Rotmilan und „Riesenvogel“ unter wolkenlosem Himmel

Ein Blick zum wolkenlosen Himmelsdach zeigt unterschiedliche „Vogelwelten”: Natur pur auf der einen und moderne Technik auf der anderen Seite, eingefangen im Hessischen Ried nahe des Frankfurter Flughafens.

Weil es den Menschen von Natur aus nicht in die Wiege gelegt ist, sich wie Vögel in die Lüfte zu erheben, kam schon früh die Idee auf, ihre Fortbewegungsart zu kopieren und sich mittels technischer Apparate in der Luft fortzubewegen. Das umtriebige italienische Universalgenie Leonardo da Vinci zeichnete im 15. Jahrhundert erste Fluggeräte, darunter einen Hubschrauber; Albrecht Ludwig Berblinger („Der Schneider von Ulm”) landete mit einem von ihm gebauten Flugapparat bei einer Vorführung 1811 unsanft in der Donau und Otto Lilienthal kam 1896 bei einen ähnlichen Experiment ums Leben. Die us-amerikanischen Brüder Orville und Wilbur Wright konstruierten indessen jenes Motorflugzeug, das sich 1903 bei Tests 59 Sekunden in der Luft hielt und nach 260 Metern wieder aufsetzte. Damit wurde der moderne, globale Luftverkehr eingeleitet: – vor nicht einmal 120 Jahren.

Seitdem erleben wir am Himmel fliegende Menschen in ihren tollen Kisten und darunter die als Vorbild dienenden Vögel, die aus eigener Kraft sich im pfeilschnellen Fluge oder sanft dahingleitend fortbewegen. Ein Gegensatz zwischen lebendiger Natur und schwerfälliger Technik wie er augenscheinlicher nicht sein könnte. Eindrucksvoll sichtbar auch auf Oliver Störs Foto, das in der Nähe der hessischen Gemeinde Büttelborn im Landkreis Groß-Gerau entstanden ist. Während das Objektiv des Lichtbildners auf den etwa 60 Zentimeter großen Greifvogel gerichtet ist, drängt sich ein schemenhaft-weißes und tonnenschweres Technikmonster in das Bild, übermächtig und nach Dominanz strebend. Gleichwohl bleibt der Rotmilan im Zentrum des Geschehens und ist Beherrscher der Szenerie. Die Natur siegt bildhaft über die Technik, macht sie zum Beiwerk…

Bilder, auf denen sich Natur und Technik im Widerstreit befinden, begegnen uns ständig, aber sie werden kaum noch wahrgenommen, am allerwenigsten in der Nähe eines europäischen Großflughafens. Auch wenn natürliches Leben und technische Objekte als Gegensätze alltäglich geworden und in unserem Bewusstsein verankert  sind, bleibt die Wahrheit, dass es ohne Vögel wohl keine technischen Giganten „der Lüfte” geben würde, denn sie alleine dienten Erfindern und Forschern als Vorbild für ihre Konstruktionen.