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Reisepanorama

Schwarzbraunes „Kulturgut“ aus Wiener Kaffeehäusern

Wenn der Name Wien fällt, erinnere ich mich an Burgtheater, Hofburg, Schloss Schönbrunn, Stephansdom, Karlskirche – Kultur pur, aber auch banalere Namen wie Naschmarkt, Prater, Riesenrad oder sogar der Zentralfriedhof kommen mir in den Sinn. Und beim Kulinarischen das legendäre Schnitzel vorneweg, die Sachertorte, Kaiserschmarrn, die Würstchen und natürlich, wer hätte es nicht geahnt: die vielen Arten des Kaffees. 

Die Wiener Kaffeehaus-Tradition ist unvergleichlich. Die Angebote können Fremde verwirren, für Einheimische ist das Alltag. Als ich das erste Mal am Westbahnhof angekommen war, im nahen Hotel eingecheckt hatte, und nach kurzer Erholung über die geschäftige Mariahilfer Straße in Richtung Innenstadt schlenderte, machte ich erste Erfahrungen mit der Vielfalt der Kaffee-Spezialitäten. 

Eines der unzähligen Wiener Kaffeehäuser verführte mich zum Verweilen. Auf einer bequemen, rot bezogenen Lederbank studierte ich die Getränkekarte – und hatte die Qual der Wahl zwischen zahlreichen Angeboten – für mich fast skurril. Der Kellner gab sich redlich Mühe, mir die Unterschiede zu erklären. 

Kleine Kaffeekunde

Als erstes lernte ich: Der Kleine Schwarze (Mokka ohne Zucker und Milch) ähnelt dem Espresso und wird – falls mit Wasser gestreckt –  als Verlängerter serviert. Ich hakte nach. Der Große Schwarze?: „Das ist nichts anderes als ein doppelter Kleiner“ sagte er und ergänzte mit einem Schmunzeln: „Ein Mokka, der mit Schlagsahne verfeinert wird, wird Kleiner Brauner genannt und kann auch zum Verlängerten werden.“ Aha! 

Und der Große Braune?: „Das ist das größere Pendant zum Kleinen„. Lächelnd und geduldig fügte er hinzu: „Der Franziskaner besteht aus einem verlängerten Mokka mit warmer Milch und Schlagsahne. Die Melange ist dem Franziskaner ähnlich, wird aber mit Milchschaum serviert uns ist mit dem italienischen Cappuccino vergleichbar.“

In einem traditionsreichen Wiener Kaffeehaus. (Bild: Mojmir-Fotografie, Shutterstock.com)

Ausserdem erfuhr ich in der kleinen Lehrstunde: Ein Kaffee mit Schuss wird als Fiaker bezeichnet. Es ist ein großer Mokka, angereichert mit viel Zucker und Sliwowitz. Der Alkohol sollte einst die Kutscher erwärmen, genau wie der Einspänner (Mokka mit einer Haube Schlagsahne und Puderzucker), dessen Namen sich auf einspännige Pferdefuhrwerke bezieht und der aus einem Glas mit Henkel getrunken wird, um mit der anderen das Zaumzeug zu halten.

Beim Verkehrten spielt die Milch die Hauptrolle und macht den Kaffee zu einem Latte Macchiatto. Der Zarenkaffee ist ein einfacher, starker Espresso, dem eine Haube aus gezuckertem und verquirltem Eigelb aufgesetzt wird; der Kapuziner ein kleiner Mokka, der nur mit ein paar Tropfen Schlagsahne verfeinert wird und damit einer Kapuzinerkutte ähnlich sieht. Das Kleine Schalerl Gold besteht aus einem Mokka, angereichert mit heißer Milch und einer sanften Milchschaumhaube. Selbstverständlich, dass in den verschiedenen Cafés noch die eine oder andere Spezialität im Angebot ist: Es sind Kreationen nach Art des jeweiligen Hauses.

Künstlerisch geprägtes Kaffeehaus mit Kneipencharakter. (Foto: Imago Images/viennaslide)

Nach mehreren Besuchen der österreichischen Hauptstadt weiß ich das alles, obwohl ich immer überlegen muss, welches Heissgetränk ich wähle. Gut gewählt hat indessen auch die britische Wirtschaftszeitung „The Economist“, als sie 2023 Wien in einer Rangliste der zehn lebenswertesten Städte der Welt erneut an die Spitze setzte. Die österreichische Hauptstadt punktete mit ihrem Kulturangebot, Infrastruktur und hoher Sicherheit. Und das Kaffeeangebot spielte auch eine Rolle, obwohl auch Wien längst von internationalen Kaffee-Ketten heimgesucht wird. Unabhängig davon hatte Wien schon 2018, 2019 und 2022 auf dem ersten Platz dies Rankings gelegen.