Feuersbrunst erinnert an den Glöckner von Notre Dame

Notre Dame vor dem Brand. (Foto: Clipdealer)


Die traurige Nacht vom 15. zum 16. April 2019, in der in Paris die Kathedrale Notre Dame (Unsere liebe Frau) von einer vielstündigen Feuersbrunst schwer beschädigt und fast zerstört wurde, erinnerte mich an meine erste indirekte Begegnung mit dieser berühmten römisch-katholischen Kirche auf der Ostspitze der Seine-Insel Île de la Cité. Diese imponierende Kathedrale war von 1163 bis 1345, also in knapp zwei Jahrhunderten, erbaut worden und eines der frühesten gotischen Kirchengebäude Frankreichs – was ich lange nicht wusste. 

Von der Existenz dieser Kirche erfuhr ich erstmals als Jugendlicher im Jahr 1951 auf eher unübliche Art. In der Schule war Notre Dame wie andere Sehenswürdigkeiten kein Thema gewesen, auch anderweitig war kein Sterbenswörtchen über das Bauwerk an mein Ohr gedrungen. Es bedurfte des 1939 gedrehten amerikanischen RKO-Spielfilms Der Glöckner von Notre Dame, um mir die Bedeutung der Kirche näher zu bringen, wobei für mich ehrlicherweise zunächst mehr die Handlung und Dramatik des Filmes im Mittelpunkt stand, weniger Notre Dame selbst. Die erzählte Geschichte ist voller menschlicher Irrtümer und Tragödien. Sie spielt im 16. Jahrhundert unter König Ludwig XI., und beruht auf dem zur Weltliteratur zählenden Roman von Victor Hugo aus dem Jahr 1831.

Filmprogramm (Foto: © Verlag Unucka)

Der Streifen von 1939 (Regie: William Dieterle), in der Charles Laughton den stummen und buckligen Glöckner Quasimodo spielt, und Maureen O’Hara die von ihm heimlich verehrte Esmeralda, wirkte mit seinen eigenartig-gruseligem Untertönen faszinierend auf mich, war aber auch wegen der für die damalige Zeit beeindruckenden Aufnahmen mehr als sehenswert, auch wenn sich die Macher nicht immer an die Vorlage von Hugo hielten. Das aber erfuhr ich erst viel später.

Esmeralda, die blutjunge Maureen O’Hara als 19jährige in ihrem ersten Spielfilm, tanzt, flirtet  und wirbelt auf den Straßen von Paris. Eine aufregende Darbietung!. Noch stärker überzeugte mich der behinderte Glöckner Quasimodo. In schier aussichtsloser Liebe war er zu der blendenden Schönheit entbrannt und fühlte sich – obwohl ein allseits verspotteter „Krüppel” – berufen, Esmeralda vor jedweden männlichen Zudringlichkeiten zu schützen. Die Obsession Quasimodos wird verstärkt, weil die junge Frau als einzige Mitleid mit ihm zeigt. Als Esmeralda später als Hexe verfolgt wird, setzt Quasimodo sein Leben aufs Spiel, um sie zu schützen. Sie wird schließlich nach zahlreichen Verwicklungen gerettet und findet die große Liebe, Quasimodo bleibt alleine zurück…

Das erste Kennenlernen von Notre Dame beruhte für mich also auf einem Hollywood-Produkt weitab vom tatsächlichen Schauplatz. Dabei waren die Ereignisse rund um die Kathedrale anschaulicher und bewegender als die Kirche selbst, die nur das Gerüst für das Drama abgab. Erst später lernte ich einiges mehr über das prächtige Bauwerk, vor allem, nachdem es als eines der Wahrzeichen von Paris immer mehr zur Touristenattraktion wurde. Für Millionen Menschen wurde es zur Pflicht, die Kirche aufzusuchen oder abzulichten. 

Noch spektakulärer für die Weltöffentlichkeit rückte Notre Dame durch den Brand vom 15. April 2019 neuerlich in den Blickpunkt. Doch noch in der Nacht des Feuers wurde der öffentliche (und private) Wille manifestiert, Notre Dame als Kulturstätte und religiöse Institution wieder aufzubauen. Das aber dürfte dauern…


Die wichtigsten Verfilmungen von Der Glöckner von Notre Dame und Ihre Hauptdarsteller sind 1923/24: Lon Chaney und Patsy Ruth Miller, Regie: Wallace Worsley. – 1939: Charles Laughon und Maureen O’Hara, Regie: William Dieterle. – 1956: Gina Lollobrigida und Anthony Quinn, Regie: Jean Delannoy.