Anekdoten um Chandler, Tucholsky und Hitchcock

Anekdoten berichten in verkürzter Form von angeblichen Tatsachen, deren Wahrheitsgehalt jedoch oft umstritten ist: Beispiele von Raymond Chandler, Kurt Tucholsky und Alfred Hitchcock.

Eine Anekdote ist die Wiedergabe einer wahren oder erfundenen Begebenheit, die den Charakter eines Menschen oder eines Ereignisses erhellt. „Anekdoten berichten”, so teilt uns die Enzyklopädie Wikipedia mit, „vorgeblich Tatsachen, die jedoch oft nicht verbürgt sind”. Zu beurteilen, ob ein geschilderte Vorgang oder ein Zitat wahr sind oder nicht, wird dem Leser oder Hörer überlassen. Ähnlich wie bei Gerüchten darf aber unterstellt werden, dass stets ein Körnchen Wahrheit in Anekdoten enthalten ist. Über eine berichtet Willi Winkler in dem Buch Humphrey Bogart und Hollywoods Schwarze Serie.

Winkler hatte herausgefunden, dass vom Filmklassiker Tote schlafen fest (Originaltitel Big Sleep) mit Lauren Bacall und Humphrey Bogart – Regie: Howard Hawks – keine ausführliche Beschreibung existiert, weil niemand sie wegen der verschlungenen Handlung des Romans und des Films zusammenbekommt: „Zu viele Namen, zu wenig Erklärung stürmen auf den Zuschauer ein”. Unterstrichen wird Winklers Erkenntnis von Raymond Chandler, dem Autor des Romans, der seinem Londoner Verleger schrieb:

„Ich erinnere mich noch, als Howard Hawks den Big Sleep machte, er und Bogart in Streit gerieten, ob eine der Figuren nun eigentlich ermordet worden sei oder Selbstmord begangen habe. Sie schickten mir ein Telegramm, um mich zu fragen, und verdammt noch mal, ich wusste es selber nicht…!”

Ob wahr, halbwahr oder erfunden, das ist nicht die Frage. Eine interessante Pointe ist es auf jeden Fall. 

Tucholskys Pseudonyme

Aus dem Literaturbetrieb fällt mir da die Geschichte von Kurt Tucholsky ein, der in der alten Schau– und späteren Weltbühne vor über hundert Jahren Texte unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, zuvorderst unter den Namen Peter Panter, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Kaspar Hauser, wobei zunächst kaum jemanden bekannt war, wer sich hinter all diesen Namen verbarg. Die Vielzahl der Aliase war darauf zurückzuführen, dass Tucholsky als Hauptautor der Weltbühne nicht überpräsent sein wollte „Eine kleine Wochenschrift” schrieb Tucholsky 1927, „mag nicht viermal denselben Namen in einer Nummer haben”, und fügte augenzwinkernd hinzu, Siegfried Jacobsohn, Herausgeber der Weltbühne, habe ihm Briefe wie den folgenden gezeigt:

„Sehr geehrter Herr! Ich muß Ihnen mitteilen, daß ich Ihr geschätztes Blatt nur wegen der Arbeiten Ignaz Wrobels lese. Das ist ein Mann nach meinem Herzen. Dagegen haben Sie da in Ihrem Redaktionsstab einen offenbar alten Herrn, Peter Panter, der wohl das Gnadenbrot von Ihnen bekommt. Den würde ich an Ihrer Stelle…”

Fast zu gut, um wahr zu sein. Zu sehr ist Kurt Tucholskys unverwechselbar ironischer Tonfall in diesem Brief zu spüren. Auch für einen der bedeutendsten Satiriker und Gesellschaftskritiker im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts war es nicht leicht, unterschiedliche Schreibweisen zu pflegen. Die Existenz von Panter, Tiger und Co war für ihn selbst eine „heitere Schizophrenie”, vor allem, als die Namen (und damit auch die Beiträge) anfingen, ihr stilistisches Eigenleben zu entfalten.

Hitchcock in der Zelle

Von Regisseur Alfred Hitchcock ist verbürgt, dass er im Laufe seiner Karriere unzählige Male eine Episode aus seiner Kindheit zum Besten gab.

„Ich war ein wenig jünger als sechs, als ich etwas anstellte, für das meinem Vater eine Bestrafung angemessen erschien. Er schickte mich mit einer Notiz in der Hand zur nächsten Polizeiwache. Der Wachtmeister las sie und sperrte mich für fünf Minuten in eine Zelle. Dabei sagte er: ‚Das machen wir mit ungezogenen kleinen jungen Jungen.‘

Ob wahr oder nicht, das spielt auch in diesem Fall keine Rolle. Denn Hitchcock erzählte diese Episode so oft (und sogar im Fernsehen), dass er – so berichten Biografen und Zeitgenossen – am Ende selbst nicht mehr wusste, ob sein Gang zur Wache tatsächlich stattgefunden hatte, oder nur seiner blühenden, kindlichen Fantasie entsprungen war. Vielleicht diente die Erzählung nur dazu, seine tatsächlich vorhandenen Ängste vor der Obrigkeit zu erklären.

(Quellenhinweise: „Humphrey Bogart und Hollywoods Schwarze Serie” von Willi Winkler, Heyne-Filmbibliothek München, 1985; „Panter, Tiger und Co” von Kurt Tucholsky, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag Hamburg, 1985; Alfred Hitchcock, die dunkle Seite des Genies von Donald Spoto, Kabel-Verlag Hamburg, 1984; „Alfred Hitchcock - Sämtliche Filme” von Paul Duncan, Taschen-Verlag Köln, 2019)