Der „Gagarinsche Start“ in Baikonur und das Kosmodrom Wostotschny

Der so genannate „Gagarin-Start“ in Baikonur wird umgebaut, gleichzeitig werden im russischen Kosmodrom Wostotschny bereits erste Start mit der Sojus-Rakete durchgeführt.

Wie der Raumfahrt-Journalist Gerhard Kowalski auf seiner Website meldete, hat das Ministerium für Luft- und Raumfahrt Kasachstans kürzlich mitgeteilt, dass die legendäre Gagarin-Rampe in Baikonur von 2020 bis 2023 umgebaut und modernisiert wird, um danach bemannte Starts mit kompletter digitaler Software aus Russland zu ermöglichen und damit die aus der Ukraine stammenden Systeme zu ersetzen. Der „Gagarinsche Start”, wie er in Russland meist genannt wird, hat Berühmtheit erlangt, weil von hier nicht nur der erste Sputnik, sondern auch der erste Mensch in eine Erdumlaufbahn gebracht wurde. Lange war spekuliert worden, die Startrampe werde gänzlich geschlossen, weil am Amur im Fernen Osten gegenwärtig das neue russische Kosmodrom Wostotschny entsteht.

Baikonur und Wostotschny – das ist eine vielschichtige Angelegenheit. Baikonur ist alt, aber legendär, Wostotschny neu und noch in den Kinderschuhen steckend, was Raumfahrt-Starts anbelangt. In Wostotschny wurden seit 2016 fünf Starts mit Sojus-Raketen durchgeführt. Zwei davon verliefen nicht ohne Probleme. Im April 2016 musste der Jungfernflug einer Sojus-Rakete wegen eines technischen Fehlers verschoben werden, im November 2017 arbeiteten Bodeneinrichtungen und Träger einwandfrei, doch verfehlte der an Bord befindliche Satellit sein Ziel.  Am 1. Februar und 27. Dezember 2018 sowie am 5. Juni 2019 starteten Sojus-Raketen jedoch ohne Probleme mit der Nutzlast in den Weltraum.

Raketenstart ins All. Aufbruch in Wostotschny. (Foto: Swift Publisher)

Der Alltag der Raumfahrt in Wostotschny, das auf deutsch etwa „Östlicher Weltraumbahnhof“ heisst – die örtliche Tageszeitung im nahe gelegenen Blagoweschtschensk bezeichnet Wostotschny übrigens schlicht als „Baikonur Ost” – , hat also begonnen. Und begonnen wurde auch mit den Bau einer zweiten Startrampe, von der aus Angara-Raketen (in unterschiedlichsten Versionen) abheben sollen. Doch wer über das neue Wostotschny schreibt, muss zwangsläufig erst einmal auf Baikonur eingehen. Dieses „Baikonur” war am 2. Februar 1955 durch Beschluss des sowjetischen Ministerrates beim Dörfchen Tjuratam in der unwirtlichen Steppe Kasachstans als „Versuchschießplatz Nr. 5 des Ministeriums für Verteidigung” entstanden.

Damals ahnte niemand, dass dieser Ort in den folgenden Jahrzehnten als Kosmodrom Baikonur zu weltweitem Ruhm gelangen würde: – und auch von Katastrophen nicht verschont blieb. Im Oktober 1960 verloren bei der Explosion der Interkontinentalrakete R 16 zahlreiche Menschen ihr Leben. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken noch heute. In verschiedenen Veröffentlichungen werden zwischen 74 und 156 Tote genannt.

Kosmonauten

Von Baikonur/Tjuratam aus aber flogen die ersten Kosmonauten ins All und neben vielen militärischen Starts erfolgten auch wissenschaftliche Reisen zu Mars, Venus und Mond. Raumfahrer vieler Länder brachen ebenfalls von hier zu Erdumkreisungen auf. Für bemannte Missionen werden die Rampen 1 (Gagarin-Start) und 31 genutzt. Letztere hauptsächlich vom Militär, sie steht aber auch als Ersatz für bemannte Starts zur Verfügung, falls die Gagarin-Rampe wegen Wartungsarbeiten ausfällt oder Doppelstarts zu bewältigen sind. Von den 147 bemannten Missionen (Stand: August 2019) erfolgten jedoch nur 17 von der Position 31. In den Jahren zwischen 1984 und 2012 gab es von dieser Rampe überhaupt keinen bemannten Flug, doch starten hier häufig Progress-Frachter.

Im Juni 2017 wurde überraschend beschlossen, in Baikonur eine weitere Startposition zu errichten. Von dieser soll die in Planung befindliche Rakete Sojus–5 mit dem in Entwicklung befindlichen neuen, bemannten Raumschiff Russlands abheben. Nach ursprünglichen Vorstellungen sollte dieser Raketen-Raumschiff-Komplex eigentlich mit Angara-Raketen von Wostotschny aus ins All fliegen, doch wurden diese Festlegungen modifiziert. Warum auch immer?

Weit im Osten

Trotz des Ruhms von Baikonur hat mit der Inbetriebnahme von Wostotschny für Russlands Raumfahrt ein neues Zeitalter begonnen. Von hier aus sollen in den nächsten Jahren unbemannte und später auch bemannte Raumschiffe sowie Mondexpeditionen starten. Der wichtigste Grund für den Bau von Wostotschny war der Umstand, das Baikonur für Russland im „Ausland” liegt. sowohl aus ökonomischen wie auch strategischen Gründen eine Hypothek für Moskau, das jährlich 115 Millionen Dollar Pacht an Kasachstan zahlt.

Der Beschluss zum Bau eines neuen Kosmodroms war von Russland 2007 gefasst worden. Das Suchen nach dem geeigneten Standort dauerte Monate, weil viele Faktoren berücksichtigt werden mussten, schließlich fiel die Wahl auf das Amurgebiet und dort auf ein Gebiet in der Nähe von Swobodny, einem ehemaligen militärischen Raketengelände und Straflager, etwa 100 km östlich der Grenze zu China, 150 km nördlich der Stadt Blagoweschtschensk und etwa 1000 km nordwestlich von Wladiwostok. Dass die Transsibirische Eisenbahn, eine Autostraße und der Amur nahe des neuen Kosmodroms vorbeiführen, war eine wichtige Komponente bei der Auswahl.

Insgesamt umfasst das Kosmodrom eine Fläche von „nur” 750 Quadratkilometern, was etwa der Größe Hamburgs entspricht, und liegt ähnlich wie der Militär-„Schießplatz” Plessezk (1762 Quadratkilometer) inmitten von Taiga-Wäldern. Zentrum des Kosmodroms ist das winzige Städtchen Uglegorks, das inzwischen auf Anregung von Putin nach dem geistigen Vater der russischen Raumfahrt in Ziolkowski umbenannt worden ist.

Streik

Ehe 2012 der erste Spatenstich erfolgte, hatten die konkreten Planungen, Modellentwürfe und Vermessungsarbeiten fünf Jahre in Anspruch genommen. Seitdem wird ständig aktiv am Weltraumbahnhof gearbeitet – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, weil es wegen ausbleibender Lohnzahlungen zu Arbeitsniederlegungen kam und auf „höherer Ebene” Gelder veruntreut wurden.

Obwohl manche westliche Medien bei der Berichterstattung den Bau gerne nur dann erwähnen, wenn er mit negativen Schlagzeilen garniert werden kann, schreiten die Arbeiten vor Ort voran, zügiger jedenfalls als bei manchen großen Bauvorhaben in Deutschland (Flughafen Berlin-Brandenburg, Stuttgart 21).

Das Unternehmen ist auch keineswegs nur ein persönliches Prestigeobjekt für Putin, obwohl das immer wieder behauptet wird. Der Weltraum-Startplatz im Fernen Osten ist für die russische Raumfahrt schon seit Jahren zur zwingenden Notwendigkeit geworden. Schließlich ist kommerzielle Raumfahrt auch für Russland ein einträgliches Geschäft geworden – und das erfordert Unabhängigkeit von anderen Ländern.

Unterdessen wächst der Raumflughafen stetig. In zwei Kilometer Entfernung vom Startkomplex befindet sich das Technische Zentrum mit der Halle für die Endmontage der Raketen. Fertiggestellt wurden außerdem Fabriken zur Herstellung von flüssigem Sauerstoff und Stickstoff-, ein Heizkraftwerk, mehrere Messpunkte für Telemetrie-Daten, ein Kosmonauten-Trainingszentrum sowie diverse anderen Betriebe. Raumfahrer werden hier allerdings erst in fernerer Zukunft starten, da für eine mögliche Nordpazifik-Wasserung bei einem Fehlstart noch keine geeigneten Schiffe und Gerätschaften zur Verfügung stehen

Der Flughafen ist noch nicht fertiggestellt, ein moderner Bahnhof sowie Wohnhäuser, Geschäfte, Bildungs- und Kulturstätten für demnächst wahrscheinlich 40 000 Einwohner runden das Bild ab.

Arbeitsbühne

Der Startkomplex selbst hat gegenüber den Rampen in Baikonur und Plessezk eine Änderung erfahren. Wie auf den Weltraumbahnhof in Korou in Französisch-Guyana gibt es jetzt auch in Wostotschny eine mobile Arbeitsbühne, die die Rakete komplett umhüllt, so dass die Arbeit für die Techniker erleichtert und die Rakete vor Witterungseinflüssen geschützt wird. Ingenieure, die den ähnlichen Komplex in Korou gebaut haben, waren auch in Wostotschny im Einsatz. Umso erstaunlicher, dass im September 2018 unter diesem beweglichen Arbeitsturm Hohlräume entdeckt wurden, die von einer Spezialfirma geschlossen werden mussten.

Die in Wostotschny startenden Träger verwenden im übrigen keine giftigen Chemikalien wie etwa die Proton in Baikonur, sondern ausschließlich Kerosin als Treibstoff und flüssigen Sauerstoff als Oxydator, die ausgebrannten Stufen gehen auf unbewohntem Land oder im Meer nieder.

Neufassung vom 8. August 2019

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