Manchmal sind es kurze Nachrichten, die an längst vergessene Ereignisse erinnern. Als ich kürzlich die Meldung las, die EU habe beschlossen, die in Mitteleuropa übliche Eisenbahn-Spurbreite von 1435 Millimeter für alle Mitgliedsstaaten verbindlich vorzuschreiben, um die wirtschaftliche Effektivität zu erhöhen und kostenintensives Umspuren von einer auf die andere Schienenbreite zu vermeiden, dachte ich daran, einen solchen Spurwechsel einst selbst erlebt zu haben, wenn auch nicht direkt in der Montagehalle. Schauplatz war der Zentralbahnhof in Brest, der Grenzstadt zwischen Polen und Belarus, damals noch der Sowjetunion zugehörig. Auf einer Gruppenreise („Friedenszug“) von Frankfurt am Main nach Moskau 1961 musste der Zug von der mitteleuropäischen Norm auf die in Russland übliche Breite von 1520 Millimeter umgehoben werden.
Unumwunden räume ich ein, bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst zu haben, dass es unterschiedliche Spurbreiten gibt. Die technische Möglichkeit, ganze Züge innerhalb kurzer Zeit umzurüsten und sie dann weiterfahren zu lassen, war mir unbekannt. Gerade deshalb hätte es mich interessiert, den Vorgang zu beobachten, doch war die Arbeitshalle etwas zu weit entfernt vom Bahnhof und der Zutritt für Betriebsfremde aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, wie mir vom Reiseleiter glaubhaft versichert wurde. Ein irritierendes Gefühl blieb bei der Erkenntnis, dass Eisenbahnzüge offensichtlich bei weitem nicht so stablil waren wie ich gedacht hatte, eher fragile Gebilde, denen man auf die Schnelle einfach andere Fahrwerke „unterjubeln“ konnte.

Kurz vor der Einreise in die UdSSR wurden wir informiert, der Aufenthalt in Brest werde etwa zwei Stunden dauern. Nach der Passkontrolle müssten die Abteile wegen der technischen Umrüstung verlassen werden. Koffer könnten im Zug verbleiben, kleines Handgepäck (auch Pässe und Geldbörsen) seien mitzunehmen. Die Wartezeit könne im Bahnhofsgebäude oder den umliegenden Straßen verbracht werden. (Aber: „Entfernen sie sich nicht zu weit, um die Weiterfahrt nicht zu verpassen.“)
Es war Nacht, der geräumige Vorplatz gut beleuchtet, einige Taxis warteten auf Fahrgäste, an einer Haltestelle standen zwei Busse, die Umgebung wirkte nicht gerade einladend, viele Gleisanlagen, die umliegenden Straßen menschenleer, weil keine Wohngegend, in der geräumigen Bahnhofshalle herrschte indessen lebhaftes Treiben, zahlreiche Bänke boten Sitzgelegenheiten – kein Wunder bei ständigen Umrüstarbeiren –, alleine unserem Zug waren über 300 Personen entstiegen. Zeitschriftenständer waren gefüllt mit „Pradwa“, Iswestija“ und anderen Blättern; es gab Speis’ und Trank – es liest sich klischeehaft: Soljanka, Borschtsch-Suppe in einem Restaurant und bierähnliches Kwas an Kiosken (zuvor D-Mark in Rubel tauschen), aber sonst nichts Außergewöhnliches: Ein Bahnhof wie so viele andere in der Welt.

Aber es war ein anderes, uns unbekanntes Land, ein Land hinter dem Eisernen Vorhang. Wir versuchten die kyrillischen Buchstaben über den Geschäften zu deuten und die Überschriften der Zeitungen zu entziffern. Während wir mangels russischer Sprachkenntnisse nur geringe Erfolge verbuchten, wurde der Zug in die Montagehalle gefahren, getrennt, die Fahrgestelle gelöst und die Waggons durch hydraulische Hebeböcke angehoben; die Fahrwerke mit Hilfe eines Seilzuges heraus-, die Breitspur-Untersätze vom anderen Ende hereingezogen und unter den Waggons positioniert. Diese setzen auf die neuen Untersätze auf. Der Räder- und Achsenwechel eine Routinesache, tausenfach erprobt und tagtäglich durchgeführt. Anschliessend wurden die Waggons zusammengekoppelt und als kompletter Zug zur Abfahrt am Bahnsteig bereitgestellt. Und die Fahrt ging weiter…
Einheitliches Schienennetz
Heutzutage dürfen die Reisenden (meist) in den Waggons bleiben. Inzwischen gibt es moderne Züge, die automatisch der andere Spurweite angepasst werden, indem die Räder verschoben werden, was die Fahrgäste kaum bemerken. All das soll entfallen, indem das europäische Schienennetz vereinheitlicht wird. Einigen Staaten stehen harte finanzielle Aufwendungen bevor, auch wenn die EU Hilfestellung leistet.
Innerhalb der Europäischen Union müssen Irland, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Portugal und Spanien in den nächsten Jahren von ihren bisher genutzten Spurbreiten auf 1435 Millimeter wechseln, was enorme Kosten verursachen wird. Auch die Ukraine plant eine entsprechende Änderung für ihr gesamtes Schienennetz, Russland wird bei der Breitspur bleiben. Die Hochgeschwindigkeitszüge werden durch Europa rasen und die Erinnerung an die Umrüstung eines Zuges mehr und mehr verblassen…
