Im Herbst seines Lebens bedauerte Karl Wollenberger – wir nannten ihn „Wolli“ – , dass er nie ein Tagebuch geführt oder wenigstens Notizen niedergeschrieben hatte, um sich in späteren Jahren an Ereignisse seiner Jugend präzise erinnern zu können. So blieben oft nur grobe Bilder in seinem Kopf, die Details ließen sich nicht mehr aus dem Gedächtnis hervorholen. „Wolli“ erzählte mir achselzuckend, er habe zwar immer noch eine klare Vorstellung davon, Anfang der 60er Jahre bei seinem New York-Besuch nahe des Central-Parks genächtigt zu haben, aber ob sich die Schlafstätte in der 56. oder 57. Straße befunden hatte, löste nur ein resigniertes Achselzucken aus. Die Antwort auf die eigene Frage war nach so vielen Jahren belanglos, aber die Lücke nicht schließen zu können, fand er ärgerlich, obwohl er grundsätzlich nicht pingelig oder überkorrekt war. Oder vielleicht doch?
„Wolli“ hätte sich auch gerne daran erinnert, in welchem Broadway-Theater er den Entertainer Jack Benny erlebt hatte, auch wenn er mangels ausreichender Sprachkenntnisse nur die Hälfte von dem verstanden hatte, was der berühmte Schauspieler und US-Komiker von sich gab. Und lange dachte er im Gespräch mit mir darüber nach, wo er den Drummer Gene Kruba erlebt hatte, jenen Gene Kruba, der an seinem Instrument mit wirbelnden Stöcken lange Solonummern trommelte und so zum Superman der Schlagzeuger geworden war – ein Energiebündel!
Doch so sehr sich „Wolli“ auch mühte, die Bilder vor seinen Augen blieben verschwommen: er sah ein großes, rauchgeschwängertes Restaurant, gefüllt mit Menschen, die auf engem Raum tanzten, oder essend und trinkend in Nischen saßen, während Krupa das Schlagzeug malträtierte. Doch in welcher Stadt war das gewesen? „Wolli“ hatte bei seiner Reise New York, Philadelphia und Washington besucht; Philadelphia kam nicht in Frage, weil er sich dort nur tagsüber aufgehalten hatte, aber ihn quälte das Rätsel, ob er Krupa im New Yorker Quartier Greenwich Village, am Broadway oder in einem Etablishement der Hauptstadt gesehen (und vor allem: gehört) hatte.
„Wolli“ dachte lange nach, schaute mich immer wieder nachdenklich an und schüttelte dann den Kopf, enttäuscht von sich selbst. Der Schauplatz des Krupa-Auftritts blieb im Dunkeln, so lange er auch grübelte. Am Ende entschied er sich für Washington, aber war das nicht egal? Immerhin hatte er in Jack Benny und Gene Kruba zwei der erfolgreichsten amerikanischen Künstler des vergangenen Jahrhunderts live erlebt. Und die Erinnerung an den Schlagzeuger Krupa war ihm am Ende wirklich wichtiger als der Ort, an dem er ihn gehört hatte. Sagte er jedenfalls…
PINNWAND: Eugene Bertram („Gene“) Krupa, legendärer Schlagzeuger und Bandleader, wurde am 15. Januar 1909 in Chicago geboren und starb am 16. Oktober 1973 in New York. – Der Entertainer Jack Benny kam 1884 in Chicago als Benjamin Kubelsky zur Welt, der Tod ereilte ihn 1974 in Los Angeles.
