Detektiv Kolvenbach steht mit leeren Händen da

Herr Kolvenbach, seines Zeichens Detektiv, blickt auf ein leeres Auftragsbuch. Des Privatschnüfflers Konto löst sich langsam in Luft auf: Die Pandemie hat auch ihn erwischt.

Kolvenbach war schlecht gelaunt. Es wäre leicht gewesen, das miserable Wetter dafür verantwortlich zu machen, denn der Himmel war grau, seit Tagen nieselte es, und an den Nachmittagen wurde es viel zu früh dunkel in der Stadt. Das Düstere dieser Stunden war keineswegs nach dem Geschmack von Kolvenbach, es war jedoch nicht der Grund für sein Unbehagen. Es waren seine leeren Taschen… Auftragsmäßig und geldmäßig!

Das Virus hatte Kolvenbach eingeholt. Medizinisch betrachtet war er bisher von einer Ansteckung verschont geblieben, doch die vielfältigen Beschränkungen des öffentlichen Lebens trafen ihn genau so wie andere Geschäftsleute. Aufträge, mit denen er ohnehin nicht gerade gesegnet gewesen war, blieben aus, was kein Wunder war, saßen die üblicherweise auf Abwegen wandelnden Menschenkinder eher brav zu Hause und pflegten das vorgeschriebene Familienleben. Es war keine Zeit für unerlaubte Seitensprünge, ein Zustand, den Kolvenbach schmerzhaft zu spüren bekam.

Kolvenbach war kein James Bond, noch nicht einmal ein Josef Matula, den er sich früher gerne im Fernsehen angeschaut hatte. Er war 51 Jahre alt, hager, mit ausgeprägter Nase und buschigen Augenbrauen, ein Typ, der ein bisschen an den jungen Jean Gabin und dessen Maigret-Rolle erinnerte, seine Haare wuchsen jedoch eher spärlich. Ein Durchschnittstyp, der trotz seines nicht gerade angesehenen Berufsstandes bemüht war, ein seriöses Auftreten an den Tag zu legen. Aus seiner Sicht war eine gepflegte Kleidung Voraussetzung für den Erfolg. Meistens trug er einen Hut, manchmal benutzte er eine Schirmmütze britischen Ursprungs; auch eine Basketballkappe gehörte zu seinen Utensilien. Selten trug er eine Krawatte, weil sie ihm die Luft abzuschnüren drohte. Und er vermied es, einen Trenchcoat anzuziehen. Zu viel Klischee. Ein schlichter Wintermantel tat es auch.

So war er eine unauffällige Erscheinung in der großen Stadt. Ein Mann, der leicht zu übersehen war. Verheiratete Frauen oder Männer, die er ohne große innere Anteilnahme ablichtete oder belauschte, wenn sie auf Abwegen waren, nahmen ihn selten wahr. Einmal hatte er sich sogar mit einem von ihm observierten Paar unterhalten, indem er den unwissenden  Touristen spielte, aber keiner der beiden schöpfte Verdacht.

Liebespaar
Nehmt Euch in acht vor Kolvenbach. (Foto: Clipdealer)

Solche Unverfrorenheit trug nicht unerheblich zu Kolvenbachs Einkommen bei. Er profitierte auch davon, dass das Fotografieren mit Smartphones zur Sucht geworden war und die Qualität dieser im Vorübergehen geknipsten Bilder sich auf durchaus belastbarem Niveau bewegte. Niemand fand etwas dabei, wenn er mit seinem Handy fotografierte. Für wichtige Recherchen, besonders in den Nächten, benutzte er indessen lieber eine Kamera mit Teleobjektiv. 

Auf diese unschöne Weise hatte Kolvenbach für manche Trennung oder Scheidung gesorgt, oftmals mit höchst unangenehmen Folgen für die Betroffenen, was ihn allerdings kaum berührte. Gelegentlich aufkeimende Gewissensbisse schob er beiseite. Menschen zu beobachten, auszuhorchen und in letzter Konsequenz zu denunzieren, war für ihn Berufsalltag. Skrupel konnte (und wollte) er sich nicht leisten.

Kolvenbach dachte wehmütig an die Tage zurück, die ihm zwar keinen Reichtum, aber doch ein einigermaßen geregeltes Einkommen verschafft hatten. Als freier Unternehmer hatte er zwar schon immer Höhen und Tiefen erlebt, aber die Pandemie hatte ihn innerhalb weniger Monate aus der Bahn geworfen, sein Erspartes verschwand schneller von seinem Konto, als er es anfangs für möglich gehalten hatte. Es waren in diesen freudlosen Tagen also nicht nur Künstlerinnen oder ihre männlichen Kollegen, nicht nur Kinos, Haarstudios, Restaurants und andere Geschäfte, die um das wirtschaftliche Überleben kämpften, auch er als Privatschnüffler, wie er sich selbst in Phasen selbstkritischer Anwandlungen zu nennen beliebte, näherte sich unerwartet schnell der Insolvenz. 

Kolvenbach sah kein Licht am Ende des Tunnels. Eine andere Beschäftigung, womöglich in einem Team oder in einem Job, der Kompromissbereitschaft oder Unterordnung verlangen würde, konnte er sich nicht vorstellen, ganz abgesehen von wahrscheinlich geforderten beruflichen Qualifikationen. Er seufzte, schlug den Mantelkragen über den dicken Schal und schritt ohne Hoffnung durch die nasskalte Stadt…