einem der interessanten Ziele für Menschen, die sich nicht gerne in ein enges Meinungskorsett einschnüren lassen. 

Lebenslust bei der Pride-Parade in Sitges. (Foto: Clipdealer)

Neben Kunstschaffenden aller Art wurde Sitges bald auch ein Treffpunkt für Homosexuelle. Seit vielen Jahren gibt es eine aktive Schwulen-Szene mit vielen Clubs und Lokalitäten, wobei die Entwicklung zu Weltoffenheit und Toleranz keineswegs reibungslos verlief. Sandro Z., ein Mann, der hier jahrelang eine Andenkenladen betrieb, erzählt mir von erheblichen Widerständen. Wie könnte es auch anders sein in einem katholisch geprägten Land? Doch nach schmerzhaften Debatten entwickelte sich bei den Einheimischen eine tolerantere Haltung. Für die Stadt war das nicht von Nachteil, bescherten die schwulen Besucher der Stadt immerhin dauerhaft eine sichere Einnahmequelle. Gleichzeitig prägen zahlreiche Veranstaltungen das Gesicht der Gemeinde: Ein schwul-lesbischen Karnevalsumzug, eine Oldtimer-Rallye und eine prunkvolle Fiesta im August sind über die Region hinaus bekannt. 

Sinnbild des fantastischen Films. (Foto: Clipdealer)

Ein halb abgerissenes und verwittertes Plakat lädt zu einem der wichtigsten Ereignisse Spaniens ein. Es handelt sich um das des „Internacional Fantastic Filmfestival Sitges de Catalunya”, bedeutendste internationale Veranstaltung des fantastischen Films. ZehnTage lang werden künstlerisch wertvolle Fantasy-Streifen gezeigt, aber auch harte Schocker und Horrorfilme flimmern über die Leinwände. Die US-Stars Susan Sarandon und Jodie Foster waren schon vor Ort und zählten zu den Preisträgerinnen. Nach Abschluss verkleiden sich viele der Filmemacher als Zombies und erschrecken die Zuschauer bei einem Umzug in den Straßen der Stadt. Halloween lässt grüßen.

In einem der vielen Restaurants, nicht gerade preisgünstig in vielen Fällen, lässt sich gut speisen. Tintenfisch-Gerichte sind fast obligatorisch, was allerdings nicht jedem schmecken dürfte (auch mir nicht). Aber genießen lässt sich die Beilage, ein Salat namens xato, der mit Endiviechen, Sardellen, Kabeljau und Oliven sowie einer Mandel-Haselnuss-Marinade zubereitet wird. Und der Wein zerfliesst auf der Zunge.

Der Blick fällt durch das große Fenster hinaus auf die Uferpromenade, die Villen und Häuser von den Stränden trennt. Die Palmen stehen wie Wächter am Straßenrand, ihre Blätter biegen sich im leichten Wind des Abends, der Strand hat sich schon geleert und in der Altstadt beginnt lebhaftes Treiben…