Bernhard Kellermanns utopischer Roman „Der Tunnel“

Einer von Kellermanns Romanen (1913) beschreibt den Bau eines Tunnels zwischen Nordamerika und Europa. Ein Thema, das die Menschen nach dem Untergang der Titanic bewegte. (Foto: Clipdealer)

Als ich im Dezember 2021 im Internet die Notiz las, dass die Romane des Schriftstellers Bernhard Kellermann gemeinfrei geworden sind, weil 70 Jahre nach seinem Tod (17. Oktober 1951) das Urheberrecht seiner Werke erloschen ist, wurden bei mir Erinnerungen wach an das Buch Der Tunnel. Wann hatte ich diesen Roman gelesen? Wohl Ende der Vierziger Jahre, 35 Jahre nach seinem Erscheinen und zu einer Zeit, als Flugzeuge vom  Frankfurter Flughafen regelmässig in die USA starteten, aber niemand einen Tunnel unter dem Atlantik benutzen konnte, weil nicht vorhanden. Warum auch? Kellermanns Geschichte war Utopie, keine Realität.

Als der Roman 1913 im Berliner S. Fischer-Verlag erschien, gab es weder Propeller-, noch Düsenmaschinen, die in der Lage gewesen wären, Europa und Amerika zu verbinden. Der Transport von Menschen und Gütern erfolgte ausschließlich mit Schiffen. Der tragische Untergang der Titanic am 14. April 1912, der die Welt zutiefst erschüttert hatte, befeuerte das Thema. Es wurde viel darüber geschrieben, wie die Atlantik-Passagen sicherer und schneller gemacht werden könnten. 

Der von der Reederei als unsinkbar beworbene Dampfer war nach einer Kollision mit einem Eisberg in den Fluten des Nordatlantik gesunken, was 1495 Menschen das Leben kostete. Die Titanic-Katastrophe dürfte dazu beigetragen haben, Kellermanns Buch nach Erscheinen zu unerwarteter Popularität zu verhelfen. Der Roman geriet zum ersten deutschen Bestseller, wurde in 25 Sprachen übersetzt und mehrmals verfilmt. Ein Tunnel schien vielen interessierten Zeitgenossen eine Option für die Zukunft zu sein. Hatten doch schon die Science-Fiction-Schilderungen Von der Erde zu Mond (1865) und Reise um den Mond (1870) des französischen Autors Jules Verne die Menschen in ihren Bann gezogen.

Reisen als Abenteuer

Zu bedenken ist, das Anfang es 20. Jahrhunderts Ausflüge in ein anderes Land (oder auf einen anderen Kontinent) nicht gerade beim Reisebüro um die Ecke zu buchen waren. Eine Reise blieb, egal welches „Fuhrunternehmen” benutzt wurde, ein Abenteuer. Unter diesem Aspekt weckte der Roman die Erwartung, ein Tunnel unter dem Atlantik könnte in ferner Zukunft ein real durchführbares Projekt werden. Das scheint im Rückblick aberwitzig, aber der 1993 nach sechsjähriger Bauzeit in Betrieb gegangene Eurotunnel zwischen Folkstone und Coqettes bei Calais (Kosten: 15 Milliarden Euro) zeigte 80 Jahre später, welche außergewöhnlichen Leistungen die Menschheit zu erbringen vermag.

Was aber beschreibt Bernhard Kellermann in seinem Roman? Weniger den Tunnelbau als Symbol des Fortschritts oder der Verwendung neuer Techniken – im Mittelpunkt stehen die inhumanen Hintergründe eines kapitalistischen Projekts, das in seiner Rücksichtslosigkeit Tausende von Opfern fordern wird. Kellermann skizziert eine Situation, die den arbeitenden Menschen der heutigen Zeit tagtäglich begegnet.

Große Gewinnaussichten. (Symbolfoto: Clipdealer)

Die Geschichte handelt vom fanatischen Ingenieur Mac Allan, der einen Tunnel plant, der von New York über die Bermudas, die Azoren und Nordspanien nach England führen soll. Er wird von dem Großindustriellen Lloyd mit 25 Millionen Dollar unterstützt, weitere Geldgeber schließen sich deshalb an. Alle wittern Profit. Die Investoren berauschen sich am möglichen Gewinn, noch ehe der erste Spatenstich erfolgt ist. Als aus den Planspielen Realität wird, schuften über 100.000 Menschen an verschiedenen Orten unter dem Atlantik, die Arbeit geht voran, nichts scheint den Gigantismus aufhalten zu können. 

Das Unglück

Im siebten Baujahr aber stürzt der Tunnel nach einer Explosion ein, es gibt abertausende Todesopfer, andere werden vermisst, ein Drama ohnegleichen nimmt seinen Lauf. Die Betreibergesellschaft steht vor dem Ruin. Allans Ehefrau und Tochter werden nach der Katastrophe vom aufgebrachten Mob gelyncht, der Ingenieur zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Obwohl viele Geldgeber abgesprungen sind, vollendet der aus der Haft entlassene Allan nach 26 Jahren den Tunnel. Die 24-Stunden-Eröffnungsreise mit Tempo 300 wird doch noch zum Triumph. Ein wuchtiger Roman geht zu Ende. 

Für den fantasiebegabten frühen Leser des Buches scheint die Utopie sogar real werden zu können, denn nur wenige konnten in den Jahren nach 1913 die rasante Entwicklung der Luftfahrt voraussehen, obwohl das Zeitalter der Flugzeuge in der Morgenröte heraufdämmerte. Für den Leser späterer Jahre wurde der Tunnelbau durch die technische Entwicklung schnell ad absurdum geführt.

In der DDR

Bernhard Kellermann – 1879 in Fürth geboren, am 17. Oktober 1951 in Klein-Glienicke bei Potsdam gestorben – zählte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den bekanntesten deutschen Autoren. Der Tunnel war sein größter Erfolg. In der Nazizeit fiel Kellermann in Ungnade, vor allem wegen seines Romans Der 9. November (1920). Er wurde 1933 aus der Preußischen Dichterakademie ausgeschlossen, sein Buch Der 9. November öffentlich verbrannt. Kellermann blieb jedoch in Deutschland und hielt sich mit Trivialliteratur über Wasser.

Nach dem Krieg gehörte er mit Johannes R. Becher, Anna Seghers, Christa Wolf, Arnold Zweig und anderen zu den Gründern des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands” und wurde 1949 nach Gründung der DDR Abgeordneter der Volkskammer. Wahrscheinlich ein Grund dafür, dass er in der Bundesrepublik kaum noch wahrgenommen wurde. Heute kennen ihn wohl nur noch Leserinnen und Leser des Science-Fiction-Genres.

Quellenhinweise: Bernhard Kellermann, Der Tunnel, Erstausgabe, S. Fischer-Verlag , Berlin, sowie ein Beitrag auf der Website „Christians Bücherkiste”.