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Reise

Russischer Expresszug von Moskau nach Paris (und zurück)

Einmal in der Woche verbindet ein Zug der Russischen Staatsbahn die Hauptstädte Moskau und Paris. Der Express macht mitten in der Nacht auch Station am Südbahnhof in Frankfurt.

Mitten durch Europa fährt ein internationaler Eisenbahnzug, der im Frankfurter Südbahnhof einen zweiminütigen Halt einlegt. Es ist an einem Mittwoch, knapp zwei Stunden nach Mitternacht. Der Express der Russischen Staatsbahn kommt aus Moskau, fährt nur einmal in der Woche und sein Ziel ist die französische Hauptstadt Paris. Der Zug hält nicht am Hauptbahnhof in Frankfurt, sondern am eher für die Stadt unbedeutenden Südbahnhof, was darauf schließen lässt, dass es auch um Zeitersparnis geht. Kaum jemand in Frankfurt weiß von diesem Zug, wahrscheinlich auch, weil er jeweils nächtens die Stadt passiert.

Der Express ist rund 39 Stunden unterwegs, verlässt Moskau jeden Dienstag am frühen Abend und kommt am Donnerstagmorgen am Pariser Ostbahnhof an. Er passiert Smolensk, Minsk, Brest, Warschau, Berlin, Frankfurt und neuerdings Saarbrücken, nachdem Karlsruhe und Straßburg aus dem Plan gestrichen wurden. 

Nachtzug im Morgengrauen. (Foto: Sergio7/shotshop.com)

Der Zug fasziniert mich aus zweierlei Gründen. Erstens haben solche Fernverbindungen schon immer einen Hauch von Abenteuer, romantischer Verklärung und lässiger Eleganz ausgestrahlt – so wie etwa der Orient-Express –, der nicht nur in der Realität existierte, sondern mit spannenden Erzählungen auch Eingang in Literatur und Film gefunden hat.

Der Nachtexpress Moskau-Paris hat außerdem noch eine Besonderheit aufzuweisen. Der Zug muss in Brest an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland auf eine andere Spur umgerüstet werden. Ein Vorgang, den ich selbst schon miterlebte, als ich noch zu Sowjetzeiten als junger Reporter mit dem so genannten „Friedenszug” von Frankfurt nach Moskau reiste.

Die andere Spur

Zugegeben, die Geschichte ist uralt, sie ist mir aber deutlich in Erinnerung geblieben. Wir Reisenden mussten in Brest den Zug verlassen, eine zweistündige Wartezeit konnte auf den Straßen Brests oder im Bahnhof verbracht werden. Es war allerdings mitten in der Nacht, die Straßen rund um den Bahnhof waren menschenleer, nur einige Busse und Taxen warteten auf Fahrgäste, aber im imposanten Bahnhofsgebäude selbst herrschte lebhaftes Treiben, dort gab es aber auch Speis und Trank.

Mich interessierte indessen der technische Vorgang des Umspurens weit mehr. Reisende war der Aufenthalt in der Umbauhalle aus Sicherheitsgründen nicht gestattet, aber mit Hilfe eines Intourist-Reiseleiters und eines Grenzbeamten wurde es mir dann doch ermöglicht, das Umspuren in der nahe gelegene Halle durch ein großes Fenster zu verfolgen. Die Waggons wurden von der mitteleuropäischen Schienenbreite (1435 Millimeter) auf die russische (1520 Millimeter) umgehoben, Fahrwerk und Achsen wurden ausgetauscht, die Wagen-Kupplungen ebenfalls gewechselt.

Die Waggons erhalten andere Fahrgestelle. (Foto: dimbar76/stock.adobe.com)

Zu beobachten war, wie die Fahrgestelle von den Wagenkästen gelöst und danach die Waggons durch hydraulische Hebeböcke angehoben wurden. Danach wurden die Fahrwerke mit Hilfe eines Seilzuges herausgezogen, die Breitspur-Untersätze vom anderen Ende hereingezogen und unter den Waggons exakt positioniert. Langsam senkten sich die Waggons, setzen auf die neuen Fahrwerke auf und dann miteinander verbunden. Der Zug wurde wieder zusammengekoppelt und war fahrbereit.

Neuzeit

Die Prozedur dauerte etwa eineinhalb Stunden, der Aufenthalt in Brest selbst etwa zwei Stunden. Als ich vor einigen Jahrzehnten die Reise machte, mussten die Passagiere den Zug noch verlassen. Wie ich durch einige Recherchen erfahren habe, können die Reisenden heutzutage in den Waggons verbleiben. Inzwischen gibt es jedoch auch moderne spanische Züge, die völlig automatisch auf die andere Spurweite angepasst werden, indem die Räder einfach auf die breitere (oder schmalere) Spurbreite verschoben werden, was den Aufenthalt in Brest entschieden verkürzt.

Und es hat einen einfachen Grund, warum in Spanien solche Züge gebaut und exportiert werden: Auch in Spanien gibt es nämlich die Breitspur. Deshalb ordert die „Russische Staatsbahn” nach und nach die modernen Züge der Neuzeit…


Leserzuschrift

Unser Leser Günter Hellberg aus Hamburg schreibt am 11. Januar 2020 ergänzend zu obigem Bericht:

 „Zwischen Moskau und der Côte d’Azur verkehrt einmal wöchentlich (Abfahrt: jeweils Donnerstag) ebenfalls ein russischer Nacht-Express. Bis Warschau benutzt der Zug die gleiche Strecke wie der Express nach Paris, biegt dann aber ab und fährt über Kattowitz, Wien, Linz, Innsbruck, Bozen, Verona, Mailand, Genua, San Remo, Bordighera, Ventimiglia, Monte Carlo bis nach Nizza. Die Reise dauert rund 50 Stunden, Ankunft ist am Freitagabend, nach ein paar Stunden geht es zurück nach Moskau.“